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Dionysos und Apollon (?) Bild1

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Dionysos und Apollon (?)
Doppelhermenkopf, unterlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 120

Spättiberisch-claudisch, 30–50 n. Chr.

Weißer, grobkristalliner Marmor mit cremefarbener Patina

H 28 cm
H Bart bis Scheitel ›Dionysos‹: 27,5 cm
H Kinn bis Scheitel ›Apollon‹: 19 cm


Fundort: Aus Ostia (?)

Zugang: Erworben 1964 im Kunsthandel bei Müller-Feldmann, München


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Vom Bart des ›Dionysos‹ aus schräg aufwärts durch den Hals gebrochen. Bart, Nasenspitze und r. Auge des ›Dionysos‹ bestoßen, Schulterlocken abgebrochen. Ausbruch auf dem Oberkopf. Oberflächliche Verletzungen an Frisur und r. Augenbraue des ›Apollon‹. Absplitterungen an Schulterlocken. Oberfläche insgesamt bröselig korrodiert. Großflächige dunkle Versinterungen auf r. Seite des ›Dionysos‹ und l. Seite des ›Apollon‹. Restaurierung 1973/75: gereinigt, mit Standdübel gesockelt. 1986 entsintert. 2001 gereinigt.

Beschreibung: Eine Einschnürung setzt die beiden Hälften des ianusartigen unterlebensgroßen Doppelkopfes voneinander ab. Der bärtige Kopf hat ein längliches Gesicht mit einer hohen Stirn, die sich unterhalb einer Querfurche nach vorne wölbt. Die flach geschwungenen Brauenbögen fallen nach außen ab. Die knappen Orbitale quellen über den äußeren Augenwinkeln leicht vor. Letztere biegen zu den Seiten hin um. Schmale, wulstartig-kantige Oberlider und breite, enger anliegende Unterlider bilden einen Rahmen für die langgezogenen mandelförmigen Augen. Sie sind sehr schmal und zeigen plastisch angedeutete Tränenkanäle.

Unter der kurzen breiten Nase rahmt ein dünner Schnurrbart den kleinen Mund mit seinen schmalen geschwungenen Lippen. Die Mundwinkel sind in das Gesicht eingetieft. Die Wangenknochen zeichnen sich ab. Ein langer Vollbart mit abgerundeter Kontur rahmt das Gesicht an Kinn und Wangen. Er schwingt etwas nach vorne. Zu beiden Seiten einer Teilungsrille rollen sich die kurzen Bartlocken schneckenartig ein. Sie sind sehr flach, beinahe zeichnerisch angelegt. Ein Reif drückt das Haar an den Kopf. Unter ihm springen zwei Reihen von Korkenzieherlocken dachartig über die Stirn vor und rahmen sie in einem hohen gleichmäßigen Bogen. Die Locken bilden über der Stirn eine ebene Front. Hinter den kleinen geschwollenen Ohren fällt je ein korkenzieherartig gedrehter Lockenstrang zur Schulter hinab.

Der unbärtige Kopf hat ein rundlich-ovales Gesicht mit vollen Wangen und kleinem Kinn. Ein bogenförmiger Haaransatz rahmt die nicht sehr hohe Stirn. Die Gestaltung der Augenpartie gleicht der des bärtigen Kopfes, die Nase ist kurz, aber etwas schmaler. Der kleine Mund ist stark in das Gesicht eingetieft und deutet ein Lächeln an. Er hat jedoch keine ausgebildeten Mundwinkel. Die Lippen, deren untere voller ist, scheinen unverbunden aufeinander zu liegen. Ein breites Band drückt die welligen Haarsträhnen an den Oberkopf. Darunter quillt über Stirn und Schläfen ein Haarkranz hervor, der die Ohren zur Hälfte bedeckt. Seine schmalen Wellensträhnen sind vom Mittelscheitel aus zu den Seiten gestrichen. Bei einem Einzelkopf wären sie im Nacken zu einer Schlaufe aufgenommen. Hinter den Ohren fallen je zwei kurze gedrehte Lockenstränge herab, rechts trennt sie ein breiter Bohrkanal, links ist zwischen ihnen Marmormasse stehengeblieben. Hinter ihnen fällt jeweils ein breiter flacher Haarstrang ohne weitere Gliederung zu den Schultern hinab. Auf der rechten Seite ist gut zu erkennen, dass er sich von der Schulterlocke des bärtigen Kopfes absetzt. Das Haar ist jeweils mit dem Meißel ausgearbeitet.

Die beiden Köpfe gehörten ursprünglich zu einer Doppelherme. Die ältesten gesicherten Belege der rein römischen Gattung reichen bis in die zweite Hälfte des 1. Jhs. v. Chr. zurück (Seiler 1969, 12 f.; Wrede 1986, 53). Köpfe in der Art des Kasseler Exemplars sind unter den kaiserzeitlichen Doppelhermen in einer vergleichbaren Kombination aus bärtigem und bartlosem Kopf häufig belegt, ohne dass sich exakte Parallelen finden ließen (Willers 1967, 56 ff.; Seiler 1969, 36 ff.; Chamay – Maier 1990; Ambrogi 1995; Bol 1998).

Der bärtige schließt sich einer Reihe archaistischer Köpfe an, die als Einzel- und Doppelhermen auftreten und im Detail voneinander abweichen. Sie gehen letztlich auf den Hermes Propylaios des späten 5. Jhs. v. Chr. zurück (Willers 1967, 39 ff. 87 ff.; Seiler 1969, 32; Bol 1998). Dachartig vorspringende Korkenzieherlocken kennzeichnen den Typus Pergamon, eine spätere Neufassung des Hermes Propylaios (Willers 1967, 75 ff.). Eine Lockenanordnung in zwei statt drei Reihen zeigt auch eine archaistische Herme auf dem Sockelrelief des Zoilos-Monumentes in Aphrodisias (Brahms 1994, 146). Der gleichmäßige Bogen des Haaransatzes ist dagegen bei dem Typus Ephesos zu finden. Die Gliederung der Bartlocken ist bislang ohne Parallele. Der bärtige Kopf ist folglich keine Replik eines der bekannten Hermentypen, sondern eine freie Kombination tradierter archaistischer Bildelemente. Ein derartiges eklektisches Vorgehen ist bereits bei Hermen der hellenistischen Zeit zu beobachten (Brahms 1994, 139 f. 148 f.).

Der bartlose Kopf orientiert sich an dem weit verbreiteten Typus ›Apollon-Ariadne‹ (Seiler 1969, 63 ff.; Gasparri 1974/75; Vorster 1993). In seiner Frisur greift er auf Vorbilder des frühen 4. Jhs. v. Chr. zurück (Seiler 1969, 36; Gasparri 1974/75; Bol 1998). Mit dem Lächeln und den kurzen gedrehten Locken hinter den Ohren (Bol 1998) fügt der Bildhauer dem Kasseler Stück jedoch in eklektischer Weise archaistische Elemente hinzu. Offenbar strebt er eine stilistische Angleichung an den bärtigen Halbkopf an.

Die Kasseler Doppelherme ist eine eigenständige Schöpfung eines römischen Bildhauerateliers, die auf archaistisch-klassizistischen Traditionen der griechischen Plastik fußt. Sie verbindet zwei Köpfe, die sich an bekannten Typen orientieren, ohne sie genau zu kopieren.

Ihre Benennung ist schwierig. Der bärtige Kopf ist höchstwahrscheinlich als Dionysos/Bacchus zu deuten (Lullies 1966; Willers 1967, 108), der sich häufig archaistisch zeigt (Hackländer 1996, 18). In Hermenform ist er von hellenistischer Zeit an belegt (Wrede 1986, 18 ff.; Hackländer 1996, 34). Der Kopftypus des archaistischen Dionysos gleicht sehr dem des bärtigen Hermes (Wrede 1986, 22).

Der Typus des bartlosen Kopfes galt lange als weiblich und wurde als Ariadne angesprochen (Lullies 1966). Er gibt jedoch eher einen jugendlichen männlichen Gott wieder und wird meist als Apollon gedeutet (Gasparri 1974/75, Vorster 1993, Bol 1998). Seit hellenistischer Zeit wird aber auch Dionysos in jugendlich-effeminierter Form dargestellt. Gasparri (1974/75) hält aufgrund der Haarbinde eine Deutung des Kasseler Kopfes als jugendlicher Dionysos für wahrscheinlich. Doppelhermen verbinden häufig Gestalten des dionysischen Kreises und betonen dabei den Gegensatz von Alt und Jung (Wrede 1986, 53).

Die Gestaltung der Augenpartie spricht für eine Entstehung des Kasseler Doppelkopfes in spättiberisch-claudischer Zeit. Der Vergleich mit einer um 95/94 v. Chr. datierten Herme im Kerameikos (Willers 1967, 108) ist nicht überzeugend (vgl. auch Seiler 1969, 38).

Doppelhermen dienten vorwiegend als Schmuck von Atrien, Peristylen und Gärten gehobener Wohnhäuser (Seiler 1969, 13). Sie bringen auf engem Raum die Naturauffassung ihres städtischen Besitzers zum Ausdruck, in der das sakral-idyllische Landschaftsverständnis des Hellenismus nachwirkt (Seiler 1969, 62; Wrede 1986, 40 ff. 53). Das Kasseler Exemplar, das angeblich aus Ostia stammt, könnte zur dekorativen Ausstattung einer dortigen Villa Urbana gehört haben (Lullies 1966). Figuren des dionysischen Kreises sind in der Kaiserzeit als Gartenskulpturen äußerst beliebt. Sie verleihen dem Villenambiente eine Atmosphäre dionysischer Glückseligkeit (Vorster 1998). Die archaistische Gestalt der Doppelhermen betont nicht nur ihren unbeweglichen Charakter als Bildwerk (Fullerton 1990; Hackländer 1996, 74 f.), sondern verweist zugleich auf die Einfachheit ländlicher Kulte und ein fernes »goldenes Zeitalter« (Fullerton 1990, 202 ff.).

Publiziert:
Lullies, AA 1966, 119 f. Nr. 22 Abb. 40–42; A. Giumlia, Die neuattischen Doppelhermen (1983) 210 Nr. 37.


Literatur: Vgl.: D. Willers, JdI 82, 1967, 37 ff. 107 f. Nr. 128; C. Gasparri, StudMisc 22, 1974/75, 87 ff.; M. D. Fullerton, The Archaistic Style in Roman Statuary (1990) 201 ff.; J. Chamay – J.-L. Maier, Art Grec (1990) Nr. 80; Vorster 1993, Nr. 61; Giuliano 1995, Nr. 5 Abb. (A. Ambrogi); N. Hackländer, Der archaistische Dionysos (1996) 18. 34. 60 ff.; P. C. Bol, in: Villa Albani 1998, Nr. 591–592 Taf. 33–34. – Zur Gattung: S. Seiler, Beobachtungen an Doppelhermen (1969) passim, 80 Nr. 42; H. Wrede, Die antike Herme (1986) 18 ff. 40 ff. 52 ff.; T. Brahms, Archaismus (1994) 103 ff. – Zur Aufstellung: C. Vorster, Die Skulpturen von Fanello Sabino (1998) 56 f. – Zur Datierung: Fittschen – Zanker 1985, Nr. 26 Taf. 26; Fuchs 1992, Nr. 6; Johansen 1994, Nr. 47. 59.

(NZE)

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