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Aschenurne [Aurelius Terentus] Bild1

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Aschenurne [Aurelius Terentus]

Inv.-Nr. Sk 57

Tiberisch-frühclaudisch, 20–40 n. Chr.

Weißer, körniger Marmor mit dunklen Adern.

Kasten: H 51,5 cm mit Basis
38 cm ohne Basis
B 36 cm
T 32 cm (oben)
Deckel: H 20 cm
B 36,5 cm
T 31,5 cm (Unterkante)
T ursprünglich 28 cm


Fundort: Rom, Klostergarten von S. Eusebio, 1766

Zugang: 1778 im Besitz von G. Piranesi, durch Vermittlung von Hofrat Reiffenstein von Landgraf Friedrich II. erworben.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Ergänzungen vor 1777: Basis, l. vordere Ecke des Kastens mit Bukranion, oberem Teil der Kanne sowie oberem Tänienende mit Girlandenansatz auf der l. NS; auf der VS Girlandenansatz, Spitze des l. Eulenflügels und Tabula bis auf deren rechte untere Ecke; auf der r. NS oberer Rand der Schale und Teil des oberen Kastenrandes. Flügel und Köpfe der Sphingen separat gearbeitet. Flügel der l. Sphinx anscheinend z. T antik. Leichte Verletzungen der Oberfläche. Stabornament am unteren Rand des Kastens neuzeitlich eingeschnitten. Am nicht zugehörigen Deckel rückwärtiger Streifen von 3,5 cm Breite neuzeitlich angestückt, ebenso vordere rechte Ecke, Deckel insgesamt neuzeitlich stark überarbeitet. Restaurierung 1973/75: partiell gereinigt, gedübelte Ergänzungen entfernt, Dübellöcher geschlossen. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Eine ursprünglich glatte Leiste bildet den unteren Abschluß des hochrechteckigen Kastens. Darüber folgen ein Profil mit Blattstab und ein Herzblattkyma mit gezackten Blättern. An den Ecken sitzen im oberen Bereich Bukranien, an deren Hörnern Fruchtgirlanden mit frei flatternden Tänienenden aufgehängt sind.

Eine Eule mit ausgebreiteten Schwingen hockt auf der Girlande und nimmt deren Lünette auf der Front ein. Unmittelbar über dem Vogel war eine Tabula angebracht, deren rechte untere Ecke erhalten ist. Ein Blattkymation rahmt die Innenfläche. Die Inschrift D · M | L · AVRELIVS · TERENTUS | SIBI · ET | C · TICHENE · SUAE ist bis auf die letzten beiden Buchstaben AE neuzeitlich ergänzt. Auf den Nebenseiten flattern die oberen Tänienenden in die Lünetten hinein. Die Lünette der rechten Nebenseite zeigt eine Opferschale (Patera), die der linken eine Spendekanne mit hohem Fuß und kanneliertem Hals. Der Henkel der Kanne endet in einer Blattattasche. Eine Blattstableiste teilt ihren Körper in zwei Zonen, deren untere mit einem Blattkelch verziert ist, die obere hingegen mit einem eingeritzten Rankenmuster.

Die Fruchtgirlanden sind nicht sehr breit, ihr Körper wölbt sich leicht vor. Sie weisen jeweils eine zentrale Blüte auf. Ähren, Zapfen, Blüten und Blätter in flachem Relief spreizen sich jeweils nach oben und unten ab, so dass sie hinter dem Girlandenkörper eine Folie bilden. Einzelne Punktbohrungen mit Stegen zwischen den Früchten lockern die Girlande leicht auf. Die breiten, straff geschwungenen Tänien mit ihren scharfen Knicken verfügen über räumliche Tiefe, wirken aber starr und metallisch.

Die Innenfläche des Kastens ist roh behauen. Außen ist die Rückseite mit dem Spitzeisen bearbeitet, ein Streifen entlang ihres unteren Randes ist neuzeitlich geglättet und dadurch der ergänzten Basis angeglichen. Die Rückseite des Deckels weist eine ähnliche Glättung auf. Dieser hat die Form eines Satteldaches mit vier palmettenverzierten Eckakroteren. Im Giebelfeld nascht ein Hase Früchte aus einem umgestürzten Korb. Die darunter umlaufende Leiste trägt antithetisch angeordnete Wellenbänder und Eckpalmetten. Das stark vorspringende, mit Stab- und Blattornamenten versehene Profil ist wie das Akanthusblattdekor des Daches und die rückwärtige Anstückung des Deckels neuzeitlich und der Werkstatt Piranesis zuzuweisen (Sinn 1987).

Der Kasten vertritt die spezifisch stadtrömische Gattung reliefverzierter Marmorurnen. Seine Form und sein Reliefstil, insbesondere im Bereich der Girlanden und Tänien, sprechen dafür, dass er in tiberischer bis frühclaudischer Zeit entstanden ist (Sinn 1987, 24 f. 98; Herdejürgen 1996).

Die Kasseler Urne zeigt in ihrem Dekor starke Übereinstimmungen mit frühkaiserzeitlichen Grabaltären, von denen sie sich aber sowohl in ihren Maßen unterscheidet als auch durch die vollständige Aushöhlung des Kastens (Sinn 1987, 11 f.; Boschung 1987, 13).

Das Dekorschema aus Bukranien und Girlanden entstammt ursprünglich dem Schmuckrepertoire von Heiligtümern. Bereits in hellenistischer Zeit wird es im griechischen Osten auf Grabaltäre übertragen. Sie liefern den stadtrömischen Bildhauern Anregungen für die Gestaltung ihrer Grabaltäre und Urnen (Sinn 1987, 56 ff. 82; Herdejürgen 1996, 25). Deren Bukranien und Girlanden orientieren sich in ihrer Ausführung jedoch eng an Staatsmonumenten wie der Ara Pacis und sind deutlich vom augusteischen Klassizismus geprägt (Sinn 1987, 57. 82; Zanker 1990, 276 f.). Auch die beinahe regelhafte Darstellung der Opfergeräte Schale und Kanne auf den Nebenseiten ist der offiziellen Bildsprache entnommen und verweist auf die vom Kaiser neu propagierte Pietas (Zanker 1990).

Die Wahl der Motive entspringt daher nicht nur dem Wunsch, die Verstorbenen an der Fülle der Natur teilhaben zu lassen, sondern ihnen auch ein ehrend geschmücktes Grab in idyllischer Umgebung zu bereiten (Sinn 1987, 56 ff. 82). Schale und Kanne finden sowohl im Götter- als auch im Totenkult Verwendung. Sie spielen damit einerseits auf die Frömmigkeit an, die der oder die Verstorbene zu Lebzeiten bewies, andererseits auf die fromme Verehrung, die ihm oder ihr nach dem Tode zuteil werden soll. Die Opfergeräte sind auch als Hinweis auf die Dii Manes (Totengötter) und die Apotheose der Verstorbenen zu sehen (Herdejürgen 1984; Herdejürgen 1996, 25 f.). Die Girlanden verweisen über ihre Funktion als Grabschmuck hinaus in Kombination mit den Bukranien allgemein auf Opferriten im Rahmen des Götterkultes. Die sakralen Motive veranschaulichen wie schon in der hellenistischen Grabkunst die Rangerhöhung der Verstorbenen (Herdejürgen 1984; Herdejürgen 1996, 25). Das Motiv der Eule anstelle des häufigeren Adlers hat unheilabwehrende Funktion (Sinn 1987, 61).

Die Bildhauerwerkstätten produzierten die Urnen mit dem Reliefdekor auf Vorrat. Der Käufer ließ meist nur die Inschrift nach seinen Wünschen in die Tabula einmeißeln (Sinn 1987, 18; Boschung 1987, 12. 24). Marmorurnen wurden in Grabkammern und Columbarien aufgestellt. Ihre Rückseite war dabei nicht sichtbar und blieb unausgearbeitet. Reliefgeschmückte Urnen dienten nicht nur zur Bestattung von Angehörigen der Mittelschicht. Besonders die älteren Exemplare aus der ersten Hälfte des 1. Jhs. n. Chr., zu denen auch die Kasseler Urne zählt, fanden ihren Platz in den Sepulkralbauten hochrangiger Familien (Sinn 1987, 84 ff.).

Die Ergänzungen, die wahrscheinlich in der Werkstatt Piranesis ausgeführt wurden, zeugen davon, dass sich die Restauratoren des 18. Jhs. um eine nach dem Wissensstand ihrer Zeit möglichst korrekte ikonographische und stilistische Vervollständigung antiker Fragmente bemühten (Sinn 1987, 2 f.; Müller-Kaspar 1988). Die Hinzufügung einer Basis orientiert sich vermutlich an frühkaiserzeitlichen Grabaltären. An deren unteren Ecken sind Sphingen aber erst seit claudischer Zeit belegt (Boschung 1987, 22. 26). Sie sind zudem stets hockend, nicht liegend dargestellt. Das Motiv des Hasen, der aus einem umgestürzten Korb Früchte nascht, tritt erst in flavischer Zeit auf. Es ist klar, dass der Deckel mit seinen obendrein zu geringen Abmessungen nicht zu dem Kasten gehört hat (Bieber 1915; Sinn 1987, 60 Anm. 396). Die Inschrift der Tabula findet sich auch auf einer Urne in Lyon wieder (Bieber 1915), die bei der Ergänzung des Kasseler Stückes möglicherweise als Vorbild diente.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 81 Taf. 34; AK Kassel 1979, Nr. 441 (P. Gercke); O. Neverov, Xenia 3, 1982, 84 Abb. 21; F. Sinn, Stadtrömische Marmorurnen (1987) 98 Nr. 28 Taf. 11 e–f. – Im Musée Napoléon 1807–1815: Savoy 2003b, 30 f. Nr. 38 Abb. Zustand seit 1974; Martinez 2004, 523 Nr. 1053 Abb. Zustand seit 1974. – Zur Inschrift: CIL VI 5, 3635.


Literatur: F. Sinn, Stadtrömische Marmorurnen (1987) 2 ff. 24 f. 54 ff. 82 ff. – Zum Dekor: H. Herdejürgen, MarbWPr 1984, 20 f.; P. Zanker, Augustus und die Macht der Bilder, 2. Auflage (1990) 122 f. 276 f.; H. Herdejürgen, ASR 6, 2 (1996) 17 ff. 24 ff. – Zu Grabaltären: D. Boschung, Antike Grabaltäre aus den Nekropolen Roms (1987) 12 f. 22 ff. 47. – Zu neuzeitlichen Ergänzungen: Müller-Kaspar 1988, 97 ff. 110 ff.

(PG)

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