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Porträt einer Frau Bild1

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Porträt einer Frau
Kopf, lebensgroß
Inv.-Nr. Sk 32

Frühhadrianisch, 120–130 n. Chr.

Weißer, feinkristalliner Marmor

H 30 cm
H Kinn bis Haaransatz 17,5 cm



Zugang: 1815 aus Paris, Musée Napoléon, als Ersatz für einen 1807 verschleppten, nicht mehr aufgefundenen Kopf der ›Venus Urania‹.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unmittelbar unterhalb des Kinns gebrochen. Bruchfläche nachantik geglättet und zum Aufsetzen auf eine Büste hergerichtet. Nasenspitze, r. Nasenflügel, l. und ein Teil der r. Ohrmuschel im 18. Jh. ergänzt, ebenso weite Partien des ringförmig über den Oberkopf hinausreichenden Teils der Turbanfrisur im Bereich der drei oberen Flechtenreihen. Oberste Flechte bis auf eine winzige Ecke hinten r. komplett ergänzt, die darunter liegende weitgehend. Antike Teile der Frisur im Nacken und an l. Kopfseite im 18. Jh. überarbeitet. Auf dem Oberkopf antike Oberfläche erhalten. Augenlider nachgezogen, besonders Verlängerung der Oberlider im äußeren Augenwinkel. Augenbrauen deutlich überarbeitet. Am Hinterkopf im Haar geringe Spuren von Rot. Die noch von M. Bieber (1915) festgestellte gelbe Bemalung der Augäpfel dagegen nicht mehr erkennbar. Punktuelle ockerfarbene Sinterspuren und Verfärbungen. Restaurierung 1985: gereinigt, geklebt, Standdübel montiert. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Der etwa lebensgroße Kopf einer Frau mit länglich-ovalem Gesicht wandte sich ursprünglich wohl leicht nach rechts. Ein giebelförmiger Haaransatz säumt ihre hohe Stirn. Die vollen straffen Wangen leiten zu einem kleinen abgerundeten Kinn über, das nur wenig vorspringt. Die hochgeschwungenen Augenbrauen bilden schmale kantige Wülste. Eine tiefe Rille trennt die knappen, leicht überhängenden Orbitale jeweils von den kantigen Oberlidern. Sie sind hochgeschwungen und überschneiden im äußeren Augenwinkel die breiten betonten Unterlider, die flacher verlaufen. Die großen mandelförmigen Augen zeigen detailliert wiedergegebene, gebohrte Tränenkanäle. Die sehr schmale Nase hat einen leicht vertieften Ansatz, ihr Rücken weist einen Höcker auf. Der relativ kleine Mund ist weich in das Gesicht eingebettet. Eine gebohrte Spalte trennt seine fein geschwungenen, vollen Lippen, in den Mundwinkeln befinden sich feine Punktbohrungen. Das Gesicht zeigt insgesamt großflächige straffe Formen und eine glatte, akademisch kühle Oberflächenmodellierung. Die ebenmäßigen ›klassischen‹ Züge wirken eher idealisierend als individuell. Sie lassen das Gesicht beinahe alterslos erscheinen und verleihen ihm einen vornehm-distanzierten Ausdruck.

Der schmale, fein gewellte Streifen des Stirnhaars ist in der Mitte gescheitelt. Vor den Ohren lösen sich je zwei kurze Korkenzieherlöckchen. Das Haar läuft in zwei Schichten breiter Flechten über den Oberkopf. Im Nacken ist es in sechs breiten gedrehten Strängen nach oben genommen, die fein gewellt sind und aus denen sich kurze Sichellöckchen lösen. Am Hinterkopf ist das Haar zu Zöpfen geflochten. Sie sind in sechs Lagen zu einem trichterförmigen Nest übereinander geschichtet und in der Art eines Turbans um den Oberkopf gelegt. Der hohe Flechtturban wird über der Stirn von einem kreuzförmig geführten, vierfachen Kordelband gehalten. Die Frisur ist in allen Bestandteilen gesichert, nicht jedoch ihre genaue Höhe im Bereich der Stirn. Feine unregelmäßige Kerben deuten die Haarstruktur der Flechten an. In den ergänzten Partien ist die Oberflächengestaltung deutlich gröber und flüchtiger. Besonders im Nacken hat die Modellierung der Oberfläche durch die Überarbeitung des 18. Jhs. einen Teil ihrer Plastizität eingebüßt.

Diesen Porträtkopf einer vornehmen römischen Dame deutete M. Bieber (1915) versuchsweise als Bildnis der Matidia, der Nichte des Kaisers Traian (reg. 98–117 n. Chr.) und Schwiegermutter des Kaisers Hadrian (reg. 117–138 n. Chr.). M. Wegner (1956) hat den Kopf jedoch nicht in seinen Katalog der Matidiaporträts aufgenommen. In seinem klassisch-ovalen Gesicht mit den vollen Formen sowie in der Bildung der Augen, der Nase und der Mundpartie steht der Kasseler Kopf den Bildnissen der Nichte Traians in der Tat sehr nahe. Besonders gut lässt er sich mit einem Matidiaporträt im Konservatorenpalast in Rom vergleichen (Wegner 1956, 82. 124 Taf. 37; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 8). Seine Frisur ist jedoch unter den bislang identifizierten Bildnissen der Kaisernichte nicht belegt. Zusätzlich zu dem Flechtturban auf dem Hinterkopf trägt sie stets ein hohes, bisweilen doppeltes Haardiadem über der Stirn.

Daher ist es nicht möglich, unseren Kopf als Bildnis der Matidia zu deuten. Es handelt sich eher um das Privatporträt einer uns unbekannten Dame. In der starken Ähnlichkeit mit den Gesichtszügen der Nichte Traians spiegelt sich wohl der Einfluss eines ›Zeitgesichts‹, das durch Bildnisse von Angehörigen des Kaiserhauses wesentlich mitgeprägt wurde. Daraus ergibt sich ein Hinweis auf die Datierung des Kasseler Kopfes. Porträts der Matidia sind in dem Zeitraum zwischen 110 und 125 n. Chr. entstanden (Wegner 1956). Größere Bedeutung erhält sie bereits zur Zeit Traians nach dem Tod ihrer Mutter Marciana um 112 n. Chr. (Kersauson 1996, Nr. 35). Matidia wird auch von ihrem Schwiegersohn Hadrian besonders geehrt, da sie offenbar entscheidend zu der Nachfolgeregelung zu seinen Gunsten beigetragen hat (Wegner 1956). Sofort nach ihrem Tod 119 n. Chr. wird sie zur Diva erhoben, d. h. vergöttlicht.

Die Turbanfrisur aus Flechtzöpfen ist in traianischer, ohne besondere Gestaltung des Stirnhaares aber vor allem in hadrianischer Zeit verbreitet. Der Haarturban ist jedoch bei dem Kasseler Kopf ungewöhnlich hoch. Die Befestigung durch Bänder ist ebenfalls belegt (Kersauson 1996, Nr. 78), allerdings ist die aufwendige Ausführung ohne Parallele.

Die akademisch kühle Oberflächenmodellierung entspricht dem Klassizismus traianisch-hadrianischer Zeit (Bieber 1915; Poulsen 1926/28; Raumschüssel 1963/64, Kersauson 1996, Nr. 35), auch wenn eine Beeinträchtigung durch die nachantike Überarbeitung vorliegt. Die großflächigen Formen des Gesichtes sowie die Gestaltung der Augen und der Mundpartie sind eher typisch für die hadrianische Epoche (Wegner 1956; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 8). Die fehlende Bohrung der Pupillen spricht jedoch dafür, dass der Kopf noch vor 130 n. Chr. entstanden ist (Wegner 1956; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83).

Bei dem Kasseler Frauenporträt handelt es sich also höchstwahrscheinlich um ein Werk der frühhadrianischen Zeit. Auch das bereits erwähnte, gut vergleichbare Bildnis der Matidia im Konservatorenpalast ist vermutlich erst nach ihrer Divinisierung unter Hadrian und nicht schon in traianischer Zeit entstanden (Fittschen – Zanker 1983, Nr. 8). Eine enge stilistische Parallele findet unser Kopf außerdem in einem weiteren frühhadrianischen Privatporträt, das zwischen 120 und 130 n. Chr. datiert wird (Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83). Folglich wird er ebenfalls in diesem Jahrzehnt entstanden sein.

Das Bildnis zeigt eine Angehörige der römischen Oberschicht mit einer besonders aufwendig gestalteten Modefrisur, die ihren gesellschaftlichen Status unterstreicht. Mit der idealisierenden klassizistischen Wiedergabe ihrer Gesichtszüge will die Dargestellte sich ein aristokratisches Erscheinungsbild geben, das höfischen Idealen folgt. Möglicherweise sucht sie eine bewußte Angleichung an Matidia als besonders geehrtes und vorbildhaftes Mitglied des Kaiserhauses.

Auf einem Kupferstich napoleonischer Zeit (Landon 1810) ist der Kopf mit einer Büste verbunden. Die Deutung als ›junge Matidia‹ findet sich bereits dort in dem zugehörigen Begleittext. Eine neuzeitliche Kopie des Kopfes mit Büste in Florenz wurde 1824 als mutmaßliches Bildnis der Marciana erworben (Wegner 1956, Mansuelli 1961).

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 51 Taf. 34; F. Poulsen, Kunstmuseets Aarskrift 13–15, 1926–1928, 31 Abb. 40. – Im Musée Napoléon 1807–1815: Landon, II (1810) 133 Taf. 62; Savoy 2003b, 17 Nr. 16, Matidia, Abb. Zustand seit 1974; Martinez 2004, 314 Nr. 0602 Abb.


Literatur: Zu Bildnissen der Matidia: M. Wegner, Hadrian (1956) 80 ff. 123 ff.; M. Raumschüssel, Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlung Dresden 1963/64, 193 ff.; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 8 Taf. 10; Kersauson 1996, Nr. 35. – Zur Datierung: Felleti Maj 1953, Nr. 183; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 83 Taf. 104. 105; Johansen 1995a, Nr. 71; Kersauson 1996, Nr. 78. – Zum ›Zeitgesicht‹: P. Zanker, WissZBerl 31, 1982, 307 ff.; J. Ch. Balty, 11. TrWPr (1991) 13 f. – Zur neuzeitlichen Nachbildung: Wegner a. O. 121; Mansuelli 1961, Nr. 182.

(NZE)

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