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Hygieia Bild1

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Hygieia
Statue, überlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 6

Antoninisch, um 170 n. Chr.

Weißer, großkristalliner Marmor, Kopf etwas heller und feiner als der Torso

H 223 cm
H Kopf mit Hals und Diadem 42 cm
H Kinn bis Scheitel 31,5 cm


Fundort: Ostia an der Porta Marina, von G. Hamilton gleichzeitig mit einer Asklepiosstatue ausgegraben

Zugang: Erworben 1777 durch Landgraf Friedrich II. in Rom


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Erhaltungszustand/Restaurierung: In Marmor vor 1777 ergänzt: l. Unterarm, r. Hand mit kleinem Teil des Unterarms und des Schlangenleibes, Kopf und Schwanzspitze der Schlange, Spitzen der großen Zehen, einige Faltengrate, Teile des Mantelrandes; Flickungen am Rücken; antiker Kopf aufgesetzt, im Nacken schmaler horizontaler Streifen eingefügt, auf r. Schulter Flicken; Hals und Schulter überarbeitet; Flicken l. am Halsansatz; Kinn, Lippen, Nase und r. Augenbraue ergänzt sowie l. Rand des Diadems. Oberflächliche Verletzungen der Wangen und der Augäpfel. VS der Plinthe modern umgearbeitet. Oberfläche von Kopf und Körper korrodiert, wohl durch Einwirkung von Meerwasser. Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Restaurierung 1973/75: gereinigt, Kopf vom Torso getrennt, Ergänzungen abgenommen und zumeist wieder angefügt bis auf Haarschopf im Nacken, Dübellöcher geschlossen. 1998 Kopf wieder angefügt.

Beschreibung: Das Gewicht der überlebensgroßen Figur ruht auf ihrem linken Bein, das entlastete rechte ist im Knie gebeugt und zurückgesetzt. Entsprechend ist die linke Körperseite gestaucht, die rechte gedehnt. Die Ponderation ist jedoch im Schulterbereich wieder etwas ausgeglichen. Der linke Unterarm war nach vorne geführt, der rechte ist vor den Körper gelegt. Um ihn ringelt sich eine Schlange.

Die Figur trägt einen dünnen Chiton, der von der linken Schulter auf den Busen herabgeglitten ist. Das entlang des rechten Oberarms geknüpfte Gewand fällt bis auf die Füße hinab, die in Sandalen stecken. Der Chiton liegt eng an, so dass sich der Oberkörper mit den Brüsten und dem Nabel, die Knöchel und der linke Unterschenkel deutlich abzeichnen. Die breiten flachen Knitterfalten auf dem Oberkörper stauen sich unter den Achseln. Zwischen den Unterschenkeln bilden sich schematische vertikale Doppelfalten mit tiefen Tälern.

Darüber trägt die Figur einen Mantel aus dickerem Stoff. Er läuft von der linken Schulter über den Rücken und um die rechte Hüfte nach vorne und fällt über die linke Armbeuge herab. Aus dem Bausch in Hüfthöhe löst sich ein dreieckiger Zipfel. Zwischen den Knien ist noch der Ansatzpunkt eines Hängegewichtes zu sehen. Die Beine treten unter dem Stoff klar hervor, der sich über dem Spielbein zu flachen Bogenfalten übereinander schiebt und im Knie ein gegenläufiges Faltenmotiv bildet. Die Täler der langen Zugfalten zwischen den Beinen sind relativ breit. Die Faltengrate mit ihren leichten Knicken sind abgerundet. Ähnliche, etwas steife Falten aus breiten Bohrgängen bilden sich im Mantelbausch. Die Rückseite der Figur ist eher summarisch ausgearbeitet.

Der Kopf sitzt auf einem langen, übermäßig schlanken Hals und neigt sich mit einem deutlichen Knick nach rechts. Das ovale volle Gesicht hat eine niedrige Stirn mit flachem giebelförmigem Haaransatz, vollen straffen Wangen und einem weichen Untergesicht. Von dem leicht geöffneten Mund ist nur die breite gebohrte Lippenspalte erhalten. Unter der etwas kantigen, schmalen Braue wölbt sich das Orbital über dem äußeren Augenwinkel leicht vor. Die langgezogenen mandelförmigen Augen weisen spitz ausgearbeitete, gebohrte Tränenkanäle auf. Pupillenbohrungen sind nicht vorhanden. Die etwas schweren, flachen Oberlider überschneiden die betonten Unterlider, die über eine breite flache Zone in die Wangen übergehen.

Das in der Mitte gescheitelte Haar ist in einem Wellenkranz zum Nacken geführt, wo es zu einem Schopf aufgenommen war, aus dem sich zwei lange, gedrehte Lockenstränge lösen. Auf dem Torso sind auf der linken Schulter Lockenspitzen erhalten. Vor den zur Hälfte bedeckten Ohren löst sich je eine Locke. Kurze tiefe Bohrkanäle, die sich z. T. aus einzelnen verbundenen Bohrlöchern zusammensetzen, gliedern das Haar in breite Wellensträhnen, die durch flachere Rillen unterteilt sind. Einige Bohrstege sind stehengeblieben. Über dem Haarkranz sitzt ein hohes massives Diadem. Auf dem Oberkopf gliedern flache Kerben das Haar in breite, kantige Wellensträhnen.

Die Schlange als Attribut kennzeichnet die weibliche Gestalt als Abbild der griechischen Göttin Hygieia, die als personifizierte Gesundheit große Verehrung genoss. Sie tränkt die heilige Schlange ihres Vaters, des Heilgottes Asklepios, mit dem sie im Kult häufig eng verbunden ist. Ikonographische Parallelen belegen, dass das Motiv der Kasseler Statue aufgrund ihrer Armhaltung zutreffend rekonstruiert ist (Bieber 1915; Croissant 1990, Nr. 8–18. 81; Trunk 2002).

Der Körper variiert den Typus der Hera Borghese (Bieber 1915, Bieber 1977, Landwehr 1985, Delivorrias 1993, Alexandridis 2004). Das klassisch-griechische Bronzeoriginal, das zwischen 430 und 410 v. Chr. geschaffen worden ist, stellte aber wohl eher die Liebesgöttin Aphrodite dar (Landwehr 1985, Delivorrias 1993, Alexandridis 2004). Dafür spricht u. a. das erotische Motiv des herabgleitenden, durchscheinenden Gewandes.

Der Statuentypus findet in römischer Zeit vielseitige Verwendung für Porträtfiguren oder die Darstellung verschiedener Göttinnen (Bieber 1977, Landwehr 1985, Delivorrias 1993). Er wird zum thematisch nicht festgelegten Konzept. Während der rechte Arm in der Originalkomposition erhoben war (Delivorrias 1993), ist bei der Kasseler Figur die Armhaltung verändert (Bieber 1915) und die Ponderation im Schulterbereich dementsprechend zurückgenommen. Die langen Locken auf der linken Schulter sind ebenfalls Teil der römischen Variante und des mit ihr verbundenen Kopfes. Anders als bei den übrigen römischen Kopien und Varianten der Hera Borghese fällt der Mantelbausch locker über den linken Unterarm und ist nicht um die Hüfte geschlagen.

Auch der Kopftypus der Kasseler Hygieia ist in der römischen Idealplastik stark verbreitet. Er ist thematisch nicht festgelegt und kann mit verschiedenen jugendlichen Göttinnen kombiniert sein (Bieber 1915, Bieber 1977, The Summa Galleries 1984, Landwehr 1993, Andreae 1995), u. a. auch mit Hygieia (Trunk 2002) oder Nemesis (s. hier Kat. 2.14). Die Frisur steht in einer bildhauerischen Tradition, die bis in die spätklassische Zeit zurückreicht. Die Gliederung des Haars durch kurze tiefe Bohrkanäle mit Zwischenstegen in breite Strähnen, die wiederum durch flachere Bohrrillen unterteilt sind, spricht für eine Datierung des Kasseler Kopfes in antoninische Zeit (Bieber 1915, Johansen 1995a, Scholl 1995, Trunk 2002). Die Form des Gesichtes, die Gestaltung der Augenpartie und der kleine, leicht geöffnete Mund passen ebenfalls in die genannte Phase (Landwehr 1993, Nr. 62; Johansen 1995, Nr. 85. 111; Trunk 2002).

Der Torso wurde bisher in die frühe Kaiserzeit datiert (Bieber 1915, Zancani Montuoro 1933). Dagegen sprechen jedoch die insgesamt flache Faltenanlage mit den relativ großen leeren Flächen und den breiten Faltentälern sowie das geringe Volumen der wenig plastisch-griffigen Stoffmasse (Vierneisel-Schlörb 1979). Der Stil der Gewandwiedergabe erlaubt eher eine antoninische Datierung des Torsos. Gut vergleichbar sind die Faltengestaltung der antoninischen ›Hera Barberini‹ (Bieber 1977, 47 f. Abb. 160; Vierneisel-Schlörb 1979) und einer antoninischen Porträtstatue im Kapitolinischen Museum Rom (Bieber 1977, 48 Abb. 167; Fittschen – Zanker 1983). Beide verwenden für den Torso ebenfalls den Statuentypus Hera Borghese. Eine antoninische Porträtstatue in Ostia (Calza 1978) zeigt ebenfalls Parallelen in der Faltenwiedergabe.

Kopf und Torso sind also möglicherweise zur gleichen Zeit entstanden. Wegen der Ergänzungen und Flickungen im Schulter- und Nackenbereich kann ihre Zusammengehörigkeit jedoch nicht als gesichert gelten, auch wenn sich bei der Restaurierung 1973/74 gezeigt hat, dass sich der Kopf mit einer kleinen Fläche am Boden in die Einsatzgrube des Torsos einpassen lässt. Die Hygieiastatue in Sevilla (Trunk 2002) zeigt jedoch, dass der Kasseler Torso durchaus einen derartigen Kopf getragen haben kann. Es lässt sich auch nicht sagen, ob in der Kasseler Statue eine Kaiserin als Hygieia/Salus dargestellt war (Bieber 1915, Bieber 1977; Sobel 1990, 11. 99). Die Gesichtszüge des Kopfes sind zu stark idealisiert, als dass er als Porträt identifiziert werden könnte. Zudem sind mit Mund und Kinn aussagefähige Partien des Untergesichtes verloren.

Die Kasseler Hygieia ist eine eigenständige Schöpfung eines römischen Bildhauerateliers. Sie kombiniert tradierte, bewußt ausgewählte Muster (Exempla), die für das Thema geeignet schienen (Landwehr 1998, 167). Das Körperkonzept ruft Assoziationen von Schönheit und Kraft hervor. Den gewünschten Inhalt erhält die Komposition aber erst durch die Hinzufügung der Attribute. Aufgrund der Überlebensgröße könnte es sich bei der Kasseler Figur um eine Kultstatue handeln. Die Nachrichten über die Fundumstände legen die Vermutung nahe, dass sie zusammen mit einer Statue des Asklepios aufgestellt war. Beide könnten aber auch zur Ausstattung von Thermen an der Porta Marina gehört haben (Valeri 2001). Die Angaben zum Fundort sind leider nicht exakt genug, um die Statue einem bestimmten Gebäude zuzuweisen.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 48 Taf. 30–31; M. Bieber, Ancient Copies (1977) 47 ff. Abb. 173–175; AK Kassel 1979, Nr. 437–438 (P. Gercke); H. Sobel, Hygieia. Die Göttin der Gesundheit (1990) 99 Nr. 7 Taf. 10 b; LIMC V (1990) 585 f. Nr. 40 s. v. Hygieia (F. Croissant); J.-P. Descoeudres (Hrsg.), Ostia. Port et Porte de la Rome antique. AK Genf (2001) 303 ff. Abb. 5 (C. Valeri). – Im Museum Fridericianum 1777–1912: Völkel 1818, Nr. 4. – Im Musée Napoléon 1807–1815: Savoy 2003b, 9 f. Nr. 4 Abb. Zustand um 1912; Martinez 2004, 98 f. Nr. 0149 Abb.; s. hier Zur Geschichte der Skulpturensammlung Abb. 7a.


Literatur: Zu Hygieia und ihrem Kult: A. Krug, Heilkunst und Heilkult (1985) 123 ff.; LIMC V (1990) s. v. Hygieia (F. Croissant). – Zur Hera Borghese: P. Zancani Montuoro, BullCom 61, 1933, 25 ff., 46 Nr. 12; M. Bieber, Ancient Copies (1977) 47 ff.; C. Landwehr, Die antiken Gipsabgüsse aus Baiae (1985) 88 ff. Nr. 53; A. Delivorrias, in: H. Beck – P. C. Bol, Polykletforschungen (1993) 221 ff.; A. Alexandridis, Die Frauen des römischen Kaiserhauses (2004) 233 f. 234 A 4. – Zum Torso: R. Calza, Scavi di Ostia 9 (1978) Nr. 17; Vierneisel-Schlörb 1979, 163 ff. zu Nr. 15; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 22 Taf. 31. – Zum Kopf: The Summa Galleries Inc., Catalogue 6, 1984, 4; Landwehr 1993, Nr. 10. 62; Andreae 1995, Taf. 359; Johansen 1995a, Nr. 85. 92. 111; A. Scholl, Die antiken Skulpturen in Farnborough Hall (1995) F 7; M. Trunk, Die Casa de Pilatos in Sevilla, MB 28 (2002) Nr. 51. – Zu Konzeptfiguren: Landwehr (1998).

(NZE)

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