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Bärtiger Gott (‹Zeus‹) Bild1

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Bärtiger Gott (‹Zeus‹)
Kopf, unterlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 86

Antoninisch, um 160 n. Chr.

Weißer, grobkörniger Marmor

H 21 cm
H Bartspitze bis Scheitel 19,5 cm
H Bartspitze bis Haaransatz 15 cm



Zugang: Erworben 1777 durch Landgraf Friedrich II. in Rom


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Am Hals gebrochen, nachantik zum Aufsetzen auf einen Statuentorso hergerichtet. Kleines Stück der Frisur l. vom Scheitel fehlt. Frisur und Bart sowie r. Augenbraue bestoßen. Oberflächliche Verletzungen am r. Auge und Schnurrbart. Oberfläche von Bart und Haar korrodiert, besonders auf dem Oberkopf. Im 2. Weltkrieg brandgeschädigt, dunkelgraue Verfärbungen auf r. Seite. Restaurierung vor 1777: mit dem nicht zugehörigen antiken Statuentorso Kat. 1.35 verbunden. Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Restaurierung 1973/75: gereinigt, Ergänzungen entfernt (Teile der Frisur und Nase), Dübellöcher geschlossen, Standdübel montiert. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Der unterlebensgroße Kopf wendet sich leicht nach links. Das länglich-schmale Gesicht verjüngt sich nach oben. Seine Oberfläche ist poliert. Zwei Querfurchen durchziehen die hohe dreieckige Stirn, die sich über den vorspringenden kantigen Brauen wulstig nach vorne wölbt. Über der Nasenwurzel bilden sich zwei kurze senkrechte Falten. Punktbohrungen geben die Tränenkanäle der kleinen mandelförmigen Augen an, die abgeplatteten Augäpfel weisen jedoch keine Pupillenbohrungen auf. Die geschwungenen Oberlider sind relativ dick und schräg zu den Augäpfeln hin abgekantet, eine leichte Rille setzt sie jeweils vom Orbital ab. Die eher geraden Unterlider schmiegen sich flacher an die Augäpfel. Unter dem fleischigen Inkarnat, das durch Hebungen und Senkungen modelliert ist, treten die Wangenknochen kaum hervor. Der Schnurrbart unmittelbar unterhalb der schmalen Nase rahmt den kleinen Mund, dessen volle Lippen durch eine breite Spalte getrennt sind und sich wie zum Sprechen öffnen. Das Gesicht zeigt insgesamt einen ruhigen ernsten Ausdruck. Der Schnurrbart zieht sich bis in den vollen Bart hinunter, der sich unter dem Kinn teilt und zu beiden Seiten korkenzieherartige Locken bildet. Einzelne Bohrlöcher und sehr kurze Bohrkanäle mit Zwischenstegen gliedern die dichte, schaumig wirkende Bartmasse, die unterhalb der Mundpartie stark vorspringt.

Unter einem Reif, der durch eine umlaufende Vertiefung angedeutet ist und das Haar auf der Kalotte eng an den Kopf drückt, quellen lange, wallende Locken hervor. Sie bilden einen breiten Kranz, der gemeinsam mit dem Bart das relativ kleine Gesicht rahmt. Über der Stirnmitte sträubt sich das Haar zu einer Anastole aus gestaffelten Lockenreihen und fällt in relativ steilem Bogen zur Stirn zurück. Das Haupthaar ist wie der Bart durch Reihen nicht sehr tiefer Bohrlöcher und durch sehr kurze Bohrkanäle in einzelne Locken gegliedert. Feinere Rillen geben die Einzelsträhnen an. Die dicken kantigen Haarstränge oberhalb des imaginären Reifs sind mit dem Meißel ausgearbeitet.

Der Kopf gehört zu einer bärtigen männlichen Gottheit. Bisher galt er als Abbild des Zeus (Bieber 1915). Die Deutung als Kopf des Göttervaters ist zwar möglich, aber nicht absolut gesichert, da der Körper der Figur mit eventuellen Attributen fehlt und auch ihr ursprünglicher Aufstellungskontext nicht bekannt ist. Denn ikonographisch vergleichbare Köpfe sind ebenso mit großplastischen Darstellungen anderer Vatergottheiten verbunden, wie Asklepios, Poseidon/Neptun, Serapis oder Saturn (Borbein 1988, Landwehr 1990, Angelicoussis 1992, Scholl 1995). Sie stimmen in einer Reihe charakteristischer Merkmale überein. Zu ihnen zählen das lange lockige Haar, das durch einen Reif gehalten wird, die Anastole über der Stirn, der gescheitelte Kinnbart, der geöffnete Mund und die betonte Augenpartie mit ihren wulstigen Brauen. Im Detail weichen die Köpfe jedoch in so mannigfaltiger Weise voneinander ab, dass es kaum möglich ist, Typenreihen zu bilden oder sie von einem konkreten Vorbild abzuleiten (Landwehr 1990, Maderna-Lauter 1994, Scholl 1995).

Das Kasseler Exemplar wurde wie einige motivisch ähnliche Beispiele mit dem sogenannten Zeus von Otricoli in Verbindung gebracht, der lange Zeit auf eine griechische Vorlage des späten 4. Jhs. v. Chr. zurückgeführt wurde (Bieber 1915, Thiemann 1959, Angelicoussis 1992, Maderna-Lauter 1994). Abgesehen davon, dass die Benennung des Zeus von Otricoli ebenfalls nicht gesichert ist und er in der jüngeren Forschung eher als Schöpfung des Späthellenismus angesehen wird (Landwehr 1990, Maderna-Lauter 1994, Borbein 1988), unterscheidet er sich in der Anlage seiner Frisur klar von der Gruppe von Vatergottköpfen, zu der auch das Kasseler Beispiel gehört (Landwehr 1990).

Die Darstellung der entsprechenden unterschiedlichen Götter folgt einem traditionellen bildhauerischen Konzept, dessen motivische Elemente immer wieder neu und in verschiedenen Statuenarten umgesetzt werden, ohne dass ein konkretes Vorbild greifbar wäre (Landwehr 1990, Maderna-Lauter 1994, Scholl 1995). Erst die Attribute oder der Aufstellungskontext legen die genaue Identität des jeweiligen Götterbildes fest.

Das Konzept, dessen Wurzeln bis in das 4. Jh. v. Chr. zurückreichen, etabliert sich in hellenistischer Zeit (Scholl 1995, vgl. Thiemann 1959, Borbein 1988, Landwehr 1990). Es sorgt für eine ikonographische Angleichung der verschiedenen Vatergottheiten, die deren mythologische oder wesensmäßige Verwandtschaft bildlich veranschaulicht. Die römerzeitlichen Bildhauerateliers übernehmen das Konzept als Mittel einer allgemein und universell verständlichen Bildsprache und entwickeln es weiter (Landwehr 1990, Maderna-Lauter 1994).

Der Erhaltungszustand des Kasseler Kopfes erschwert dessen stilistische Einordnung ebenso wie die mangelhafte Ausführung der Bohrarbeit in Haar und Bart (Bieber 1915). Letztere steht jedoch in auffälligem Kontrast zu der durchaus sorgfältigen Ausarbeitung des Gesichtes. Daraus ergibt sich die Vermutung, dass der Kasseler Kopf möglicherweise nicht ganz vollendet ist. Die Gliederung von Haar und Bart durch Bohrungen mit Zwischenstegen, die den Stein auflockern, spricht für eine Entstehung des Kopfes in antoninischer Zeit (Scholl 1995). Er geht darin noch über die entsprechende Ausführung des antoninischen Neptun aus dem Theater von Guelma (Landwehr 1990, 114 Taf. 64–65) hinaus, scheint aber noch nicht die in spätantoninischer Zeit übliche starke Aufbohrung der Haarmasse zu erreichen (Landwehr 1990, 115 Taf. 60–61).

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 25 Taf. 23. – Zum Zustand 1777–1912 Museum Fridericianum: Tiedemann 1779b, 3 f. Jovis; s. hier Kat. 1.35.


Literatur: Zum Konzept der Vatergottheiten: C. Landwehr, in: B. Andreae (Hrsg.), Phyromachos-Probleme, RM Ergh. 31 (1990) 101 ff.; E. Angelicoussis, The Woburn Abbey Collection of Classical Antiquities (1992) Nr. 56; C. Maderna-Lauter, in: Villa Albani 1994, Nr. 452; A. Scholl, Die antiken Skulpturen in Farnborough Hall (1995) F1. – Zu Vatergottheiten in hellenistischer Zeit: E. Thiemann, Hellenistische Vatergottheiten (1959) 9 ff.; A. Borbein in: M. Schmidt (Hrsg.), Kanon. FS E. Berger, AntK Beih. 15 (1988) 211 ff.

(NZE)

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