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Porträt einer Frau Bild1

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Porträt einer Frau
Einsatzkopf, lebensgroß
Inv.-Nr. Sk 105

Spätclaudisch, um 50 n. Chr.

Weißer, feinkörniger Marmor

H 31,5 cm



Zugang: Erworben 1928 im Kunsthandel Leo Hamburger, Frankfurt am Main


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Am unteren Halsansatz ausgebrochen. Schulterlocken teilweise abgebrochen. Über r. Ohr und an Nasenspitze bestoßen. Risse in l. vorderer Hälfte des Oberkopfes. Oberfläche korrodiert, besonders auf der VS. Möglicherweise in früherer Zeit mit Säure gereinigt. Im 2. Weltkrieg durch Hitzeeinwirkung geschädigt. Keine Ergänzungen. Im Haarbereich auf Oberkopf und RS rotbraune-ockerfarbene Sinterspuren. Restaurierung 1973/75: gereinigt, gefestigt, Standdübel montiert. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Der Einsatzkopf mit kugeliger Grundform ist nach rechts gewandt und geneigt. Den langen kräftigen Hals prägen drei deutlich herausgearbeitete Venusringe. Das ovale Gesicht mit dem kleinen, leicht vorspringenden Doppelkinn hat einen dreieckigen Umriss. Die Brauenbögen fallen nach außen ab. Dünne Oberlider und leicht geschwollene Unterlider rahmen die tiefliegenden großen, mandelförmigen Augen. Ihre äußeren Winkel sind nach unten gezogen und werden von dem vorquellenden Orbital leicht überlappt. Von der schmalen Nase verlaufen ausgeprägte Nasolabialfalten zu dem sehr kleinen Mund mit deutlich überhängender Oberlippe. Die Mundwinkel sind stark eingetieft. Trotz der Oberflächenkorrosion ist ein ursprünglich weich modelliertes, etwas schlaffes Inkarnat erkennbar, das besonders in der unteren Gesichtshälfte sanft bewegt ist.

Der Ansatz des Haars reicht tief hinab. Über der Stirn und den Schläfen gliedert es sich in vier gleichmäßige horizontale Reihen schneckenartig eingerollter Locken, deren Vorderseite ursprünglich leicht hochstand. Sie sind mit ihren Strähnen plastisch einzeln artikuliert. Zwischen ihren Reihen fließt das Haar in feinen Wellen zu den Seiten. Eine breite flache Furche kappt diese regelmäßigen Register jedoch in der Scheitelzone und schneidet einen keilförmigen Bereich aus der Haaranordnung aus, über dem der Rest eines Mittelscheitels zu erkennen ist. Die Furche verliert sich zur Stirn hin. Den keilförmigen Ausschnitt bedecken drei Reihen aus jeweils zwei gegeneinander versetzten Locken, eine einzelne befindet sich direkt über der Stirnmitte. Im Gegensatz zur übrigen Haarmodellierung sind die Schneckenlocken im Scheitelbereich deutlich breiter und flacher. Sie liegen eng am Kopf an und weisen zentrale Punktbohrungen auf. Die Partie ist insgesamt leicht eingetieft.

Die Locken in der Scheitelzone sind offensichtlich nachträglich in die Frisur eingeschnitten worden. Deren Steinmasse war dort wohl geringer als in den seitlichen Bereichen. Spuren einer Umarbeitung finden sich auch im Stirnregister zu beiden Seiten der Zentrallocke. Die unterste Lockenreihe fasst die Stirn bogenförmig ein und fällt wie eine Kette vor den freiliegenden Ohren herab. Hinter den Ohren ist das Haar auf beiden Seiten zu einer Rolle eingedreht, aus der sich jeweils zwei Korkenzieherlocken lösen, die auf die Schultern herabfallen. Sie sind jeweils durch einen Bohrkanal getrennt und durch schräg verlaufende Kanäle in einzelne Kompartimente aufgeteilt. Die seitlich eingedrehten Haarrollen sind im Nacken zu einem Zopf aus vier eng aneinanderliegenden geflochtenen Schlaufen zusammengenommen. Auf dem Oberkopf fließt das Haar vom Scheitel aus in unregelmäßigen, flach ausgearbeiteten Wellen zu den Seiten und über den Hinterkopf. Am Ende des Zopfes befindet sich eine schräg verlaufende Anstückungsfläche, die sich mit der des Nackens verbindet und ein Dübelloch aufweist.

Die Frisur und einige physiognomische Merkmale wie der kleine Mund mit der vorspringenden Oberlippe und die Augenpartie rücken den Einsatzkopf in die Nähe von Porträts der Kaiserin Agrippina Minor, die Gattin des Claudius (reg. 41–54 n. Chr.) und Mutter des Nero (reg. 54–68 n. Chr.) war. Wie bei Bildnissen der Agrippina Minor vom Typus Ancona hängt die unterste Lockenreihe wie eine Kette vor den freibleibenden Ohren herab. Eine zusätzliche Kette von Ringellöckchen über der Stirn wie beim Typus Mailand fehlt. Der Typus Ancona hat jedoch stets einen Mittelscheitel, an den sich zu beiden Seiten eine schmale, nicht gelockte Haarpartie anschließt, die in Wellen gelegt ist. Da diese Partie bei dem Kasseler Kopf fehlt, wurde er mit dem Typus Stuttgart des Agrippina-Bildnisses in Verbindung gebracht (Trillmich 1974, Hertel 1981), bei dem die Schneckenlocken bis an den Mittelscheitel heranreichen (Hausmann 1975). Sie sind dort aber nicht gegeneinander versetzt wie bei dem vorliegenden Bildnis. In Porträts vom Typus Stuttgart, der nach dem Herrschaftsantritt Neros 54 n. Chr. entstanden ist, sind die Gesichtszüge der Kaiserin zudem stark an die ihres Sohnes angeglichen (Trillmich 1974, Hausmann 1975, Vierneisel – Zanker 1978, Boschung 1993). Die Augen sind kleiner und schmaler, die Lippen voller, das Gesicht insgesamt fülliger als beim Typus Ancona. Auch in diesen Merkmalen entspricht unser Kopf nicht dem Typus Stuttgart.

Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass sich das Kasseler Bildnis in seiner ursprünglichen Fassung an Porträts der Agrippina Minor vom Typus Ancona orientierte. Seine Scheitellocken können jedoch nicht aus den Haarwellen herausgeschnitten sein, die sich beim Typus Ancona an der entsprechenden Stelle befinden. Deren Steinmasse wäre, besonders für die zentrale Scheitellocke unseres Kopfes, viel zu gering. Daher ist es nicht möglich, ihn als umgearbeitetes Abbild der Agrippina Minor zu interpretieren (Polaschek 1972, Raeder 2000). Auch das relativ kurze Untergesicht und die stark ausgeprägten Altersmerkmale, zu denen die tiefen Nasolabial- und Mundwinkelfalten sowie das schlaffe füllige Doppelkinn zählen, weichen von der üblichen Agrippina-Ikonographie ab. Es wird sich also eher um ein Privatporträt handeln, das sich an das Bildnis der einflussreichen und machtbewußten Kaiserin anlehnte, ohne dessen Ikonographie vollständig zu übernehmen. Es bleibt jedoch unklar, wie die Scheitelpartie des Kasseler Kopfes in der ursprünglichen Fassung ausgesehen hat.

Der Typus Ancona ist in der Münzprägung um 50/51 n. Chr. belegt (Trillmich 1974, Boschung 1993). Er könnte als offizieller Bildnistypus anlässlich von Agrippinas Heirat mit ihrem Onkel Claudius 49 n. Chr. oder ihrer Erhebung zur Augusta 50 n. Chr. entstanden sein (Vierneisel – Zanker 1978, Fittschen – Zanker 1983). Das Kasseler Frauenporträt muß also um oder kurz nach 50 n. Chr. zu datieren sein. Auch das weiche Inkarnat und die plastisch differenzierten Locken mit aufrechtstehender Vorderseite weisen auf eine Entstehung in spätclaudischer Zeit hin.

Die Anordnung der nachträglich eingeschnittenen Scheitellocken, die den traditionellen Mittelscheitel bewußt aufgibt, deutet darauf hin, dass die Umarbeitung möglicherweise in spätneronischer Zeit vorgenommen wurde (Fittschen – Zanker 1983, Nr. 60–61). Die Gründe für diese Maßnahme liegen bislang jedoch im Dunkeln. Die Gesichtszüge des Bildnisses wurden im Zuge der Umarbeitung nicht verändert.

Publiziert:
EA 4248–4249 (H. Möbius); D. Hertel, MM 22, 1981, 264 Taf. 30 a–b.


Literatur: Zu den Porträttypen der Agrippina Minor: S. Fuchs, RM 51, 1936,
217 ff.; K. Polaschek, TrZ 35, 1972, 178 ff.; W. Trillmich, MM 15, 1974, 184 ff., 194 Anm. 57; U. Hausmann, Römerbildnisse (1975) 33 f. Nr. 8; K. Vierneisel – P. Zanker (Hrsg.), Die Bildnisse des Augustus. AK München (1978) 99; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 5 Taf. 6; A. Romualdi, RM 94, 1987, 76 f. Nr. 21 Taf. 71–73; D. Boschung, JRA 6, 1993, 73 f.; S. E. Wood, Imperial Women (1999) 295 ff.; J. Raeder – N. Ehrhardt – C. Eder, Die antiken Skulpturen in Petworth House (2000) 173 ff. Anm. 8. – Zur Datierung: Fittschen – Zanker 1983, Nr. 59–61 Taf. 76. 77.

(NZE)

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