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Porträt einer Frau Bild1

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Porträt einer Frau
Kopf, lebensgroß
Inv.-Nr. Sk 117

Mittelantoninisch, um 165–170 n. Chr.

Weißer, kleinkristalliner Marmor.

H 24,7 cm
H Kinn bis Scheitel 22,5 cm



Zugang: Erworben 1961 im Kunsthandel.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Am Hals gebrochen, Halsansatz nur l. erhalten, bestoßen. Großer Teil der r. Kopfhälfte und des Nackenknotens verloren. Hinterkopf z. T. abgebrochen. Brauen, Oberlider, Mund und Kinn sowie Haar über Stirn und l. Ohr bestoßen. Nase beschädigt. Kleine Verletzungen an Wangen. Dunkle Sinter- und Wurzelfaserspuren über gesamte Oberfläche verteilt. Restaurierung 1973/75: gereinigt, Standdübel montiert. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Der etwa lebensgroße Kopf wendet sich geringfügig nach rechts. Das breite ovale Gesicht hat großflächige Wangen, ein schweres Untergesicht und ein stumpfes Kinn mit einem schwammigen Übergang zum Hals. Der Haaransatz verläuft über der niedrigen Stirn annähernd gerade. Die flach geschwungenen Brauenbögen springen über den schmalen Orbitalen etwas vor. Über den langgezogenen mandelförmigen Augen liegen schwere dicke Oberlider. Unmittelbar unter ihnen gibt jeweils eine doppelte Bohrung die Pupille an. Die Unterlider schmiegen sich an die etwas vorquellenden Augäpfel und gehen sanft in die Wangen über. Der leicht melancholische Blick richtet sich nach rechts. Die relativ kurze Nase war anscheinend etwas gebogen. Der kleine Mund ist weich in das Gesicht eingetieft, seine vollen Lippen setzen sich plastisch kaum ab. Feine Punktbohrungen geben die leicht nach unten gezogenen Mundwinkel an. Das weiche faltenlose Inkarnat ist sanft bewegt. Die Oberfläche des Gesichtes ist poliert.

Das Haar ist von einem Mittelscheitel aus zu den Seiten gestrichen und in welligen Schlaufen, die sich weich übereinanderlegen und nur die Ohrläppchen hervorschauen lassen, zum Nacken geführt. Dort lösen sich zwei kurze Locken, die sich eng an den Hals schmiegen. Auf der erhaltenen linken Seite des Oberkopfes bildet das Haar zwei Rippen in der Art einer Melonenfrisur. Die schmalere untere ist parallel zu den Haarschlaufen gesträhnt, die breitere obere im spitzen Winkel dazu. Im Nacken ist das gesamte Haar zu einem großen runden Knoten zusammengenommen. Feine präzise Rillen gliedern es von der Oberfläche her in dünne, etwas kantige Strähnen. Trotz der schweren Beschädigungen ist in dem Kopf noch eine ehemals sorgfältige qualitätvolle Arbeit zu erkennen.

Das Privatporträt zeigt eine uns unbekannte Frau. Ihr Alter ist schwer zu schätzen, aber offenbar ist sie noch relativ jung. Dennoch zeigt ihr Gesicht matronale Züge. Die Haartracht weist das Bildnis entgegen anderslautender Einschätzungen (Berger 1962) klar in die antoninische Zeit. Es gibt in leicht vereinfachter Form eine Frisur wieder, die Faustina Minors und Marc Aurels Tochter Lucilla (150–182 n. Chr.) in ihren Porträts des Typus I trägt. Er entstand möglicherweise anlässlich der Geburt ihres ersten Kindes im Jahre 165 n. Chr. und war wohl bis zum Ende des Jahrzehnts verbreitet (Fittschen 1982, Fittschen – Zanker 1983). Wie die Bildnisse von Lucillas Mutter Faustina Minor diente auch er römischen Bürgerinnen als Vorbild für ihre privaten Porträts (Fittschen 1982). Nach dem Tod von Lucillas Mann Lucius Verus 169 n. Chr. wird die Aufstellung ihrer Bildnisse offenbar seltener (Fittschen – Zanker 1983).

Eine noch dazu derart exakte Wiederaufnahme antoninischer Frisuren ist im 3. Jh. n. Chr. nicht belegt (Berger 1962). Der Kasseler Kopf ist daher ein Produkt mittelantoninischer Zeit, höchstwahrscheinlich der Jahre um 165–170 n. Chr.

In der Form seiner Augen ist er ebenfalls gut mit den Porträts der Lucilla zu vergleichen. Das antoninische Familienmerkmal der weit herabgezogenen Oberlider und des schläfrigen Blicks, das auch einige Privatporträts der Zeit übernehmen (Fittschen – Zanker 1983), ist bei Lucilla nicht so stark ausgeprägt wie bei ihrer Mutter. Bei unserem Kopf ist es, wie bei zahlreichen weiteren Bildnissen von Privatleuten der mittelantonischen Phase, ebenfalls deutlich abgeschwächt (Fittschen – Zanker 1983). Die Orbitale des Kasseler Porträts sind anders als bei den Mitgliedern der Herrscherfamilie nicht breit und flach ausgebildet, seine Brauen sind wesentlich flacher gewölbt.

Auch im Umriss und den Proportionen des Gesichtes mit seinem schweren unteren Bereich zeigen sich enge Parallelen zu den Bildnissen der Prinzessin und darüber hinaus zu denen ihrer Mutter im Typus VII und VIII, die von 161 bzw. 162 n. Chr. an verbreitet waren (Fittschen 1982). Lucillas hängende Wangen sind jedoch nicht übernommen worden. Im Ausdruck des Mundes treten ebenfalls leichte Anklänge an die Bildnisse der kaiserlichen Damen zutage.

Das weiche faltenlose Inkarnat, die fehlenden Abgrenzungen der Einzelelemente und die Binnenzeichnung des Haars sind typisch für mittelantoninische Frauenporträts (Fittschen – Zanker 1983 Nr. 121; Scholl 1995), ebenso die zurückhaltende Angabe individueller Merkmale (Fittschen – Zanker 1983 Nr. 114). Es wird deutlich, dass die Bildnisse der Herrscherfamilie einen sehr großen Einfluss auf das ›Zeitgesicht‹ der antoninischen Epoche hatten.

Die anscheinend noch junge Frau, die der Kasseler Kopf wiedergibt, wählte für ihr Porträt offenbar lieber das Bildnis der jugendlichen Prinzessin Lucilla als Vorbild statt eines gleichzeitigen Typus der reiferen Kaiserin Faustina Minor, an dem sich zahlreiche andere Bürgerinnen der Epoche orientierten (Fittschen 1982). Auch das Porträt der Lucilla zeigt für das Alter der Dargestellten auffallend matronale Züge, die sich in einer molligen Gesichtsform mit Ansatz zum Doppelkinn bemerkbar machen (Fittschen – Zanker 1983).

Publiziert:
Berger 1962, Nr. 7.


Literatur: Zu den Bildnistypen VII und VIII der Faustina Minor: K. Fittschen, Die Bildnistypen der Faustina Minor und die Fecunditas Augustae (1982) 55 ff. – Zum Bildnistypus I der Lucilla: Fittschen a. O. 72 ff.; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 24 Taf. 33. – Zur stilistischen Einordnung: R. Calza, Scavi di Ostia 9 (1978) Nr. 13. – Zu mittelantoninischen Frauenporträts: Fittschen – Zanker 1983, Nr. 104–106. 111. 114–116. 121. 122 Taf. 131–134. 138. 144–147. 153–155; A. Scholl, Die antiken Skulpturen in Farnborough Hall (1995) 68 f. Nr. F 26.

(NZE)

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