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Bekränzter Mann im Kourostypus Bild1

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Bekränzter Mann im Kourostypus
Kopf einer Statue, überlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 106

Kyprisch-archaisch, 6. Jh. v. Chr.

Hellgrau-weißlicher Kalkstein, braun patiniert.

H insgesamt 40 cm
max. B 35 cm
H Kinn bis Stirnhaar 22 cm
B Gesicht in Höhe der Ohren 15 cm


Fundort: Angeblich aus Zypern.

Zugang: Erworben 1941 von Takara No Yama, Paris.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Oberfläche insbesondere die stärker reliefierte Frisur bestoßen, korrodiert, viele Kerben und Abplatzungen auch im Gesicht, Nasenspitze verloren. Hals geschnitten. Bruchflächen an Hals und Nackenhaar mit Werkspuren (vom Trennen des Kopfes von einer Statue?). Restaurierung 1973/75: gereinigt, mit Standdübel gesockelt.

Beschreibung: Der Kolossalkopf wirkt durch den Gegensatz zwischen Gesicht und Frisur befremdlich. Das schlanke gleichförmige Gesichtsoval ist geglättet und hebt sich von der wuchtigen perückenartigen Frisur durch eine scharf gezogene Grenze ab. Die mandelförmigen eng stehenden Augen senken sich nach außen. Die gewölbten Augäpfel sind von scharfrandigen Lidern in flachen Orbitalen in typisch kyprischer Manier umschlossen. In der eingesenkten Partie zwischen hohen Wangen und kleinem Kinn steht der schmallippige Mund mit herabgezogenen Mundwinkeln vor. Die schmale modellierte Gesichtsfront geht abrupt in breite flache Gesichtsflanken über bis zu den Ohren vor der Frisur. Der Hals verbreitert sich unorganisch kegelförmig zwischen der Perückenfrisur. Das Stirnhaar war vielleicht in welligen Strähnen von der Mitte zu den Ohren gelegt. Darüber liegt ein Kranz gegenständiger Blätter (Efeu?). Nur das Stirnhaar, der Blattkranz bis über die Ohren und je vier Stränge aus Buckellocken unterhalb der Ohren sind in Flachrelief modelliert. Am Hinterkopf sind die Perückenfrisur durch vertikale Furchen und der Blattkranz durch Konturen nur graviert, die Kalotte blieb glatt. Die Verknotung des Blattkranzes mit seinen nach hinten gerichteten Blättern ist vorn zu erahnen und am Hinterkopf nicht zu erkennen (Fehlstelle oder unfertig?). Der Efeukranz wird allgemein mit dem Dionysoskult in Verbindung gebracht; ihn können Gläubige, Priester und der Gott selbst tragen.

Der Kontrast zwischen der ausgearbeiteten Vorderseite mit dem geglätteten scharf geschnittenen Gesicht sowie den – wenn auch stark bestoßenen – reliefierten Partien der Frisur und den summarisch angelegten Nebenseiten mit nur schematisch skizzierten Ohren und der weiter vernachlässigten Rückseite ist wahrscheinlich eher durch unterschiedliche Zustände antiker Bearbeitung als durch Korrosion zu erklären. Gegen eine einschneidende neuzeitliche Überarbeitung der Vorderseite spricht die rundum gleichmäßige Patinierung der Oberfläche. Die befremdliche Gesamtform von Schädel, Hals und Frisur könnte einem provinziellen kyprischen Werk jener archaischen Periode zuzuschreiben sein, die sich in Anlehnung an nahöstliche, ägyptische und griechische Skulpturen an Kolossalformate wagte.

Der schmallippige vorgeschobene Mund ist sowohl von kyprischen Köpfen (Karageorghis 1963), wie von östlichen dädalischen Köpfen bis hin zu frühgriechischen Kouroi bekannt (Boardmann 1981). Auch der ›verkniffene‹ Mund mit hängenden Mundwinkeln ist bei frühen dädalischen Figuren und einigen in dieser Tradition stehenden hocharchaischen Skulpturen aus dem böotischen Ptoion geläufig. Die perükkenhafte dädalische Frisur, den Efeukranz, die Ohrform und die lediglich vertikal gravierte Rückseite teilt unser Kopf weitgehend mit dem bärtigen unkonventionellen Kopenhagener Kolossalkopf I.N. 2642 (Nielsen 1992), dessen Kalottenfrisur mit Efeukranz wie ein Polos geformt ist. Es kann daher nur eine Arbeitshypothese sein, in unserem ebenfalls ikonographisch außergewöhnlichen Kolossalkopf einen archaischen kyprischen Kouros in eigenständiger provinzieller Adaption zu vermuten.

Publ.:
Unpubliziert.


Literatur: Zu kyprischen Köpfen: V. Karageorghis, BCH 87, 1963, 336 f. Abb. 17 a–b, aus Ayia Kepir; G. Schmidt, Samos VII (1968) Nr. C 228 Taf. 98 Kopf der Tierbändigerstatuette. Nr. C 211 Taf. 102 Kouros-Typus mit geknoteter Haarbinde; P. Gaber-Saletan, Regional Styles in Cypriote Sculpture (1986); A. M. Nielsen, The Cypriote Collection. Ny Carlsberg Glyptotek (1992) Nr. 5 Abb. Kolossalkopf I. N. 2642; W. Seipel (Hrsg.), Die Sammlung zyprischer Antiken im Kunsthistorischen Museum Wien (1999) Nr. 77 Statuette. Nr. 86 Mundform; M. Brönner, Zyprische Kalksteinplastik, in: S. Brehme u. a., Antike Kunst aus Zypern, Staatliche Museen zu Berlin (2002) 27 ff. 131 ff. Nr. 13. 146 Kranz, Nr. 166 Mundform. – Zu den östlichen, griechisch dädalischen und früharchaischen Köpfen: Boardman 1981, 14 ff. Abb. 23. 25 ff. ›Perückenfrisur‹. Abb. 24. 48. 67. 68 Mundform.

(PG)

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