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Meleager Bild1

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Meleager
Fragment eines Sarkophages
Inv.-Nr. Sk 118

Nachgallienisch, 270–280 n. Chr.

Weißer, großkristalliner Marmor, gelblich patiniert.

H 53 cm
B 31 cm
Wandstärke des Reliefgrundes ca. 4 cm



Zugang: Erworben 1961 im Kunsthandel bei Donati, Lugano. (Zuvor in den späten 50er Jahren des 20. Jhs. im römischen Kunsthandel bei Bardini. 1972–1986 als Leihgabe im Liebieghaus, Frankfurt am Main.)


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Allseitig gebrochen. Figur vom Kopf bis zum r. Leistenkanal mit Ansatz des Oberschenkels erhalten; l. Bruchkante entlang r. Flanke der Figur durch den Oberarm, r. Bruchkante schräg durch Unterleib, Chlamys und l. Oberarm; r. Augenbraue und Wange mit Gips ausgeflickt, Reste einer Gipsflickung an der Nasenspitze. Gewandfalten bestoßen, ebenso r. Schulter, Brust und Hüfte. Kleine Verletzungen an Frisur, Ohr, Nase und Kinn sowie r. Körperhälfte. Dunkle Sinterspuren. Vier verfüllte Dübellöcher einer modernen Befestigung auf der RS, eins auf der oberen Bruchfläche. Restaurierung 1986: gereinigt, entsintert, mit Standdübel montiert.

Beschreibung: Das Relieffragment zeigt einen Mann in Ausfallstellung nach rechts, sein rechtes Bein ist zurückgesetzt. Der Rumpf neigt sich stark nach vorne, ebenso der Kopf, über den sich der Reliefgrund in einer Kehlung vorwölbt. Der Mann ist mit einer Chlamys bekleidet, die auf seiner rechten Schulter geschlossen ist. Sein linker Arm war gesenkt, sein rechter in einer ausholenden Bewegung vom Körper weg nach hinten geführt. Buckelartige Wölbungen geben die kleinteilige Muskulatur wieder, der Leistenkanal ist als kantiger Absatz ausgeführt. Über der rechten Hüfte befindet sich neben dem Nabel eine längliche, schräg verlaufende Bruchstelle. Auf der Hüfte selbst sind Ansatzspuren und Reste von Fingern zu erkennen.

Der blockhafte Kopf sitzt auf einem kräftigen Hals. Die Stirn ist gebuckelt, die Brauenbögen ziehen sich über der Nasenwurzel zusammen, so dass sich dort zwei senkrechte Falten bilden. Dicke wulstige Oberlider und breite betonte Unterlider sorgen für eine starke Konturierung der großen länglichen Augen. Die Augäpfel quellen leicht vor. Unmittelbar unter dem Oberlid sitzt jeweils eine große tiefe Pupillenbohrung, ähnliche Bohrlöcher geben die inneren Augenwinkel an. Die Nasenflügel sind außerordentlich breit. Unterhalb der Nasenspitze befindet sich eine weitere Bohrung. Die Winkel des kleinen schmallippigen Mundes sind nach unten gezogen. Das Inkarnat ist kräftig durchmodelliert, die Ohren etwas geschwollen.

Das kurzgeschnittene Haar bildet eine flache, leicht plastische Kappe mit Geheimratsecken. Es gliedert sich in Flocken, die durch einzelne Meißelhiebe unterteilt sind. Am Hinterkopf beschränkt sich die Wiedergabe auf kurze Meißelschläge. Der Oberlippenbart und der kurze Vollbart, der bis auf den Hals hinabreicht, sind auf ähnliche Weise angegeben. Sie zeigen kaum Plastizität.

Rechts neben dem Gesicht ist ein ringförmiges Gebilde zu erkennen, unmittelbar links neben dem Kopf Reste, die möglicherweise von einem Unterarm und einem Handballen stammen. Die unregelmäßige, stellenweise abgeplatzte Oberfläche der Rückseite zeigt ungleichmäßig verteilte Pickungen. Der Reliefgrund ist von annähernd gleichmäßiger Wandstärke.

Der über dem Kopf der Figur vorspringende Reliefgrund zeigt, dass es sich bei dem Fragment um das Bruchstück einer Sarkophagwandung handelt (Berger 1962). Es muß unmittelbar unter ihrem gekehlten oberen Rand gesessen haben. In ihrer Haltung und Kleidung entspricht die Figur der Typologie von Darstellungen des Meleager bei der Kalydonischen Eberjagd (Berger 1962). Das Thema war auf den stadtrömischen mythologischen Sarkophagen äußerst beliebt (Koch – Sichtermann 1982). Die Bruchstelle über der Hüfte des Meleager gehörte zu der Saufeder, mit der er gerade den entscheidenden, leicht abwärts nach rechts gerichteten Stoß gegen den Eber ausführt (Berger 1962, Fittschen 1975).

Der Kopf des Heros zeigt klare Übereinstimmungen mit Porträts der nachgallienischen Phase zwischen 270 und 280 n. Chr. (Heintze 1959; Matz 1970; Koch 1975, 96), folglich muß der Sarkophag, zu dem das Kasseler Fragment gehörte, in dem gleichen Zeitraum entstanden sein.

Verschiedentlich wurde angenommen, dass es ursprünglich Teil der Mittelgruppe des Meleagersarkophages im Frankfurter Liebieghaus war. Daher wurde es probehalber mit den dortigen, allerdings nicht anpassenden, Fragmenten zusammengefügt (Matz 1970, Andreae 1972, Koch 1975). Die These hat sich jedoch als nicht haltbar erwiesen, da das Kasseler Fragment in der Wandungsstärke seines Reliefgrundes und in der Bearbeitung seiner Rückseite deutlich von den Frankfurter Bruchstücken abweicht (Fittschen 1975). Zudem konnte die Zusammengehörigkeit der Fragmente auch durch mineralogische Untersuchungen nicht zweifelsfrei erwiesen werden (Andreae 1972, Fittschen 1975), einer neueren Isotopenanalyse zufolge ist sie sogar eher unwahrscheinlich (Bol 1983). Es ist hingegen anzunehmen, dass der Kasseler und der Frankfurter Sarkophag sich zumindest in der Gestaltung ihrer Mittelgruppe stark ähnelten. Ob es weitergehende Übereinstimmungen gab, ist nicht zu sagen (Fittschen 1975).

Das ringförmige Gebilde vor dem Kopf des Kasseler Meleager gehört höchstwahrscheinlich zum Köcher der Atalante, die in dieser Position meist Bestandteil der Mittelgruppe ist (Matz 1970, Fittschen 1975). Die Reste hinter Meleagers Kopf sind wohl als Unterarm und Teil der Innenfläche einer linken Hand zu erklären (Matz 1970; Koch 1975, 95). Wie die Finger auf der Hüfte des Heros gehörten sie zu einer links neben ihm angeordneten Gestalt. Wahrscheinlich handelte es sich um einen der Dioskuren, der an der gleichen Stelle mit einer derartigen Gebärde häufiger belegt ist (Matz 1970, Andreae 1972, Fittschen 1975). Es bleibt aber unklar, wie das Relief über die Mittelgruppe hinaus zu ergänzen ist.

Der beschriebene Figurentypus des Meleager ist auf zahlreichen Sarkophagen anzutreffen. Er ist durch die Handlung festgelegt (Fittschen 1975). Daher entspricht er in seiner Haltung wohl dem Archetypus der Meleagersarkophage, der anscheinend in mittelantoninischer Zeit unter Verwendung älterer Vorbilder in römischen Sarkophagwerkstätten entstanden ist (Koch 1975, 8 ff.; Fittschen 1975; Koch – Sichtermann 1982). Seit Beginn des 3. Jhs. n. Chr. konzentriert sich die Darstellung des Meleagermythos in den Sarkophagreliefs auf die ruhmreiche Jagd (Koch 1993, 78). Vom zweiten Viertel des 3. Jhs. an betont die Figur des Meleager das Zentrum der Komposition (Koch 1975, 9; Koch – Sichtermann 1982).

Der fein gearbeitete Kopf des Kasseler Fragmentes ist eindeutig als zeitgenössisches nachgallienisches Porträt gestaltet. Es identifiziert den verstorbenen Sarkophaginhaber mit dem mythischen Helden. Darin liegt ein Verweis auf seinen Mut und seine Tüchtigkeit (Virtus). Der Mythos wird zur Allegorie, er verbildlicht einen Wertbegriff, der dem Auftraggeber wichtig ist und dem Zeitgeist des unruhigen 3. Jhs. n. Chr. entspricht (Fittschen 1975).

Publiziert:
H. v. Heintze, RM 66, 1959, 184 ff. Nr. 26 Taf. 52, 3. 4; Berger 1962, Nr. 8; F. Matz, in: A. Toynbee – K. Christ (Hrsg.), FS J. Vogt, Saeculum 21, 1970, 180 ff. Abb. 2; R. Lullies, AA 1972, 1 ff. Abb. 3; B. Andreae – G. Oehlschlegel – K. Weber, JdI 87, 1972, 388 ff. Abb. 2–4; K. Fittschen, Der Meleagersarkophag, Liebieghaus-Monographien 1 (1975).


Literatur: Zu Meleagersarkophagen: G. Koch, ASR 12, 6 (1975) 95 f. Nr. 30 Taf. 45. 50; G. Koch – H. Sichtermann, Römische Sarkophage (1982) 161 ff.; G. Koch, Sarkophage der Römischen Kaiserzeit (1993) 78. – Zum Frankfurter Sarkophag: Bol 1983, 282 ff. 286 zu Nr. 117.

(NZE)

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