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Porträt eines Mannes Bild1

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Porträt eines Mannes
Kopf einer Statue, überlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 121

100–120 n. Chr.

Gelblicher, feiner Kalkstein

H 35 cm
H Kinn bis Haaransatz 19,5 cm


Fundort: Aus Palmyra (Syrien)

Zugang: Erworben 1964 im Kunsthandel Ars Antiqua, Luzern


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Am Hals gebrochen, Werkzeugspuren und dunkle Verfärbungen auf den Bruchflächen. Nase bestoßen, ebenso Ränder beider Ohren und Haar am Hinterkopf. Mehrere Risse im Gesicht und Haar sowie am Hals. Restaurierung 1973/75: gereinigt, Standdübel montiert. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Der überlebensgroße kubische Kopf eines bartlosen Mannes ist frontal ausgerichtet und neigt sich kaum merklich nach links. Er sitzt auf einem kräftigen Hals. Das breite längliche Gesicht wirkt im Profil flach. In der Mitte der niedrigen Stirn sind zwei bogenförmige Querfurchen eingeritzt, je eine weitere Furche parallel zu den hochgeschwungenen Brauenbögen. Über der Nasenwurzel bilden sich zwei kurze Vertikalfalten. Durch die großflächigen langgestreckten Wangen, die sich zum kleinen vorspringenden Kinn hin leicht verjüngen, verschieben sich die Proportionen zugunsten des Untergesichtes.

Die übergroßen ausdrucksvollen Augen, die starr geradeaus blicken, beherrschen das Gesicht und verleihen dem Kopf seine monumentale Wirkung. Unter den äußerst knappen Orbitalen wölben sich die breiten Oberlider beinahe halbkreisförmig auf. Wie die flach zum Tränenkanal hin geschwungenen Unterlider sind sie kantig unterschnitten. Pupille und Iris sind durch konzentrische Rillen angegeben, wobei die Iris das Oberlid berührt. Die Flügel der großen kantigen Nase mit dem schmalen Rücken formen ein Dreieck, zur Mundpartie hin bilden sich flache Einsenkungen. Die schmalen Lippen des nicht sehr breiten Mundes sind fest geschlossen. An den nach unten gezogenen Mundwinkeln befinden sich dreieckige Kerben. Von der vorgestülpten Unterlippe leitet eine ausgeprägte Kehlung zum Kinn über. Das Gesicht zeigt strenge, stark typisierte Züge und ein hartes, kaum sinnliches Inkarnat. Gesicht und Hals sind von langgezogenen, radial verlaufenden Raspelspuren bedeckt, die von der Glättung der Oberfläche zurückgeblieben sind. Die Rückseite der Ohren ist in Bosse belassen, die Ohrknöchel sind klar abgesetzt.

Das Haar bildet eine eng anliegende Kappe. Eine gerade verlaufende Reihe kurzer kommaförmiger Lockenbüschel säumt die Stirn, wobei eine eingeritzte Linie sie nach unten begrenzt. Sie sind einheitlich nach links gestrichen. Von einer Gabel über dem äußeren Winkel des rechten Auges aus zeigen die Locken nach rechts. Das Schläfenhaar reicht jeweils bis zu den Ohrknöcheln hinab. Ansonsten ist der Kopf von fünf oval angelegten, konzentrischen Ringen aus dicken Lockenbüscheln bedeckt, die vom Hinterkopf ausgehen. Eingeritzte Rillen setzen die Ringe jeweils voneinander ab. Die Locken sind von einer seitlichen Gabelung ausgehend jeweils nach rechts und links gestrichen, am Hinterkopf treffen sie in knospenartig stilisierten Büscheln aufeinander. Kerben unterteilen die Locken in breite, konkav gewölbte Strähnen, deren Spitzen durch die Begrenzungsrillen gekappt sind.

Insgesamt zeigt der Kopf eine lineare Formauffassung und eine harte, holzschnittartige Modellierung. Die Frisur folgt einem strengen, stark schematisierten Muster mit präziser Ausarbeitung.

Das Bildnis eines uns unbekannten Einwohners der syrischen Oasenstadt Palmyra ist ein typisches Beispiel für die Porträtplastik dieses Kunstzentrums am Rande der römischen Welt. Die Stadt an der wichtigen Karawanenroute zwischen dem Wasserweg des Euphrat und den Häfen an der Mittelmeerküste kontrollierte während der römischen Kaiserzeit des 1. bis 3. Jhs. n. Chr. den Handel mit Luxusgütern wie Seide, Gewürzen und Edelsteinen zwischen dem Westen und Osten. Die weiträumigen Aktivitäten seiner Kaufleute brachten Palmyra großen Reichtum. Dabei konnten die Palmyrener ihre Unabhängigkeit sowohl gegenüber dem Römischen Reich als auch gegenüber den angrenzenden iranischen Mächten weitgehend behaupten.

Palmyrenische Porträts sind uns vor allem durch die reiche plastische Ausstattung der Grabbauten wohlhabender Einwohner in den Nekropolen der Oasenstadt bekannt. Die sorgfältige Ausarbeitung des Kasseler Kopfes auch auf seiner Rückseite spricht dafür, dass er zu einer freiplastischen Statue gehörte, eventuell zu der Deckelfigur eines Sarkophages (Lullies 1966). Manchmal zeigten dort ganze Figurengruppen den Grabherrn im Kreise seiner Angehörigen beim Totenmahl. Die Werkzeugspuren auf den Bruchflächen sind möglicherweise antik. Es könnte sich folglich um einen Einsatzkopf handeln.

Unser Exemplar findet sowohl in der Gestaltung seines Gesichtes als auch seiner Frisur enge Parallelen in zwei freiplastischen Männerbildnissen in Palmyra (Parlasca 1987) und Kopenhagen (Ploug 1995), die in die Jahre zwischen 100 und 120 n. Chr. datiert werden. Folglich muß er in dem gleichen Zeitraum entstanden sein. Deutliche Übereinstimmungen sind vor allem in der Augenbildung mit den breiten, beinahe halbkreisförmig geschwungenen Oberlidern sichtbar sowie in der Wiedergabe der Pupillen und der Iris, die das Oberlid berührt, durch konzentrische Rillen. Die Mundwinkel des Kopfes in Palmyra sind ähnlich nach unten gezogen, an dem Kopenhagener Kopf ist dies wegen einer Beschädigung der Mundpartie leider nicht mehr zu erkennen.

Im Gegensatz zu der zeitgleichen römischen Porträtplastik zeigen palmyrenische Bildnisse kaum individuelle Merkmale. Die Identität der dargestellten Personen halten vielmehr die häufig auftretenden Inschriften fest. Das geringe Interesse der Palmyrener an der Wiedergabe einer individuellen Physiognomie wurzelt wohl ebenso wie die strenge hieratische Darstellungsform in einheimischen, eher orientalisch geprägten Traditionen (Parlasca 1985, 1987, Gawlikowski 1987).

Obwohl die palmyrenische Oberschicht sich vom frühen 2. Jh. n. Chr. an verstärkt am römischen Westen orientiert, bewahrt die Oasenstadt offenbar ihre kulturelle und künstlerische Eigenständigkeit (Balty 1991, Schmidt-Colinet – al-Assad 1995). Daher ist eine kunstgeschichtliche Einordnung ihrer Porträts über einen Vergleich mit dem ›Zeitgesicht‹ und der Modefrisur römischer Bildnisse nicht ohne weiteres möglich.

Publiziert:
Ars Antiqua, Auktionskat. 7.11.1964, Nr. 11 Taf. 4; R. Lullies, AA 1966, 120 Nr. 23 Abb. 43–44.


Literatur: Zur palmyrenischen Plastik und ihrer Datierung: K. Parlasca, RM 92, 1985, 343 ff.; Palmyra, AK Frankfurt (1987) 276 ff. (K. Parlasca); 290 Kat. Nr. 8 (E. M. Ruprechtsberger); 283 f. (M. Gawlikowski); G. Ploug, The Palmyrene Sculptures. Ny Carlsberg Glyptotek (1995) 25 ff. Nr. 33. – Zu Deckelfiguren auf Sarkophagen vgl: S. und A. Abdul-Hak, Catalogue illustré du Departement des Antiquités Gréco-romains au Musée du Damas (1951) Nr. 51 Taf. 19, 2; Palmyra. AK Frank-furt (1987) 265 Abb. 6 (K. Assad). – Zu Palmyras kultureller Eigenständigkeit: J. Ch. Balty, 11. TrWPr (1991) 19 f.; A. Schmidt-Colinet – K. al-Assad, Kulturbegegnung im Grenzbereich, in: A. Schmidt-Colinet (Hrsg.), Palmyra (1995).

(NZE)

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