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Heroenmahl Bild1

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Heroenmahl
Weihrelief
Inv.-Nr. Sk 42

Attisch, um 330–310 v. Chr. Typ Totenmahlrelief.

Weißer, feinkristalliner Marmor, Drusenflecken, braun patiniert.

H 47 cm
B 63 cm
D 8,5 cm
Relieftiefe bis 3,5 cm


Fundort: Vermutlich Athen

Zugang: 1688 von hessischen Truppen aus Griechenland für Landgraf Karl mitgebracht.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Oberfläche sehr verwittert und abgesplittert, Gesichter abgeschlagen. In fünf Teile gesprungen. Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Im 2. Weltkrieg brandgeschädigt. Restaurierung 1953: Sprünge vorläufig gesichert. Restaurierung 1973/75: gereinigt, gefestigt, Sprünge und Risse von hinten geklebt und mit Gips verfugt; Aufhängung montiert.

Beschreibung: In einem breitformatigen Weihrelief ist eine Bankettszene dargestellt. Der architektonische Rahmen besteht aus Antenpfeilern mit facettiertem Kapitell, einer Bodenleiste und einer Deckenleiste mit Epistyl und Dachziegeln und vermittelt trotz der geringen Relieftiefe und der Beschädigungen den Eindruck einer gewissen Räumlichkeit in der Art eines Naiskos.

In der rechten Hälfte des Bildes liegen zwei Männer mit Trinkgefäßen auf einer tuchverhängten Kline; davor ist ein hochbeiniger, rechteckiger Speisetisch aufgestellt.

Sie wenden sich einer sitzenden Frau in der Bildmitte zu. Am rechten Rand steht ein Mundschenk mit hoch erhobener Kanne. Vom linken Rand bewegen sich vier kleinere Personen mit Kindern zur Bildmitte. Über ihren Köpfen erscheint auf dem planen Reliefgrund in einem Rahmen (›Fenster‹) direkt unter dem Epistyl eine Pferdeprotome. Leider sind die Gesichter der Personen zerstört.

Von den beiden Symposiasten auf der Kline lehnt der Mann rechts sich zusätzlich an den Antenpfeiler an. Seine rechte Hand ruht auf der rechten Schulter des Gefährten vor ihm. In der linken Hand scheint er eine Trinkschale (Kylix) gehalten zu haben, in die der Mundschenk einzugießen bereitsteht. Der Mann vor ihm hebt mit der rechten Hand ein Trinkhorn (Rhyton) bis über den Kopf der Sitzenden empor. Die nackten Oberkörper der beiden Männer sind in Vorder- bis Dreiviertelansicht dargestellt; ihre Unterkörper bedeckt ein Himation mit Hüftbausch, dessen Ende um die linken Unterarme geschlungen herabhängt. Die nahezu aufrechte Haltung der Oberkörper sichern sie durch gefaltete Polster im Rücken und unter den aufgestützten linken Armen.

Die Frau in der Bildmitte sitzt auf einem hohen lehnenlosen Stuhl (Diphros) mit gedrechselten Beinen, die Füße auf einem Schemel (Threnys). Sie wendet sich den Gelagerten zu und erscheint deshalb im rechten Seitenprofil mit geringfügig in die Dreiviertelansicht gedrehtem Oberkörper. Bekleidet ist sie mit einem gegürteten Chiton und Mantel. In der angewinkelt erhobenen linken Hand hält sie ein Kästchen. Der vorgestreckte rechte Unterarm liegt auf dem Oberschenkel; sie streut mit der Hand Weihrauch über ein Räuchergefäß (Thymiaterion), das neben ihr auf dem Ende des Tisches steht. Das Weihrauchopfer der gleichsam thronend Sitzenden scheint den Gelagerten zu gelten, hebt die Szene von einem normalen griechischen Symposionbild ab und zeigt gängige Opferpraxis.

Auf dem Speisetisch sind neben dem Thymiaterion Rundkuchen (Plakountes bzw. Popona mit knopfförmigem Mittelaufsatz), pyramidenförmige Süßgebäcke (Pyramides), Granatapfel, Feige und andere Früchte zu erkennen, die zu den rituellen Speiseopfern gehören.

Der am anderen Tischende stehende Mundschenk ist kein einfacher Diener. Seine Nacktheit hebt ihn aus dem alltäglichen realen Leben heraus. Unbekleidet, in dieser spezifischen Seiten- und Rückansicht und mit der über den Kopf erhobenen, schräg gehaltenen Weinkanne tritt er häufig in Totenmahldarstellungen seit der 2. Hälfte des 4. Jh. v. Chr. auf. In seiner Funktion als Wein einschenkender Knabe (Pais) ist er dem dionysischen Bereich zuzuweisen. Das hinter ihm auf einem Sockel stehende große Vorratsgefäß (Volutenkrater?) verdeutlicht seine Aufgabe. Im Figurentypus entspricht er weitgehend der berühmten, wohl um 360 v. Chr. von dem Bildhauer Praxiteles geschaffenen Statue des Einschenkenden Satyrs, die in zahlreichen römischen Repliken überliefert ist.

Die Personengruppe in der linken Bildhälfte führen zwei Männer mit je einem Kind an, gefolgt von einer Frau und einem korbtragenden Mädchen mit einem Kind. Bis auf die Korbträgerin (mit Speisen?), die als Pendant zu dem Mundschenk außen vor dem Randpfeiler steht, halten die langgewandeten Figuren ihre rechte Hand im Gebetsgestus leicht erhoben. In der Personenreihe kann eine typisierte Familie mit drei kleinen Kindern vermutet werden, wenn auch das kleine Format und die verlorenen Gesichter eine genauere Differenzierung nicht zulassen. Sie kommen betend und Verehrung bezeugend zu der das Bild dominierenden Dreiergruppe, deren größeres Format ebenfalls auf Heroisierung hinweist. Die bedeutungsperspektivisch kleinen Figuren sind vermutlich als die das Weihrelief stiftende und den Kult bewahrende Gemeinschaft abgebildet.

Mit dem Heroenkult wird auch die dreiseitig gerahmte Pferdeprotome oben im ›Fenster‹ in Verbindung gebracht. Das seit archaischer Zeit geläufige Bildmotiv ist als Todessymbol (gemeinsame Bestattung von Pferd und Verstorbenen), als Attribut der Götter (z. B. Poseidon Hippios) oder Heroen (z. B. Dioskuren), als Hinweis auf die ritterliche Herkunft Verstorbener, als Bild von Siegespreisen bei Kampfspielen und als Darstellung grabschützender erdgebundener Gottheiten gedeutet worden. Diesen Interpretationen ist gemeinsam, dass sie sich wesentlich auf chthonische Mächte beziehen, denen Verehrung und Opfer gebühren. In diesem Kontext hat die Pferdeprotome ihren festen Platz auf Bildern, die eine rituelle Bewirtung der Götter und besonders der heroisierten mythischen Ahnen zeigen. Ihnen bringen die Familien regelmäßig in Opfermahlen besondere Speise und Trank dar.

Die parataktisch angeordneten Figuren deuten durch kleine Überschneidungen eine räumliche Staffelung in drei Bildebenen an: eine vordere Ebene: vor den Anten der Mundschenk mit Vorratsgefäß auf der rechten Seite sowie die Korbträgerin auf der linken Seite, der Tisch in der Mitte; eine mittlere Ebene: die an der linken Schmalseite des Tisches vor der Kline sitzende Frau in der Bildmitte; eine hintere Ebene: die beiden Gelagerten auf der Kline vor der planen Rückwand des Naiskos mit dem Pferdekopf im ›Fenster‹.

Die ikonographischen und stilistischen Parallelen mit den zahlreichen attischen Vertretern dieser in chthonischen und sepulkralen Bereichen verwendeten Reliefs datieren dieses in der Oberfläche stark reduzierte Exemplar in das letzte Drittel des 4. Jhs. v. Chr. (Thönges-Stringaris 1965, Vlachogianni 2001).

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 77 Taf. 33; I. Seidl, Das Totenmahlrelief (1940) Nr. 258; R. Thönges-Stringaris, AM 80, 1965, 88 f. Nr. 142; J.-M. Dentzer, Le motif du banquet couché dans le Proche-Orient et le monde grec du VIIe au IVe siècle avant J.-C., BEFAR 246 (1982) 529 ff., 618 Nr. R 441 Abb. 663.


Literatur: Zur Gattung Heroen-/Totenmahlrelief grundlegend: R. Thönges-Stringaris, AM 80, 1965, passim; J.-M. Dentzer, Le motif du banquet couché dans le Proche-Orient et le monde grec du VIIe au IVe siècle avant J.-C., BEFAR 246 (1982) passim; E. Vikela, Die Weihreliefs aus dem Athener Pankrates-Heiligtum. AM 16. Beih. (1994) 175 Anm. 20; 177 Anm. 28 Figurenmotiv des Gelagerten in Dreiviertelansicht mit Schale und Trinkhorn/Füllhorn für Pankrates verwendet; J. Fabricius in: Samos. Die Kasseler Grabung 1894. Staatliche Museen Kassel (1996) 108 ff. Totenmahlreliefs von samischen Felskammergräbern, Hinweise auf Heroenqualität Verstorbener (Pferdeprotome u. a.); J. Fabricius, Die hellenistischen Totenmahlreliefs. Bürgerliche Selbstdarstellung auf Grabreliefs ostgriechischer Städte (1999); E. Vlachogianni, AM 116, 2001, 135 ff. 137 f. Mundschenk und Krater, 139. 150 Tisch mit Speisen, 141. 150 Pferdeprotome im ›Fenster‹, 151 Theoxenien und Heroxenien; B. Schmaltz (Hrsg.), Natura Lapidum. Steinskulpturen der Antike. FS B. Freyer-Schauenburg (2003) Nr. 32 Fragment mit Adoranten (J. Raeder). – Zum Pferdekopf im ›Fenster‹ auf Grabreliefs: A. Geyer, JdI 104, 1989, 11 f. – Zum Figurentypus Mundschenk/Einschenkender Satyr: AK Basel 1992, 128 Kap. 28-A. 28-AA. 28-B, Abb. 158 Zitat auf Totenmahlrelief, Abb. 353-354 (E. Berger); A. Ajootian in: Palagia – Politt 1996, 112 f. – Zum vermuteten Fundort Asklepieion an der Akropolis Athen: J. Travlos, Bildlexikon zur Topographie des antiken Athen (1971) 127 ff. s. v. Asklepieion; L. Beschi, RIA 25, 2002, 32; Goette – Hammerstaedt 2004, 198 ff. Schriftquellen. – Zur Kultpraxis der Bewirtung heroisierter Ahnen von Familien: M. H. Jameson in: R. Hägg (Hrsg.), Ancient Greek Cult Practice from the Epigraphical Evidence. Proceedings of the Second International Seminar on Ancient Greek Cult, Athens 1991 (1994) 35 ff.

(PG)

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