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Porträt eines jungen Mannes Bild1

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Porträt eines jungen Mannes
Büste
Inv.-Nr. Sk 123

250– 255 n. Chr.

Kopf mit Hals: Weißer, feinkristalliner Marmor. Büste: Gelblich-weißer, mittelkristalliner Marmor.

H 55,5 cm
H Kopf mit Hals 26,5 cm
H Kinn bis Scheitel 21 cm



Zugang: Erworben 1968 im Kunsthandel Barsanti, Rom.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Kopf mit Hals am Schlüsselbeinansatz gebrochen, in nicht zugehörige antike Büste eingesetzt. Vorderer Teil der Nase abgebrochen. Ohrmuschelränder und r. Augenbraue bestoßen. Knöchel des l. Ohres wiederangesetzt. Kleine Verletzungen in Gesicht und Haar. Dunkle Sinterspuren und Verfärbungen. Ergänzung an VS des Büstenfußes entfernt. Beschädigte Kanten der Büste nachantik begradigt. Restaurierung 1973/75: gereinigt, mit Standdübel gesockelt. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Der etwas unterlebensgroße Kopf auf dem schlanken Hals wendet sich in einer leicht schraubenartigen Bewegung nach rechts. Die gewölbte Schädeldecke lädt über den Ohren deutlich aus. Das längliche Gesicht hat in der Vorderansicht einen fünfeckigen Umriss. Die langgestreckten Wangenpartien fallen annähernd gerade ab und biegen auf der Höhe des Mundes scharf zum Kinn um. Da die asymmetrischen Augen weit oben liegen, wirkt das Untergesicht außerordentlich lang und betont die gestreckten Proportionen des Kopfes. Die niedrige rechteckige Stirn mit den stark eingesenkten Schläfen ist durch eine Querfurche unterteilt und wölbt sich zu den vorspringenden Brauenbögen hin. Die schmalen, bandartig aufgelegten Augenbrauen verlaufen beinahe waagerecht und biegen mit einem scharfen Knick zur Nasenwurzel um, über der sich eine Mulde bildet.

Die äußeren Winkel der länglichen mandelförmigen Augen reichen bereits auf die Seitenfläche des Kopfes. Die Orbitale bilden jeweils eine schmale Falte, die nach oben durch eine Ritzlinie begrenzt ist. Eine tiefe Rille trennt sie von dem wulstförmigen Oberlid. Das Unterlid schmiegt sich jeweils modellierend eng an den Augapfel an und gleitet in die großflächige glatte Wangenpartie über. Die bohnenförmige doppelte Pupillenbohrung sitzt direkt unter dem Oberlid. Der melancholisch-skeptische Blick richtet sich leicht aufwärts nach rechts. Die schmale Nase ist stark hakenförmig gebogen. Der sehr kleine gerade Mund ist weich in die Wangen- und Kinnpartie eingebettet, von der sich die vollere zurückspringende Unterlippe kaum absetzt. Das fliehende Kinn weist ein Grübchen auf. Der Aufbau des Gesichtes mit seinen klaren horizontalen Achsen und seinen scharf konturierten Augen zeigt eine Tendenz zur Abstraktion. Die gespannten Wölbungen des Inkarnats sind kaum durchmodelliert.

Das Stirnhaar verläuft in einer beinahe waagerechten, etwas unregelmäßigen Linie. Über dem Innenwinkel des linken Auges bildet sich eine kleine Haargabel, über dem rechten Auge eine wirbelartige Ausbuchtung nach unten. Das Stirn- und Schläfenhaar sowie die Koteletten heben sich plastisch von der Oberfläche des Gesichtes ab. Sie sind durch längere, locker gesetzte Ritzlinien angegeben, die sich jeweils einem einheitlichen Schwung unterordnen. Der flaumartige Bart auf Oberlippe und Wangen ist fein geritzt, hat aber keinen plastischen Eigenwert. Auch die Haarkappe weist an Ober- und Hinterkopf kaum Plastizität auf. Sie ist durch längere Kerben gegliedert, die von einem Wirbel am Hinterkopf auszugehen scheinen. Dort befindet sich eine geringfügig abgeplattete Zone mit unregelmäßiger Oberfläche und einem Loch am Rand. Möglicherweise war dort eine antike Ausbesserung angestiftet.

Die nicht zugehörige Oberarmbüste ist mit ihrer geschweiften Stütze und ihrem Fuß in einem Stück gearbeitet. Sie trägt eine Tunika mit unregelmäßigem Halssaum und eine Toga. Die breiten flachen Faltenpartien der Gewänder sind zeichnerisch ausgearbeitet.

Das Bildnis zeigt einen jungen Mann, dessen Name uns nicht bekannt ist. Stilistisch ist es zwischen den Phasen anzusiedeln, die sich in den Porträts des Philippus Minor (reg. 247–249 n. Chr.) und des Decius (reg. 249–251 n. Chr.) einerseits und dem Bildnistypus I des Kaisers Gallien (reg. 253–268 n. Chr.) andererseits manifestieren (Fittschen 1970, Lullies 1972).

Dieser Typus war während der gemeinsamen Herrschaft des Gallien mit seinem Vater Valerian 253–260 n. Chr. verbreitet. Wie Philippus Minor und Decius trägt der Kasseler Unbekannte eine Kurzhaarfrisur bestehend aus längeren Kerben und Ritzlinien. In der leichten Plastizität des Stirnhaares mit seinen erkennbaren Haarmotiven sowie des Schläfenhaars und der Koteletten zeigen sich Tendenzen, die auch das Valeriansporträt kennzeichnen und bei Gallien noch stärker zum Durchbruch kommen. Wie beim Galliensbildnis sind die Ritzlinien einem einheitlichen Schwung unterworfen, verbinden sich aber erst ansatzweise zu durchgehenden Linien (Fittschen – Zanker 1985, Nr. 113).

Auch die Kopf- und Gesichtsform unseres Unbekannten erinnern noch an das Porträt des Decius. Ihre Proportionen nähern sich jedoch wie die Bildung der Brauen- und Augenpartie bereits stärker dem Bildnis Galliens an (Blümel 1933; Fittschen – Zanker 1985, Nr. 112). In dem abstrakten Aufbauprinzip, der Beruhigung der Gesichtszüge sowie in den gespannten, wenig modellierten Wölbungen des Inkarnats kündigen sich ebenfalls Tendenzen der gallienischen Zeit an.

Das Porträt Sk 123 ist damit stilistisch schon etwas weiter fortgeschritten als der zuvor besprochene Kopf Kat. 4.20, seine Haarkappe und sein Bart erreichen aber noch nicht die Plastizität des Galliensporträts. Sk 123 markiert folglich den Übergang vom Porträtschaffen des zweiten Viertels des 3. Jhs. n. Chr. zu dem der frühgallienischen Zeit. Es wird in den Jahren zwischen 250 und etwa 255 n. Chr. entstanden sein (Fittschen 1970).

Der gleichen Stilstufe gehört noch eine Reihe weiterer Privatporträts der 50er Jahre des 3. Jhs. n. Chr. an, die eng mit der Bildniskunst der Jahrhundertmitte zusammenhängen, obwohl sich in ihnen bereits der gallienische Zeitgeschmack niederschlägt (Bergmann 1977). Unter ihnen lassen sich die Bildnisse zweier jüngerer Männer in Hamburg (Bergmann 1977, 63 Taf. 16, 4; 17, 3) und einer italienischen Privatsammlung (Bergmann 1977, 63 Taf. 17, 5. 6) mit unserem Unbekannten besonders gut vergleichen. Das Bildnis eines Wagenlenkers in Paris (Bergmann 1977, 63 Taf. 16, 6; 17, 1; Kersauson 1996) zeigt eine ähnliche Orbitalfalte, die über dem Oberlid hängt. Die Bildnisse zweier Knaben in Schloss Fasanerie (Heintze 1968, Nr. 51) und in Dresden (Knoll u. a. 1993, Nr. 34) weisen in Stil und Ausdruck ebenfalls enge Parallelen zu dem Kasseler Porträt auf, bei dem die Entwicklung hin zum frühgallienischen Zeitgeschmack aber schon geringfügig weiter fortgeschritten ist.

Die für Porträts des 3. Jhs. n. Chr. typischen ›realistischen‹ Merkmale innerer Anspannung (Bergmann 1983) sind in der Physiognomie unserer Porträtbüste nur schwach ausgeprägt. Dies ist nicht nur auf die gallienischen Tendenzen zur Beruhigung der Gesichtszüge zurückzuführen, sondern folgt einer Bildformel, die schon in der ›realistisch-expressiven‹ Phase des zweiten Viertels des 3. Jhs. n. Chr. die Darstellung jüngerer Männer bestimmt (Bergmann 1977, 63; Bergmann 1983).

Trotz aller Abstraktion und Formelhaftigkeit zeigt das Bildnis auch ausgesprochen individuelle Züge (Fittschen 1970). Dazu zählen vor allem die Hakennase, die fliehende Linie von der Oberlippenfalte über die Mundpartie zum Kinn und das Grübchen dort. Der Kassler Kopf ist damit ein eindrucksvolles Beispiel für die Verbindung von Zeitgesicht und individuellen Merkmalen in der römischen Porträtkunst. Seine Herkunft aus dem römischen Kunsthandel deutet auch auf eine Entstehung im stadtrömischen Bereich hin (Lullies 1972).

Form und Aufbau der Büste sprechen dafür, dass sie durchaus antik ist (Goette 1990; anders Fittschen 1970). Büstenausschnitt und Faltengestaltung legen jedoch eine Datierung in hadrianische Zeit nahe (Goette 1990). Ihre Verbindung mit einem nicht zugehörigen Kopf entspricht der im 18. Jh. üblichen Praxis, die eine repräsentative Aufstellung ermöglichen sollte.

Publiziert:
K. Fittschen, RM 77, 1970, 140 ff. Taf. 67–69; R. Lullies, AA 1972, 31 f. Nr. 30 Abb. 49. 50 (K. Fittschen).


Literatur: Zur stilistischen Einordnung: Blümel 1933, R 114 Taf. 74; Heintze 1968, Nr. 51; Bergmann 1977, 60 ff.; AK Frankfurt 1983, 41 ff. (M. Bergmann); Fittschen – Zanker 1985, Nr. 111–113 Taf. 138–141; K. Knoll u. a., Die Antiken im Albertinum (1993) Nr. 34; Kersauson 1996, Nr. 235. – Zur Büste: H. R. Goette, Studien zu Römischen Togadarstellungen (1990) 148 L10; Müller-Kaspar 1988, 82 ff.

(NZE)

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