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Porträt einer Frau Bild1

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Porträt einer Frau
Büste, lebensgroß
Inv.-Nr. ALg 288

Frühhadrianisch, 120–130 n. Chr.

Weißer, feinkörniger Marmor, leicht fleckig

H 57 cm
H ohne Büstenfuß 44,5 cm
H Kinn bis Haaransatz 15,5 cm



Zugang: Seit 1984 Leihgabe aus Privatslg.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Büstenfuß modern. Innenstütze der Büste geklebt, breitere Spalte mit Harz (vermutl. Kolophonium) ausgefüllt, gelbliche Verfärbungen entlang der Brüche. Mit modernem Metalldübel auf Büstenfuß montiert. Büstenrand leicht bestoßen, unterhalb der Armansätze nachantik geglättet. Ausbrüche an Augenbrauen z. T. geschlossen. Nasenspitze ergänzt, Ergänzung teilweise abgebrochen. Ohrmuschelränder bestoßen. Punktuelle Wurzelwerk- und Sinterspuren. Oberfläche im Bereich des Stirnhaars stark verrieben. Restaurierung 1985: gereinigt, geklebt, mit Standdübel gesockelt. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Die Büste, deren Unterkante bis zu den Brüsten hinabreicht, umfasst die Schultern und deutet die Armansätze an. Ein Chiton mit unregelmäßiger Saumkante am Halsausschnitt wirft flache Falten, die hart und zeichnerisch wiedergegeben sind. Auf dem kurzen kräftigen Hals mit zwei zurückhaltend angegebenen Venusringen sitzt der beinahe lebensgroße Kopf einer Frau. Sie reckt ihn etwas nach vorne und wendet ihn energisch nach links. Dabei ist das Kinn leicht erhoben. Der Kopf hat eine rundliche Grundform und zeigt ein ovales Gesicht mit einer relativ hohen Stirn, die bogenförmig vom Haar gesäumt ist. Die Wangenknochen treten deutlich hervor, die Wangen selbst sind leicht eingefallen. Das kleine kantige Kinn springt markant vor. Im Profil ist ein leichter Ansatz zum Doppelkinn erkennbar.

Die Augenbrauen wölben sich kräftig nach vorne und verschwimmen mit den etwas überhängenden Orbitalen. Eine tiefe Rille trennt sie von den schmalen Augenlidern, deren oberes jeweils das untere im äußeren Augenwinkel überschneidet. Die mandelförmigen Augen fallen zu ihrem inneren Winkel hin leicht ab. Dort sind die Tränenkanäle detailliert mit Hilfe von Punktbohrungen angegeben. Unterhalb der betonten Unterlider bilden sich leichte Tränensäcke. Die Brauen zeigen noch Spuren einer Haarschraffur und gehen direkt in den breiten Nasenansatz über. Der breite Nasenrücken fällt sanft zu den Wangen hin ab. Die Nasolabialfalten sind als Einsenkungen angegeben. Auf der rechten Wange befindet sich eine kleine Warze. Der breite Mund mit seinen schmalen, fest geschlossenen Lippen ist weich in das Gesicht eingebettet. An den punktförmig vertieften Mundwinkeln bilden sich sanft eingesenkte Falten. Insgesamt zeigt das Gesicht großflächige straffe Formen, ein festes Inkarnat und eine trockene, nüchterne Oberflächenmodellierung.

Das gescheitelte Stirnhaar liegt in feinen geraden Strähnen eng am Kopf an. Vor den kleinen Ohren lösen sich kurze flache Kringellocken. Im Nacken ist das Haar in acht gedrehten, lebhaft gewellten Strängen nach oben genommen und mit den Haarflechten, die über den Oberkopf laufen, zu Zöpfen verflochten. Sie sind in vier Lagen zu einem flachen zylinderförmigen Turban um den Oberkopf gelegt, dessen höchste Wölbung im Profil sichtbar bleibt. Am Hinterkopf halten den Flechtturban vier vertikal nebeneinander liegende Zöpfe. Es ist unklar, wo sie ihren Ausgang nehmen und ob es sich nicht überhaupt um künstliche Haarteile handelt.

Während die Gesichtszüge mit einiger Sorgfalt modelliert sind, ist die Haarstruktur deutlich gröber wiedergegeben als z. B. bei dem zuvor besprochenen Kopf (Kat. 4.9), was besonders an der Gestaltung auf dem Oberkopf ablesbar ist. Die Rückseite des Büstenteils ist mit dem Zahneisen grob geglättet.

Bei der Büste handelt es sich um das Porträt einer uns unbekannten Römerin mittleren Alters. Die zylindrisch angelegte Turbanfrisur aus geflochtenen Zöpfen wird von den Damen des Kaiserhauses in dieser Form zwar nicht getragen, unter den privaten Bildnissen hadrianischer und frühantoninischer Zeit ist sie jedoch weit verbreitet (Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83–84; Jucker 1995). In der Gestaltung ihrer Einzelheiten gibt es dabei zahlreiche Variationsmöglichkeiten. Eine enge Parallele findet die Frisur des Kasseler Porträts in einem Bildnis in St. Petersburg (Vostchinina 1974; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 86). Im Gegensatz zu diesem und zwei weiteren Beispielen mit ähnlicher Frisur im Vatikan (Andreae 1995; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83. 85) sind die Pupillen und die Iris bei dem Kasseler Bildnis jedoch nicht durch Bohrungen angegeben. Daher muß es noch vor 130 n. Chr. entstanden sein (Wegner 1956; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83). Unter den frühhadrianischen Privatporträts, die zwischen 120 und 130 n. Chr. datiert werden, findet unser Kopf in der Tat enge stilistische Parallelen (Mansuelli 1961; Comstock – Vermeule 1976; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83. 85). Folglich ist er ebenfalls in diesen Zeitraum zu datieren.

Die trockene, nüchterne Oberflächenmodellierung ist in der traianischen wie hadrianischen Zeit geläufig. Die klare, aber zurückhaltend formulierte Angabe von Altersmerkmalen, die uns bei dem Kasseler Bildnis und seinen Vergleichsbeispielen begegnet, ist typisch für die Privatporträts der hadrianischen Epoche, ebenso wie die Verbindung idealisierender mit realistischen Zügen (Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83–84).

Im Vergleich mit dem zuvor besprochenen, etwa zeitgleichen Kopf (Kat. 4.9) wirkt das Gesicht der Frau deutlich individueller. Vor uns steht eine selbstbewußte, eher bodenständige Person. Ihre Kopfwendung und ihre Mimik strahlen Energie und Entschlossenheit aus. Während der Kopf (Kat. 4.9) wohl eine Angehörige der Aristokratie wiedergibt, handelt es sich hier vermutlich um eine Frau aus der wohlhabenden Mittelschicht. Dafür spräche auch die handwerklich einfachere, aber dennoch sorgfältige Ausführung des Bildnisses.

In der Porträtauffassung zeigt sich noch ein Widerhall der strengen energischen Gesichter traianischer ›Bürgerfrauen‹ (Fittschen – Zanker 1983, Nr. 81) und des Realismus jener Zeit (Balty 1991). Auch in der Form der Büste orientiert sich das Kasseler Bildnis wie einige seiner engen Parallelen noch an traianischen Mustern (Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83). Möglicherweise kommt darin ein gewisser konservativer Zug zum Ausdruck. Die Kasseler Frauenbüste ist folglich ein weiterer Beleg für die Bandbreite unterschiedlicher Bildnisauffassungen bei zeitgleichen römischen Porträts. Sie ist u. a. auf unterschiedliche soziale Hintergründe der Dargestellten und deren individuelles Selbstverständnis zurückzuführen.

Die Büste war vermutlich in einer Nische aufgestellt, entweder in einem Grabbau oder im Privathaus der Familie.

Publiziert:
Unpubliziert.


Literatur: H. R. Goette, Manuskript für einen Erwerbungsbericht (1988). – Zur Datierung: M. Wegner, Hadrian (1956) 81; Mansuelli 1961, Nr. 89; A. Vostchinina, Musée de l’Ermitage. Le Portrait Romain (1974) Nr. 79. – Zur Umdatierung ins 2. Jh. n. Chr.: Fittschen – Zanker 1983, Nr. 86; Comstock – Vermeule 1976, Nr. 355; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83. 85–86 Taf. 104. 105. 107–108; I. Jucker, Skulpturen der Antiken-Sammlung Ennetwies (1995) 40 zu Nr. 22; Andreae 1995, Taf. 519. 520. 524. 525. – Zur sozialgeschichtlichen Einordnung: P. Zanker, WissZBerl 31, 1982, 309 ff.; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 80. 81. 84; Goette a. O.; J. Ch. Balty, 11. TrWPr (1991) 15 f.; Johansen 1995a, Nr. 71.

(NZE)

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