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Grabrelief für Glykera, Onesimos Anthedon Bild1

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Grabrelief für Glykera, Onesimos Anthedon

Inv.-Nr. ALg 4

Attisch, 360–350 v. Chr. Typus Bildfeldstele, ›Glykera-Gruppe‹.

Weißer, feinkristalliner Marmor mit vertikalen grauen Streifen, Bemalungsspuren.

H insgesamt 123,5 cm
B 35,6 cm
D max. 7,8 cm
Bildfeld: H 23,2 cm
B 25,6 cm


Fundort: Athen Kerameikosgebiet, am 31. März 1871 Ecke Piräus-Str. und Ludwigsplatz in situ, Basisblock aus rötlichem Hymettosstein; Fundstelle auf dem Grundstück des V. Nikopoulos 1874 wieder verschüttet (Conze). Später in Slg. Loverdo, Athen. Basis verschollen.

Zugang: Leihgabe der Sammlung Peter und Irene Ludwig, Aachen, seit 1968. (Erworben 1968 im Kunsthandel Köln.)


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Insgesamt geringfügig bestoßen, stärker beschädigt die r. Volutenranke, die Blattspitzen des Akanthus; über eine etwaige Bekrönungspalmette sind keine Angaben mehr möglich. In der Mitte quer durchgebrochen und vor 1968 zusammengesetzt. Front und Schmalseiten mit Zahneisen bearbeitet und geglättet, insbesondere das Inkarnat der Figuren. RS bis auf den Randspiegel und anschließende Zahneisenarbeit mit Spitz- und Flacheisen schwach gekehlt. Rote Farbspuren am Fuß der Dienerin; die übrigen nach der Auffindung 1871 beschriebenen roten Farbreste weitgehend verloren. Restaurierung 1975: gereinigt, Aufhängung montiert. Restaurierung 1986: gereinigt, entsintert, Farbreste konserviert.

Beschreibung: Die brettähnliche Stele endet in einem schmalen rechteckigen Zapfen zum Einsetzen in eine Basis. In der oberen Hälfte ist ein flachreliefiertes vierfiguriges Bildfeld eingetieft, darüber erhebt sich plastisch ein Paar Rosetten (oder Paterae?). Sie bestehen aus zwei konvexen Scheiben und einem ›Omphalos‹ mit einem feinen, der Zentrierung dienlichen Einstich in der Mitte. Der Stelenschaft schließt mit einem vorkragenden Gesims aus wulstiger und darüber gekehlter Leiste vorn und seitlich ab. Darauf wächst mittig ein kräftig reliefiertes Anthemion mit dicklappigen, krautartigen Akanthusblättern aus einem Kelch empor; nach außen sprießt je eine Volutenranke. Die Namensbeischrift ΓΛΥΚΕΡΑ ist dicht über der Sitzenden eingraviert; über den Rosetten stehen in gleichem Schriftduktus einzeilig und ohne Trennung die Namen ΟΝΗΣΙΜΟΣ und ΑΝΘΗΔΩΝ.

In dem Bildfeld mit angedeuteten Kapitellen in den oberen Ecken reichen der links stehende Onesimos und die rechts ihm gegenüber sitzende Glykera einander anschauend die rechte Hand. Unter dem in die Bildmitte gerückten Handschlag des Paares schmiegt sich ein kleines stehendes Kind im Ärmelchiton an das Knie der Frau; es hält zu ihr aufblickend einen Vogel (?) in der rechten Hand. Hinter Glykera steht rechts am Bildrand ein junges Mädchen in einem Chiton mit Apoptygma; sie wendet sich mit einem Kästchen auf dem linken Unterarm der Gruppe zu. Durch Bedeutungsgröße und Komposition ist die Frau wie eine Thronende auf dem elegant geschweiften Stuhl (Klismos) hervorgehoben. Sie ist mit einem halblangem Ärmelchiton und Mantel bekleidet. Die Füße ruhen übereinandergeschlagen auf einem Fußschemel. Sie trägt wie das kleine Kind ein Haarband. Der Bärtige fasst an der linken Schulter seinen Mantel mit dreieckigem Überschlag; die rechte Hälfte des Oberkörpers bleibt frei. Er hat den Kopf, der an den oberen Bildfeldrand stößt, leicht zu der Sitzenden geneigt.

Die Bildfeldstele ist der ›Glykera-Gruppe‹ von insgesamt 14 Stelen zugewiesen, die sich stilistisch um dieses vorzüglich erhaltene Exemplar gruppieren lassen und in der Gestaltung der Figuren als charakteristisch für die handwerkliche attische Reliefarbeit um die Mitte des 4. Jhs. v. Chr. zu gelten haben (Scholl 1996). Der steife Aufbau der Figuren, die Gewandgliederung und betonte Schwere des Stoffes sind zeit- und gattungsspezifische Formtendenzen, wie sie auch an den Darstellungen der Athena auf attischen Urkundenreliefs von 356/355 und 347/346 v. Chr. zu beobachten sind (zuletzt Scholl). Die Figuren der Gruppe zeigen eine gemeinsame Gewandbehandlung durch gleichmäßige, lang durchgezogene breite Faltenzüge und kurze gravierte Falten der Mäntel. Innerhalb der Gruppe tragen auf sechs Stelen stehende Männer wie Onesimos den Mantel unter der Brust umgeschlagen, sodass der Überschlag dreieckig von spitz zulaufenden Falten durchzogen über den Bauch fällt (vgl. das jüngere Urkundenrelief). Mit unserem Glykera-Relief sind vier Stelen der Gruppe durch die weitgehend identische Figur des stehenden Mannes – besonders die Köpfe stimmen überein – zu verbinden und mit zwei reliefierten Marmorlekythen vielleicht einer Werkstatt zuzuweisen (Scholl 1996).

Die Platzierung der Inschriften gab Anlass zu der Vermutung, dass die Stele zuerst die Inschrift Onesimos Anthedon zwischen Geison und Rosetten erhielt und Glykera zwischen Rosetten und Bildfeldrand später (?) hinzugefügt wurde (Clairmont 1993). Übereinstimmend wird die sitzende Glykera als die Frau und Mutter gedeutet, der das Grabrelief gilt, und Onesimos als der Familienvater und Auftraggeber der Stele. Anthedon ohne Worttrennung seinem Namen folgend könnte auf die gleichnamige Stadt als Herkunftsort oder auf das kleine Kind, die nächste hoffnungsvolle Generation, zu beziehen sein.

Das Anthemion in Form eines Akanthus wird als Zeichen der urtümlichen vegetativen Üppigkeit und der Leben spendenden Kraft der Erde gedeutet. Ob diese Pflanze in der Akroterfunktion auf Grabstelen eine spezifische Bedeutung im Totenkult besessen hat, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Den Rosettenpaaren (oder Paterae?) wird in den Interpretationen Amulettcharakter beigemessen.

Die attischen Bildfeldstelen folgen ikonographisch überwiegend den bildhauerisch aufwendigeren Grabreliefs und Naiskos-Stelen und geben die Verstorbenen, wie auf diesem sehr gut erhaltenen Exemplar, als idealtypische Familie wieder. Anlässlich von Todesfällen errichtet, bezeugen auch diese schlichteren Denkmäler bürgerliche und dauerhafte Repräsentation, um die Verstorbenen und chthonischen Gottheiten rituell zu ehren, um im Bilde die familiäre Verbundenheit zu demonstrieren und der unüberwindbaren Trennung und tiefen Trauer durch vergegenwärtigte schicksalhafte Gemeinschaft im Leben Ausdruck zu verleihen.

Ob die bescheidene Form auf den sozialen Status des Auftraggebers innerhalb der rigoros gegliederten athenischen Gesellschaft schließen lässt, ist im Falle der Verwendung gebundener, stark stilisierter Figurentypen (Bärtiger im Bürgermantel, thronende Frau, Kinder, Bedienstete, Sklaven, Handschlaggestus) am ehesten zu entscheiden, wenn die Inschriften etwa über Namensformen oder Herkunft des Bürgers Auskunft geben. Auf der Glykera-Stele könnte Onesimos sich als Bürger des böotischen (oder weniger wahrscheinlich des palästinensischen) Anthedon zu erkennen geben, der als Nicht-Athener und vielleicht als Nicht-Vollbürger seiner Familie in Athen anlässlich des Todes seiner Frau diesen Grabstein fertigen und aufstellen ließ. So betrachtet wäre die Glykera-Stele ein weiteres Beispiel für die in Athen entwickelte und über Athen hinaus wirkende Bildprogrammatik des bürgerlich-spätklassischen Polisverständnisses wie das attizierende Aristodika-Grabrelief von Kreta (Kat. 7.2). Die idealtypischen Bilder mit individuellen Namensbeischriften im sepulkralen Bereich werden auch als Ausdruck einer kollektiven Erfahrung der beträchtlich gewachsenen Bedeutung der familiären Gemeinschaft (Oikos) als Kern und wichtigster, gleichwohl bedrängter Bestandteil in den spätklassischen Poleis verstanden.

Publiziert:
A. Conze, Die attischen Grabreliefs I (1893) Nr. 419 Taf. 100. III 347 Abb.; IG II, 2. Auflage, 12373; H. May (Hrsg.), Weltkunst aus Privatbesitz. AK Köln (1968) Nr. A 65 (H. G. Niemeyer); Slg. Ludwig 1990, Nr. 238 Abb. (P. Gercke); Chr. W. Clairmont, Classical Attic Tombstones III (1993) 519 f. Nr. 3.954 Anthedon servant-maid?; V (1993) Prosopography, Anthedon an ethnic?; A. Scholl, Die attischen Bildfeldstelen des 4. Jhs. v. Chr., AM Beih. 17 (1996) 67 f. Anm. 426 Glykera-Gruppe, ca. 360–350 v. Chr., 82 Anthedon/Böotien, 197 f. Bemalung, 198 Anm. 1311 Akanthus, 199 Onesimos, 329 f. Nr. 401 Taf. 15, 1.


Literatur: B. Schmaltz, Griechische Grabreliefs (1983); J. Bergemann, Demos und Thanatos (1997), 181 Anhang I 2 Gruppe 360–330 v. Chr.; AK Berlin 2002, 179 ff. soziale Indizien auf Grabdenkmälern (A. Scholl). – Zum Handreichungsgestus: M. Meyer, Thetis 5/6, 1999, 115 ff. – Zu reliefierten Marmorlekythen: B. Schmaltz, Untersuchungen zu den attischen Marmorlekythen (1970) 45 ff. Nr. A 254 Taf. 43. 44. – Zu attischen Urkundenreliefs von 356/355 und 347/346 v. Chr.: M. Meyer, Die griechischen Urkundenreliefs, AM Beih. 13 (1988) Nr. A 68 Taf. 22, 1; Nr. A 88 Taf. 28, 1; Scholl 1996, Anm. 428. 431. – Zu Anthedon/Böotien: Lauffer 1989, 118 f. s. v. Anthedon (K. Braun)

(PG)

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