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Doppelporträt einer Frau Bild1

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Doppelporträt einer Frau
Doppelkopf
Inv.-Nr. Sk 130

Neuzeitlich, 20. Jh.?

Weißer, feinkörniger Marmor.

H 29 cm
H Kinn bis Haaransatz 16,5 cm



Zugang: Erworben 1967 im Kunsthandel Rosenbaum, Ascona. (Angeblich aus Rom.)


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Am Hals gebrochen, gleichmäßige gewölbte Bruchfläche. Nasenspitzen abgebrochen, der jeweils r. Nasenflügel fehlt ganz. Stirnschlaufen, Haar hinter den Ohren und Mantelrand auf Seite A bestoßen. Große Partie der r. Wange auf Seite A in jüngerer Zeit abgeschürft. Oben auf dem Schädel der Seite A fast in der Mitte 5 cm tiefes Loch von 3 cm Durchmesser. Fleckige gelbweiße bis gelbbräunliche Patina. Auf Seite A rostrote Flecken, auf Seite B nur vereinzelt. Restaurierung 1976: oxydierter Standdübel entfernt, mit neuem Standdübel gesockelt. 2001: gereinigt.


Beschreibung: Das Doppelporträt zeigt auf beiden Seiten dieselbe, nicht mehr ganz junge Frau. Ein Manteltuch mit schematischen Falten ohne plastische Tiefe bedeckt jeweils ihren Hinterkopf. Die Gesichter liegen nicht auf gleicher Höhe. Die Trennlinie zwischen beiden Halbköpfen ist leicht verschoben. Seite A zeigt ein längliches Gesicht mit niedriger Stirn und vorspringendem kräftigem Kinn. Auf Seite B sind die Konturen des Gesichtes weicher.

Die Brauenbögen sind kaum plastisch artikuliert. Kräftige Ritzungen, die unmittelbar neben der Nasenwurzel etwas länger sind und nach oben abstehen, geben die Augenbrauen an. Die großen Augen stehen relativ eng und liegen nicht sehr tief in ihren Höhlen. Tiefe Rillen trennen die dicken, auf Seite B etwas kantigeren Oberlider von den Orbitalen. Auf Seite A ist der innere Winkel des linken Auges gebohrt. Auf beiden Seiten ist unter dem Außenwinkel des linken Auges eine kleine Warze zu erkennen.

Unterhalb der kräftigen breiten Nase ist die Mundpartie leicht vorgeschoben. Die geschlossenen vollen Lippen sind stark geschwungen. Auf Seite B ist die Unterlippe annähernd gerade wiedergegeben, der linke Mundwinkel ist gebohrt. Die Haut erscheint etwas schlaff. Neben den ausgeprägten Nasolabialfalten gehen auch von den inneren Augenwinkeln schwache, abwärts gerichtete Falten aus. Auf dem Hals von Seite A ist ein leichter Venusring zu sehen.

Das Haar bildet über der Stirn eine dicke breite Rolle, die unter dem Manteltuch nach hinten verschwindet. Ihre Seitenfläche ist nur rechts auf Seite B detailliert ausgearbeitet. Das gewellte Schläfenhaar verläuft rechts jeweils horizontal nach hinten, links parallel zum Mantelsaum abwärts. Unmittelbar hinter den Ohren fällt das Haar in dicken gewellten Strängen eng am Hals herab.

Der bislang singuläre Charakter des Bildnisses ließ mehrfach Zweifel an seinem antiken Ursprung aufkommen (Frenz 1977a, Gercke 1983). Aufgrund seiner Form wäre es nur als Doppelherme sinnvoll zu ergänzen (Frenz 1977a). Derartige Porträthermen treten nicht sehr häufig auf und zeigen meist berühmte Persönlichkeiten der Vergangenheit. Doppelhermen mit Porträts von Zeitgenossen sind dagegen äußerst selten, weibliche Bildnisse sind darunter bisher nicht nachgewiesen (Frenz 1977a, Felletti Maj 1953, Wrede 1986, Vorster 1998). Anders als bei vergleichbaren Hermen sind die Halbköpfe ungewöhnlich dicht zusammengeschoben, ihre Trennlinie ist weniger deutlich artikuliert (Frenz 1977a). Die Frisur mit Stirnschlaufe ähnelt einer Haartracht, die um 40 v. Chr. in Mode kommt und von der Kaiserin Livia getragen wird (Frenz 1977a; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 1; Vorster 1993, Nr. 9). Das Haar bildet dabei im Nacken einen Knoten, der hier unter dem Manteltuch nicht sichtbar ist. Dem Kasseler Porträt vergleichbare breite und voluminöse Stirnschlaufen sind in den 30er Jahren des 1. Jhs. v. Chr. belegt, ebenso das gewellte Schläfenhaar. Es ist jedoch stets symmetrisch angeordnet (Frenz 1977a, vgl. Frenz 1977b, Vorster 1991; Johansen 1995a, Nr. 71. 120). Dicke Haarstränge, die unmittelbar hinter den Ohren herabfallen und den Eindruck erwecken, als würde das Haar unter dem Manteltuch offen getragen, treten unter den frühaugusteischen Bildnissen in Verbindung mit der Stirnschlaufe jedoch nicht auf. Allenfalls können sich einzelne dünne Strähnen aus dem Nackenknoten lösen und in weiterem Abstand von den Ohren über die Schultern fallen (Frenz 1977b; Vorster 1993, Nr. 8; Johansen 1995a, Nr. 35. 72).

Die Wiedergabe der Augenbrauen lässt sich nicht mit der Zeitstellung vereinbaren, die durch die Frisur suggeriert wird (Frenz 1977a). In augusteischer Zeit sind die Brauenbögen weiblicher Porträts plastisch artikuliert, geritzte Brauenhärchen sind dagegen erst seit traianisch-hadrianischer Zeit belegt (Fittschen – Zanker 1983, Nr. 8. 69. 77) und treten von der antoninischen Epoche an häufiger auf. Auch das ›realistische‹ Merkmal der Warze würde eher in das Umfeld der Bürgerinnenbildnisse dieser Zeit passen (vgl. hier Kat. 4.10; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 81. 83–84).

Die genannten Unstimmigkeiten legen den Schluß nahe, dass unser Doppelporträt nicht antik ist. Hinzu kommt der allgemein unantike Eindruck der bildhauerischen Ausführung (Frenz 1977a). Es handelt sich wohl um eine bewußte Fälschung neuerer Zeit, bei der die Frauenbildnisse einiger augusteischer Grabreliefs mit Stirnschlaufe und Manteltuch im ehemaligen Lateranmuseum als Vorbild gedient haben könnten (Frenz 1977a, Vorster 1993). Die Beschädigungen und Verwitterungsspuren wären demnach künstlich erzeugt, um Authentizität vorzutäuschen. Dafür spricht auch der auffallend gleichartige Bruch an den Nasenspitzen beider Halbköpfe.

Publiziert:
P. Gercke, AA 1983, 536 ff. Nr. 78 Abb. 117–119.


Literatur: H. G. Frenz, Manuskript für einen Erwerbungsbericht (1977a). – Vgl.: H. G. Frenz, Untersuchungen zu den frühen römischen Grabreliefs (1977b) 162 F 2; 190 M 2; 193 M 11; Fittschen – Zanker 1983, Nr. 1. 8. 69. 77. 81. 83–84; Vorster 1993, 29 ff. Nr. 8. 9 Abb. 14–25; Johansen 1995a, Nr. 35. 71. 72. 120. – Zu Doppelhermen: Felletti Maj 1953, Nr. 62; S. Seiler, Beobachtungen an Doppelhermen (1969) 12 ff.; H. Wrede, Die antike Herme (1986) 52 ff.; C. Vorster, Die Skulpturen von Fianello Sabino (1998) 41 f.

(NZE)

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