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Porträt eines Mannes Bild1

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Porträt eines Mannes
Kopf, lebensgroß
Inv.-Nr. Sk 136

250–260 n. Chr.

Weißer, mittelkristalliner Marmor.

H 23,5 cm



Zugang: Erworben 1987 im Kunsthandel Basel von Donati, Lugano.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Hinterkopf mit r. Ohr schräg nach vorne abfallend abgebrochen. An Nasenspitze, Kinn und l. Ohr muldenförmige Abarbeitungen für wiederentfernte Ergänzungen, an Nase und Kinn verfüllte Dübellöcher. Kleine Verletzungen der Oberfläche an Stirn, r. Augenbraue und r. Wange. Risse in Stirn und auf Oberkopf. Augenpartie überarbeitet, Oberfläche insgesamt stark geputzt, daher keine Sinterspuren. Restaurierung 1987: gereinigt, Standdübel montiert. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Der etwa lebensgroße massige Kopf wandte sich kaum merklich nach rechts. An seiner linken Seite ist noch ein Ansatz der vortretenden Halsmuskeln erkennbar. In seiner Vorderansicht wirkt der Kopf länglich und etwas blockhaft, seine gewölbte Schädeldecke lädt über den Ohren leicht aus. Zwei deutliche Querfurchen durchziehen die sehr hohe Stirn, die sich zu den Schläfen hin einsenkt. Die Stirnmuskeln wölben sich über den vorspringenden Brauenbögen kräftig nach vorne. Die geschwungenen Brauen ziehen sich über der Nasenwurzel zusammen, so dass dort zwei tiefe senkrechte Falten entstehen.

Die Oberlider der mandelförmigen Augen bilden jeweils einen schmalen, knapp und flach geformten Rand, den eine auffallend unsichere Ritzlinie nach oben hin begrenzt. Über dem linken inneren Augenwinkel ist sie doppelt angegeben. Sie deutet auf eine nachantike Überarbeitung hin. Direkt unterhalb der Oberlider ist auf den flachen Augäpfeln ein Rest der ursprünglichen Oberfläche als leichte Stufe stehengeblieben, die im rechten Auge besonders gut zu erkennen ist. Auch die unregelmäßige Ritzung der Iris und die unsichere Pupillenbohrung sprechen für eine Überarbeitung der Augenpartie. Unterhalb der annähernd gerade verlaufenden Unterlider zeichnen sich breite Tränensäcke schwach ab. Der sorgenvolle Blick richtet sich leicht nach oben.

Der Sattel der fleischigen, relativ breiten Nase senkt sich scharf ein. Die tiefen Nasolabialfalten reichen bis über die Mundpartie hinab. Die Lippen des schmalen Mundes setzen sich kaum ab, ihre Ränder sind möglicherweise der nachantiken Überarbeitung zum Opfer gefallen. Die Oberlippe springt etwas vor. Die leicht herabgezogenen Mundwinkel, an denen sich Falten bilden, unterstreichen den sorgenvollen Ausdruck des Gesichtes. Die Wangen zeigen fleischige Wölbungen. Das bewegte Inkarnat ist kräftig durchmodelliert. Feine Ritzungen geben einen Oberlippenbart an, längere, locker verteilte Ritzlinien einen abwärts gestrichenen Wangenbart, der wohl auch das Kinn bedeckte. Das kurzgeschorene Haupthaar liegt dem Schädel eng an und hat wie der Bart keinen plastischen Eigenwert. Lediglich an den Schläfen hebt es sich von der Gesichtsoberfläche ab.

Über der Stirn weicht der Haaransatz sehr weit nach oben zurück. Über der Mitte und der linken Hälfte der Stirn sind zwei beinahe dreieckige Haarpartien stehengeblieben, die zipfelartig nach vorne reichen. Die Kerben und längeren Ritzlinien der Haarkappe erzeugen den Eindruck, dass das Haar vom Hinterkopf nach vorne gestrichen sei.

Das Bildnis eines uns unbekannten älteren Mannes knüpft in seiner Haar- und Barttracht an die Mode an, die in der ›Soldatenkaiser-Zeit‹ des mittleren 3. Jhs. n. Chr. vorherrschend war. Auch die fehlende Plastizität von Haar und Bart sowie deren Wiedergabe durch längere Kerben und Ritzlinien sind typisch für die genannte Stilphase. Weitere charakteristische Merkmale sind die gestreckte Kopfform und die angestrengte Mimik, die sich in tiefen Furchen und Falten äußert.

Vom Stil der Jahrhundertmitte, der besonders klar im Porträt des Kaisers Decius (reg. 249–251 n. Chr.) zum Ausdruck kommt (Fittschen – Zanker 1985), unterscheidet sich der Kasseler Kopf jedoch in seinen eher ruhigen, harmonisierten Gesichtszügen. Er lässt sich gut mit dem Porträt des Kaisers Valerian (reg. 253–260 n. Chr.) vergleichen. Es ist den Traditionen des mittleren 3. Jhs. n. Chr. noch stärker verhaftet als der gleichzeitige Bildnistypus I von Valerians Sohn und Mitregenten Gallien (reg. 253–268 n. Chr.). Übereinstimmungen mit dem Bildnis Valerians im Kapitolinischen Museum Rom (Fittschen – Zanker 1985) zeigt unser Kopf nicht nur in seinem Umriss und seinen Proportionen sowie in seiner Haarwiedergabe, sondern auch in der Gestaltung seiner Brauen und den schmalrandigen, durch scharfe Ritzlinien begrenzten Augen mit ihren schwach ausgebildeten Tränensäcken (Bergmann 1977, 59 f.).

Die knappe Wiedergabe von Augen und Mund setzt also keinesfalls den Bildnistypus II des Gallien voraus, der zwischen 261 und 268 n. Chr. verbreitet war (anders Krumme 1982/83). Er weist zudem gedrungenere Proportionen, ein stärker gespanntes Inkarnat und insgesamt starrere Formen auf als das Bildnis in Kassel.

Die Haar- und Bartwiedergabe durch Kerben, die auf das zweite Viertel des 3. Jhs. n. Chr. zurückgeht, ist in frühgallienischer Zeit bei Privatporträts durchaus noch anzutreffen (Bergmann 1977, 53. 61 Taf. 14, 5. 6). Ihre Verwendung parallel zum Bildnistypus II des Gallien mit seiner wesentlich plastischeren, voluminöseren Wiedergabe von Haar und Bart wäre jedoch eher unwahrscheinlich und auch als Fortwirken überwundener Formeln (Krumme 1982/83) nur schwer zu erklären (Bergmann 1977, 68 ff.; Bergmann 1983, 47 ff.). Der Kasseler Kopf wird also höchstwahrscheinlich in den Jahren zwischen 250 und 260 n. Chr. entstanden sein (Gogräfe 1989). Er ist stilistisch etwas weiter fortgeschritten als das zuvor besprochene Bildnis Kat. 4.20.

Wie der gleichfalls ältere Kaiser Valerian orientiert sich der Unbekannte in seinem Porträt noch stärker an den Traditionen und Bildformeln der Jahrhundertmitte als Valerians jüngerer Mitregent Gallien. In dessen zeitgleichem Bildnis kommen die neuen Stiltendenzen seiner Regierungszeit bereits stärker zum Durchbruch.

In dem Porträt Sk 136 sind die ›realistischen‹ Züge und die angespannte Mimik etwas deutlicher ausgebildet als in dem geringfügig früher entstandenen Bildnis Kat. 4.20, das einen wohl nur wenig jüngeren Mann zeigt. Sie sollen sowohl die Tüchtigkeit (Virtus) und Energie als auch die Lebenserfahrung des Porträtierten zum Ausdruck bringen. Die Selbstdarstellung des uns unbekannten Mannes entspricht folglich dem Zeitideal, das seit Kaiser Caracalla während des 3. Jhs. n. Chr. sowohl für Kaiser- als auch Privatbildnisse bestimmend ist (Bergmann 1983, 41 ff.). Die entsprechenden Merkmale sind jedoch bei den einzelnen Porträts unterschiedlich stark ausgeprägt. Auch darin zeigt sich der individuelle Gestaltungsspielraum im Rahmen eines etablierten Bildnisschemas.

Publiziert:
H. Jucker – D. Willers (Hrsg.), Gesichter. Griechische und römische Bildnisse aus Schweizer Besitz. AK Bern (1982) Nr. 88 (M. Krumme).


Literatur: R. Gogräfe, Manuskript für einen Erwerbungsbericht (1989). – Zum Zeitstil: Bergmann 1977, 47 ff. 59 ff.; AK Frankfurt 1983, 41 f. 47 ff. (M. Bergmann) – Zu anderen Bildnissen: Fittschen – Zanker 1985, Nr. 110 Taf. 136. 137 (Decius); Nr. 112–115 Taf. 139–142 (Gallien); Nr. 111 Taf. 138 (Valerian); Johansen 1995b, Nr. 50.

(NZE)

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