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Grabstein der Aiberga Bild1

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Grabstein der Aiberga

Inv.-Nr. Sk 71

Spätantik-frühmittelalterlich, 6. Jh. n. Chr.

Kalktuffstein.

H 53 cm
B 46,5 cm
T 8,4 bis 6,5 cm


Fundort: 1779 in einem Weinberg bei Kempten östlich von Bingen, südlich der Römerstraße nach Mainz, laut Inventar zusammen mit dem Grabstein Kat. 8.14, »einer fränkischen Fibel, einer Metallkugel mit Asche, silbernen Schnallen und drei Messern«.

Zugang: 1779 durch Legationsrat Schmidt v. Rossau für Friedrich II. erworben, am 6.4.1779 nach Kassel ins Kunsthaus gebracht.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: L. untere und r. obere Ecke fehlen. Ausbrüche an den Kanten. Oberfläche bestoßen. Im 2. Weltkrieg beschädigt, r. untere Ecke abgebrochen und wiederangesetzt, besonders auf der RS schwarze Brandspuren. Oberfläche rötlich-dunkel verfärbt. Restaurierung 1985: gereinigt, geklebt.

Beschreibung: Die Stärke der rechteckigen Platte nimmt vom linken zum rechten Rand hin ab. Im oberen Teil trägt sie eine Inschrift in fünf Zeilen, die durch unregelmäßige Linien vorgerissen sind:

+ IN HOC SEPVLCH[RUM R] | EQIESCET IN PACE PVELL[A NO] | MINE AIbERGA Q VIXIT AN | NIS XXIXII ET MENSES V | ET DIES X

Die Abschlüsse der ersten vier Zeilen sind gleichmäßig gehalten, die Zeileneinteilung nimmt keine Rücksicht auf die Wortlänge. Der Text ist durchgehend geschrieben, ein großer Teil der letzten Zeile bleibt frei. Das O und das Q sind verhältnismäßig klein. Das L hat eine schräge Querhaste, das M schräge Außen- und weit herabreichende Mittelhasten, die Querhaste des A ist gebrochen. Das B ist kursiv und kleingeschrieben. Die Innenhaste des N in Zeile 3 läuft von links unten nach rechts oben. Die insgesamt klaren Buchstaben werden zum Ende der Inschrift hin höher und breiter. Sie sind zittrig eingemeißelt, die Oberfläche des Steins ist entlang ihrer Konturen teilweise gesplittert.

Unter der Inschrift befindet sich ein leicht nach rechts gekipptes, vereinfachtes Christogramm aus rechtwinklig aufeinanderstehenden Balken und den Buchstaben A und w, das von einem Kreis umschrieben ist. Die linke Seitenfläche der Platte ist geriffelt, die übrigen Seitenflächen und die Rückseite sind geglättet. In der linken Hälfte der Oberseite ist eine längliche Erhebung mit Bruchfläche zu erkennen.

Der Stein kennzeichnete eine Grabstätte, in der laut Inschrift ein Frau mit dem Namen Aiberga in Frieden ruhte, die 32 Jahre, 5 Monate und 10 Tage gelebt hat. Das Kreuz am Textanfang und das seit der Spätantike geläufige Christogramm weisen Aiberga als Christin aus. Ihr Name ist germanischen Ursprungs (Boppert 1971, Schmitz 1991). Die Zeileneinteilung durch vorgerissene Linien ist in frühchristlichen Inschriften geläufig (Schmitz 1991).

Angesichts des ursprünglich zur Verfügung stehenden Platzes und der Zeilenfüllung muß man annehmen, dass in Zeile 1 sepulchrum statt der korrekten Kasusform sepulchro zu ergänzen ist (Boppert 1971). Das gegenüber der klassisch-lateinischen Form eingefügte h findet Parallelen in weiteren Grabinschriften des Mittelrhreingebietes (Boppert 1971). Das gleiche gilt für den Kasuswechsel (Engemann – Rüger 1991, Nr. 14), den Ausfall von -u, bzw. -ui hinter dem q in Zeile 2 und 3 (Boppert 1971) und die Vokalverschiebung zu requiescet statt requiescit (Boppert 1971, Schmitz 1991). Der Gebrauch der Form annis statt annos ist in mittelrheinischen Inschriften häufiger anzutreffen (Boppert 1971; Engemann – Rüger 1991, Nr. 14). Das äußerst schmale e in puella in Zeile 2 ist nachträglich eingefügt. In spätantiken und frühmittelalterlichen Grabinschriften kennzeichnet dieser Begriff die Verstorbene als Frau im heiratsfähigen Alter (Schmitz 1991, 17 f. Anm. 58). Es wird allgemein angenommen, dass sich der Steinmetz bei der Haste zwischen dem zweiten und dritten Zehnerzeichen in Zeile 4 verschrieben hat (Boppert 1971).

Die Texte der spätantiken und frühmittelalterlichen Grabinschriften verwenden häufig wiederkehrende Formeln, die eine zeitliche Eingrenzung ermöglichen. Die erweiterte Eingangsformel in hoc sepulcro requiescit in pace spricht in Verbindung mit dem Kreuz am Textanfang und der Form des Christogramms für eine Datierung des Aiberga-Steins in das 6. Jh. n. Chr. (Boppert 1971; Engemann – Rüger 1991, 14. 70 ff. Nr. 14). Die vulgärlateinischen Lautverschiebungen, die grammatikalischen Fehler und Verschreibungen sind typisch für die frühchristlichen Inschriften des Mittelrheingebietes, dessen Bevölkerung mit dem ›klassischen‹ Latein nicht mehr vertraut war (Schmitz 1991). In spätantiker und frühmittelalterlicher Zeit lebten in der Region Romanen und Franken nebeneinander (Schmitz 1991). Dies trug zu einer Romanisierung der fränkischen Bevölkerungsgruppe bei, zu der auch Aiberga gehörte. In ihrer Grabinschrift, die sich von typisch merowingisch-fränkischen unterscheidet (Boppert 1971), wird der Romanisierungsprozeß sichtbar.

Die relativ dünne Steinplatte der Aiberga diente entweder zur Abdeckung des Grabes oder sie war in die Wand einer Grabkammer eingelassen (Schmitz 1991). Das Material ist zur Anbringung einer Inschrift eigentlich nicht geeignet, was sich an den gesplitterten Konturen der Buchstaben zeigt. Möglicherweise handelt es sich um einen wiederverwendeten Block (Schmitz 1991).

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 111; W. Boppert, Die Frühchristlichen Inschriften des Mittelrheingebietes (1971) 104 ff. mit Abb. (mit Lit.); J. und F. K. Azzola, Hessische Heimat 37, 1987, 3 f. Abb. 3. – Zur Inschrift: CIL XIII 7525.


Literatur: J. Engemann – C. B. Rüger (Hrsg.), Spätantike und Frühes Mittelalter (1991) 7 ff. (W. Schmitz) 70 ff. Nr. 14; 77 ff. Nr. 16. 17.

(NZE)

Grabstein der Aiberga  Bild1

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