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Satyr Bild1

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Satyr
Kopffragment einer Statuette
Inv.-Nr. Sk 107

Hadrianische Kopie (?), nach späthellenistischem Vorbild 2. Jh. v. Chr.

Basanit (dunkelgrüner Basalt)

H insgesamt 13 cm
H Kinn bis Stirnhaar 9 cm
Abstand äußere Augenwinkel 4,5 cm



Zugang: Erworben im Kunsthandel A. Sambon Paris 1941


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Hals sowie Hinterkopf mit Nacken abgeschlagen. Große Abplatzungen auf der l. Kopfseite (Stirn, Braue, Augapfel, Wange, Backenbart, Ohr, Haar), auf der r. Kopfseite (Ohr, Backenbart, Haar) und an dem Hals vorn. Bestoßen: Nase, Mund, Kinnspitze. Restaurierung 1973/75: gereinigt, Standdübel montiert.

Beschreibung: Der bärtige junge Satyr mit Spitzohren hat den Kopf erhoben und zur rechten Seite gedreht. Steil steht das strähnige Haar auf der gewölbten Stirn empor und an den Schläfen zur Seite. Die abstehende Lockenspitze an der rechten Schläfe liegt auf der freiplastischen Spitze des Satyrohrs. Ein wulstiger Reif hinter den Haarbüscheln, die das Gesicht bis zu den Ohren rahmen, ist zumeist von den Lockensträhnen auf der Kalotte verdeckt. Das Gesicht verrät große Anspannung durch die weit aufgerissenen Augen, die geblähten Nasenflügel und den halb geöffneten Mund mit beiden Zahnreihen. Die Augen unter gratig geschwungenen Brauen liegen tief eingebettet in die wulstigen Orbitale, welche die hochgezogenen Oberlider bedecken. Die Ritzung der Iris und die Punktierung der Pupille auf den konvexen Augäpfeln zeigen den aufwärts gerichteten Blick an. Die stark bewegte Modellierung setzt sich fort in den gewölbten Wangen unter den Augen und den eingezogenen Flanken der Wangen, in der muskulösen Wangen-Lippen-Partie und in dem hervortretenden Kinn. Der schmale Backenbart – aus feinen Strähnen wie das Haupthaar – reicht von den Ohrläppchen bis zu der Kinnspitze und endete vielleicht in zwei Zotteln.

Der Kopf bewahrt trotz gravierender Schäden die ausdrucksstarke Physiognomie, die hellenistische Satyrn kennzeichnet, wenn sie insbesondere in ungewöhnlichen Lebenslagen geschildert werden. Die differenzierte Formensprache des Gesichtes hebt die vielteiligen, gegensätzlich bewegten Einzelzüge hervor, wie sie Pathos zeigenden Köpfen aus der Mitte und der 2. Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. – Krieger des kleinen attalischen Weihgeschenkes, Krupeziontreter, Schleifer, Trunkene Alte, Tanzender Faun u. a. – zu eigen ist. Anlässlich der Erwerbung hat H. Möbius das Satyrköpfchen als hellenistisches Original klassifiziert. Zur stilistischen Bestätigung ist auf den Kopf des jugendlichen Äthiopiers aus Milet in Berlin Sk 1579 zu verweisen, dessen Gesichtsmodellierung trotz motivischer Differenz unserem Satyr nahe kommt (Berns 2003). Die Entscheidung über hellenistisches Original oder außerordentlich qualitätvolle spätestens hadrianische Kopie wegen der Iris-Pupillen-Angabe muss angesichts des fragmentarischen Erhaltungszustandes und der in der Forschung wieder einsetzenden Kontroversen über die Zeitstellung späthellenistischer und kaiserzeitlicher Statuetten noch offen bleiben.

Die starke Kopfhebung und der erregt wilde Gesichtsausdruck lassen vermuten, dass der Satyr zu einer sehr bewegten, vielleicht kämpfenden Gruppe gehörte (Vorster 1999). Der Statuettenkopf könnte von einem mehrfigurigen Hochrelief stammen oder Teil einer rundplastischen, mehrfigurigen Gruppenkomposition gewesen sein, die sowohl aus einer Kampfgruppe als auch aus frei gruppierten Einzelfiguren – mit oder ohne architektonische Rahmung – bestanden haben könnte.

Die Verwendung von dunklem Gestein (blauschwarzem Marmor, Basanit) für Skulpturen hat seit dem 2. Jh. v. Chr. deutlich zugenommen. Es dient der Charakterisierung von dunkelhäutigen ›exotischen‹ Figuren (Ägypter, Afrikaner) und von Gottheiten mit chthonischen Wesenszügen (vgl. Kat. 25. 131–133), die auch Dionysos und seinem Gefolge nicht fremd sind. Ferner kann dieses Gestein vortrefflich nachgedunkeltes Holz altehrwürdiger Xoana und kostbares Ebenholz an klassischen chryselephantinen Kultbildern wiedergeben. Für die römischen Kopisten bietet es zudem die Möglichkeit, patinierte Bronzeoriginale in nahezu korrosionsbeständigem Material farblich zutreffend zu wiederholen und die toreutischen Eigenschaften ziselierter Bronzefiguren virtuos in dem sehr harten Material nachzubilden (Berns 2003). In welchen motivischen oder ikonographischen Kontext dieser dunkelgrüne Satyrkopf zu stellen ist und ob sein erregter Gesichtsausdruck bitterernst oder mit einem Anflug von Heiterkeit ambivalent, gar parodistisch zu interpretieren ist, kann aus dem isolierten Fragment zur Zeit nicht weiter entschlüsselt werden.

Publiziert:
Unpubliziert.


Literatur: Zu späthellenistischen Köpfen und Gruppenkompositionen: Satyrkopf Paris: Bieber 1961, Abb. 574; Kleines attalisches Weihgeschenk: L. Alscher, Griechische Plastik IV (1957) 98 ff. Abb. 42. 43; G. Kaminski in: Hellenistische Gruppen 1999, 95 ff. Taf. 23, 5; C. Maderna-Lauter in: Hellenistische Gruppen 1999, 118; Krupeziontreter: W. Geominy in: Hellenistische Gruppen 1999, 143. 149 Taf. 35, 4; Schleifer: Alscher a. O. Abb. 16 c–d; Maderna-Lauter a. O. 128; Trunkene Alte: Alscher a. O. 100 ff. Abb. 44 a–d; Tanzender Faun. Alscher a. O. Abb. 47 b; Ringende Satyriskoi: H.-H. von Prittwitz und Gaffron in: Hellenistische Gruppen 1999, 181 ff. Taf. 58–59; Vorster 1993, 267 ff. in Gallier-Kampfposen. – Zu Skulpturen aus Basalt/Basanit : H. Gregarek, Römische Idealplastik aus Buntmarmor, KJb 32, 1999, 33 ff.; J.-C. Grenier – P. Liverani, Special effects in der hellenistischen Porträtkunst, AW 32, 2002, 551 ff.; C. Berns in: B. Schmaltz (Hrsg.), Natura Lapidum. Steinskulpturen der Antike. FS B. Freyer-Schauenburg (2003) 24 ff. bes. 44 ff. Abb. 6–9 Taf. II (Kopf Berlin Sk 1579). Taf. III. IV.

(PG)

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