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Antoninus Pius Bild1

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Antoninus Pius
Kopf, überlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 137

Frühantoninisch, 140–160 n. Chr.

Blaßgelblich-weißer, feinkristalliner Marmor mit braunen Einschlüssen

H 34,5 cm
H Kinn bis Haaransatz 22,5 cm



Zugang: 1985 durch Schenkung aus der Sammlung Justi, Marburg


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Am Hals gebrochen. Hinterkopf einschließlich des r. Ohres, Nase und Kinnbartspitze ergänzt. Flicken in der l. Hälfte von Oberlippe und Bart sowie im Haar über dem l. Ohr, mit Harz befestigt. Fünf Metallstifte am l. Ohr. Schläfenlocken vor dem r. Ohr wiederangefügt. Zentrale Stirnlocken abgebrochen. Augenbrauen und Hals bestoßen. Kopf insgesamt neuzeitlich überarbeitet, besonders im Bereich von Mund und Bart. Oberfläche geputzt. Restaurierung 1985: gereinigt, Ergänzungen entfernt und wiederangefügt, Standdübel montiert. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Der überlebensgroße Kopf mit seinem länglichen Gesicht ist leicht nach rechts gewandt und geneigt. Die relativ hohe Stirn weist zwei kräftige Querfurchen auf, an den Schläfenecken weicht der Haaransatz etwas zurück. Ein kurzer lockiger Vollbart rahmt das Gesicht an Kinn und Wangen. Die ursprünglich noch deutlicher vorkragenden Brauenbögen fallen nach außen schräg ab. Von einer eventuellen Haarangabe ist nichts erhalten, die stark bestoßenen Brauen wirken wie abrasiert. Sie verschatten die tiefliegenden, etwas schräg stehenden Augen. Diese sind von breiten, hoch geschwungenen Oberlidern und leicht geschwollenen Unterlidern eingefasst, die zum Tränenkanal hin ansteigen. Die Iris ist jeweils durch eine geritzte Rille angegeben, die Pupille durch eine flache Doppelbohrung. Der aufwärts gerichtete Blick zeigt einen Ausdruck von Sorge. Am äußeren Winkel des linken Auges sind noch Spuren von Krähenfüßen erkennbar. Die Wangen sind leicht eingefallen. Tiefe Nasolabialfalten begrenzen sie zum Oberlippenbart, der neben den Winkeln des breiten, etwas zurückweichenden Mundes bis in den Kinnbart herabfällt.

Das Haar ist über den Oberkopf in langen flachen Wellen nach vorne gestrichen. Zu Stirn und Schläfen hin gewinnen die Locken an Volumen und rollen sich ein. Das zentrale Stirnhaarmotiv ist zwar beschädigt, links über dem Nasenansatz sind jedoch noch die Ausbruchsspuren einer längeren Locke zu erkennen, die diagonal nach links in die Stirn hing. Links von ihr schmiegt sich eine kürzere Sichellocke mit parallel laufender Spitze an, rechts von ihr befindet sich eine rundliche Vertiefung. Möglicherweise gehörte sie zu einer weiteren, allerdings kürzeren Locke. Daran schließt eine Sichellocke an, deren Spitze nach links gerichtet ist und die ebenfalls tiefer in die Stirn reicht. An den Schläfen ragt jeweils eine gedrehte Locke waagerecht nach vorne, unter der die Spitze einer kürzeren hervorschaut. Auf der rechten Seite folgt eine dicke Locke, die einem Widderhorn ähnlich nach hinten eingerollt ist, darunter befindet sich eine kleine, nach vorn zeigende Lockenöse. Im Nacken links rollen sich die Lockenspitzen kringelartig in verschiedene Richtungen ein. Insgesamt wirken die Locken an Stirn, Schläfen und Nacken wie gespritzt.

Die Beschädigungen und neuzeitlichen Überarbeitungen erschweren eine kunstgeschichtliche Einordnung des Kopfes. Aufgrund seiner physiognomischen Merkmale lässt er sich aber eindeutig als Porträt des Kaisers Antoninus Pius (86–161 n. Chr.) identifizieren, der im Februar 138 n. Chr. von Kaiser Hadrian adoptiert wurde und nur wenige Monate später nach dessen Tod im Juli des Jahres die Herrschaft antrat (reg. 138–161 n. Chr.). Besonders charakteristisch für Antoninus Pius sind die stark überhängenden, nach außen abfallenden Brauenbögen und die Bildung der deutlich verschatteten Augen. Leider ist die Haarzeichnung der Augenbrauen nicht erhalten, die bei den Porträts des Kaisers generell sehr buschig ist. Typisch für seine Bildnisse sind außerdem die gefurchte Stirn und die Hinweise auf das Alter des bei Regierungsantritt 52-jährigen, wie die Fältchen im Augenbereich und die scharfe Begrenzung der leicht eingefallenen Wangen durch die Nasolabialfalten. Auch die erhaltenen Partien der Haar- und Barttracht entsprechen der Ikonographie des Antoninus Pius, der die Tradition seines Vorgängers Hadrian fortsetzt (Fittschen – Zanker 1985, Evers 1991, Schröder 1993).

Die noch erkennbaren Reste des Stirnhaarmotivs mit zwei schräg nach links laufenden, tiefer in die Stirn hängenden Zentrallocken erlauben eine Zuweisung des Kasseler Kopfes an den Haupttypus des Antoninus Pius-Porträts. Aufgrund seines Erhaltungszustandes lässt er sich jedoch nicht an eine bestimmte Replikenreihe bzw. Ausprägung anschließen. Der Haupttypus wurde wahrscheinlich zum Herrschaftsantritt des Kaisers 138 n. Chr. geschaffen (Evers 1991, Schröder 1993) und während seiner 23 Regierungsjahre bis auf Detailvariationen nicht verändert (Fittschen – Zanker 1985). Der Kasseler Kopf muß folglich in dem Zeitraum zwischen 140 und 160 n. Chr. entstanden sein. Eine genauere Einordnung anhand der Oberflächenbehandlung ist angesichts der neuzeitlichen Überarbeitungen nicht möglich.

Die Tatsache, dass Antoninus Pius anders als sein Adoptivvater Hadrian während seiner gesamten Regierungszeit an einem einzigen offiziellen Bildnistypus festhält, bringt die Beständigkeit sowie das maßvolle Wesen des Kaisers zum Ausdruck und vermittelt Senat und Volk das Gefühl von Sicherheit. In seinen ernsten, aber dennoch ruhigen Gesichtszügen zeigt sich die Sorge des Kaisers um das Reich. Antoninus Pius präsentiert sich in seinem offiziellen Bildnis, auf das auch unser Kopf zurückgeht, als fürsorglicher Landesvater, der Traditionen bewahrt (Wegner 1939, Fittschen 1977, Fittschen – Zanker 1985, Evers 1991, Schröder 1993).

Die neuzeitlichen Ergänzungen und Überarbeitungen des Kasseler Bildnisses könnten aufgrund ihrer Technik bereits im 18. Jh. ausgeführt worden sein. Antike Porträts berühmter Persönlichkeiten, darunter auch die der römischen Kaiser des 2. Jhs. n. Chr., waren damals begehrte Sammelobjekte. Die Sammler bevorzugten jedoch intakte Werke, die auch dekorative Funktionen erfüllen konnten. Daher ließen die Kunsthändler die meist fragmentierten Objekte aus Ausgrabungen von Bildhauern vervollständigen. Sammler akzeptierten derartige Ergänzungen als notwendig. Bei dem Kasseler Kopf hat der neuzeitliche Bildhauer versucht, seine Ergänzungen stilistisch an den antiken Bestand anzugleichen. Die Frisurgestaltung am Hinterkopf antiker Antoninus Pius-Bildnisse war ihm aber entweder unbekannt oder antiquarische Genauigkeit war nicht beabsichtigt. Denn bei antiken Porträts des Kaisers ist das Haar am Hinterkopf von einem Querscheitel aus in glatten Wellen nach vorne und nach unten gekämmt. Der Bildhauer hat bei der Ergänzung anscheinend nicht nach einer rundplastischen antiken Vorlage gearbeitet. Unklar ist, ob die Metallstifte am linken Ohr von einer neuzeitlichen Restaurierung stammen oder zum antiken Bestand gehören.

Publiziert:
Unpubliziert.


Literatur: Zu Bildnissen des Antoninus Pius: M. Wegner, Die Herrscherbildnisse in antoninischer Zeit (1939) 15 ff. 125 ff. Taf. 1–9; Fittschen 1977, 75 ff. Nr. 26; Fittschen – Zanker 1985, 63 ff. Nr. 59. 60 Taf. 67–69; C. Evers, RM 98, 1991, 249 ff.; Schröder 1993, 217 ff. Nr. 58. 59. – Zu den neuzeitlichen Ergänzungen und Überarbeitungen: Wegner a. O. 7 ff.; G. Beckel, in: H. A. Cahn – E. Simon (Hrsg.), Tainia. FS R. Hampe (1980) 423 ff. Taf. 79; Müller-Kaspar 1988, 22 ff. 58 ff. 110 ff.; AK Wörlitz/Stendal 1998, 99 ff. (A. Rügler – M. Kunze).

(NZE)

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