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Ephebe Typ Hirth-Kassel Bild1

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Ephebe Typ Hirth-Kassel
Kopf, lebensgroß
Inv.-Nr. Sk 88

Wiederholung, um 140–150 n. Chr. einer römisch eklektischen Neuschöpfung in Anlehnung an frühklassische Vorbilder (Strenger Stil)

Weißer, feinkristalliner Marmor, porös

H insgesamt 17,5 cm
B an Schläfen 9,5 cm
Distanz äußere Augenwinkel 7 cm
Kinn bis Stirnhaarscheitel 12 cm



Zugang: Erworben 1777 durch Landgraf Friedrich II. in Rom


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt; Nasenwurzel-Stirnpartie wieder angefügt. Oberfläche korrodiert, partiell abgeplatzt. Bestoßen: Augen, Nase, Lippen, Wangen, Ohrmuscheln, Haar. Sprünge und Risse, fleckig brandgeschwärzt. Verloren: Nasenrücken und -flügel, Haarrolle vor dem l. Ohr, Hals. Vor 1777 Oberfläche geputzt, Schnitte und Abarbeitungen für Ergänzungen und Montage mit Torso Kat. 1.11 von B. Cavaceppi, Nasenwurzel-Stirnpartie infolge neuzeitlich gedübelter marmorner Nasenergänzung abgesprengt; Gesicht und Halsfläche hinter l. Ohr geschält. Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Im 2. Weltkrieg brandgeschädigt. Restaurierung 1975: Ergänzungen (Nase, Ohrenränder, l. Schläfenhaar) entfernt, gereinigt, gefestigt, Standdübel montiert.

Beschreibung: Der Knabenkopf mit schlankem unbewegtem Gesicht trägt eine Langhaarfrisur mit Haarrolle. Das großflächig modellierte Gesicht mit niedriger Stirn, asymmetrisch stehenden mandelförmigen Augen, schmalem Mund und hochsitzendem Kinn wirkt maskenhaft starr. Das dicht anliegende flache Haar ist von dem Mittelscheitel aus nach vorn und zu den Seiten sowie von dem Kalottenwirbel aus zu den Seiten und nach hinten gekämmt. Ein Reif hält das gleichmäßig gesträhnte Haar in Form. Die lang gezogenen S-förmigen parallelen Strähnen sind unter dem Reif durchgezogen. Ihre Enden sind an den Schläfen und in dem Nacken um den Reif zu einem dicken Haarwulst gerollt. Die wie in Bronzetechnik ziselierten flachen Strähnen werden durch gravierte Rillen unterteilt. Der Reif ist nur über der Stirn sichtbar, wo die Strähnen von dem Mittelscheitel zu den Seiten gelegt sind. Über dem leicht in das Kalottenhaar einschneidenden Reif zeichnet sich im Scheitelansatz ein schwaches Mandorlamotiv ab. Im Bereich der Ohren geht die sich zum Nacken hin kontinuierlich verdickende Haarrolle zangenartig auseinander. Die altertümliche Langhaarfrisur und das großflächig modellierte Gesicht hat die Forschung früher dem Strengen Stil der griechischen Frühklassik zugeordnet (Bieber 1915). Die Studien über die vielfältigen typologischen Varianten haben zur der Klassifikation dieses Kopftypus als Ephebe Hirth-Kassel geführt, von dem fünf Wiederholungen bekannt sind (zuletzt Vorster 1993). Ein Statuenkörper konnte bisher nicht überzeugend zugewiesen werden (Kranz 1978). Dieser Kopftypus und die zahlreichen ähnlichen Darstellungen der Haartracht in ›Bronzemanier‹ – ›Orpheus‹, Apollon ›Citarista‹, ›Pylades‹, ›Elektra‹ u. a. – sind im Wesentlichen als Neuschöpfungen der römischen eklektischen Kunst vom 1. Jh. v. bis zum 2. Jh. n. Chr. bestimmt (ausführlich Zanker 1974, Trillmich 1975, Vorster 1993).

Die Datierung unseres Kopfes in die späthadrianisch-frühantoninische Periode stützt sich auf die knappe trockene Modellierung, die schweren Lider, die von Bohrrillen und Gravuren bestimmte Haarwiedergabe und den trotz lädierter und überarbeiteter Oberfläche noch ablesbaren Bohrereinsatz für die Mundspalte und die Mund- und Augenwinkel. Im Vergleich mit der ähnlich strähnigen Frisur des ›Pylades‹ der Gruppe Schloss Fasanerie aus der 1. Hälfte des 1. Jh. n. Chr. (Tancke 1990) und der des bronzenen Apollon ›Citarista‹ aus dem 1. Jh. v. Chr. (Zanker 1974) zeigen die Repliken zeittypische Gemeinsamkeiten des 2. Jh. n. Chr., die auch eine Erfindung dieses Kopftypus erst in dieser mittleren Kaiserzeit vermuten lassen (so Vorster 1993).

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 3 Taf. 14; W. Trillmich, MM 16, 1975, 222 ff. Taf. 24 a–d; P. Kranz, RM 85, 1978, 209 ff. bes. 241 ff. Taf. 108. 110, 2–3. – Im Museum Fridericianum 1777–1912 und im Musée Napoléon 1807–1815: s. hier Kat. 1.11.


Literatur: Zum Typus: Lippold 1950, 130 Anm. 2; Zanker 1974, 64 Anm. 106 Replik Nr. 2; Vorster 1993, Nr. 37 Abb. 181–185 Anm. 2, fünf Repliken. – Zum ›Orpheus‹: Zanker 1974, 84 ff. – Zum Apollon ›Citarista‹ Neapel 5630: Zanker 1974, 61 ff.; S. De Caro, The Archaeological Museum of Naples (1996/2001) 209; Schröder, 2004 Kat. 173. – Zum ›Pylades‹: Zanker 1974, 54 ff. 60 ff.; E. Simon, JdI 102, 1987, 291 ff.; K. Tancke, Die „Orest-Pylades-Gruppe“ in Schloss Fasanerie bei Fulda, Kunst in Hessen und am Mittelrhein 30, 1990, 19 ff. Abb. 1. 4. 7. 14 a. – Zur ›Elektra‹: Zanker 1974, Taf. 47, 4; Simon a. O. 291 ff.

(PG)

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