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Männliche Figur einer Gruppe Bild1

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Männliche Figur einer Gruppe
Torso. Von einer Statuettengruppe
Inv.-Nr. Sk 101

Späthellenistisch, um 100 v. Chr. Gruppentypus unbestimmt.

Weißer, feinkristalliner Marmor, braune Rostflecken

H des Torsos 17 cm
Halsgrube bis Nabel 7 cm
Halsgrube bis Penis 10 cm



Zugang: Erworben vom Bildhauer Heinrich Gerhardt (1823–1915) in Rom und dem Museum geschenkt


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt, Bruchflächen versintert. Polierte Oberfläche mit Wurzelfasern, fleckig, Kerben, Kratzer. Abgebrochen und verloren: Kopf, Arme ab Bizepsansatz, r. Bein ab Oberschenkelmitte, l. Bein oberhalb des Knies. Von einer zweiten großen Figur ist nur die l. Hand (Daumen abgebrochen) auf der r. Schulter des Torsos erhalten. Restaurierung 1985: bis auf einige Sinterreste gereinigt; Montage auf historischem dreiteiligen Marmorsockel (rote Standplatte, gelber Pfeiler, schwarze Deckplatte) belassen.

Beschreibung: Ein hochaufgereckter muskulöser Körper, der an den Figurentypus Hängender Marsyas erinnert, streckt beide Oberarme nach oben. Der Kopf war vorgebeugt und vielleicht etwas zur linken Seite gedreht. Die Halsbruchfläche nimmt nahezu die ganze Schulterbreite zwischen den emporgerichteten Armansätzen ein. Der Bruchrand weist auf der Brust und am rechten Oberarm einen Grat auf, der von einem Vollbart herrühren könnte. Der rechte Oberarm ist ein wenig zur Seite geführt; auf seinem Schulterblatt liegt flach und horizontal eine große linke Hand. Die aneinander liegenden Finger haben keine Glieder, nur Nägel. Die Fingerspitzen reichen knapp bis über das Rückgrat: Der verlorene Daumen war abgespreizt und wird den Hals bzw. den Bart des Torsos berührt haben. Die untätig dargestellte Hand liegt wie lastend auf dem energisch bewegten Torso; sie ist im bemerkenswert rundlichen Handrückenbereich abgebrochen. Der gestreckte Rumpf mit voluminösem angehobenem Brustkorb ist leicht zur rechten Seite gebeugt und ein wenig zur linken Seite gedreht. Der gestauchten angespannten rechten Körperflanke mit schräg nach oben gerecktem Oberarm entspricht die bogig gedehnte linke Rumpfseite mit steil neben dem Kopf emporgehaltenem oder -gezogenem Oberarm. Bis zur Oberschenkelmitte stehen die Beine geschlossen nebeneinander. Der linke Oberschenkel ist leicht nach vorn bewegt. Das kräftige Geschlecht mit spitz zulaufender Pubes liegt infolge der Bewegung an diesem Oberschenkel an.

Eine überzeugende Deutung des kleinen Gruppenfragmentes ist bisher nicht gefunden (so schon Bieber 1915). Die stilistische Nähe des angespannten Torsos mit seiner akzentuierten Gliederung der Brust-, Bauch- und Oberschenkelpartien, mit seinen Wölbungen und Einziehungen der Muskulatur und des Knochengerüstes und mit der dynamischen Stauchung und Streckung des kraftvollen Leibes zu der hoch- bis späthellenistischen, insbesondere in der pergamenischen Kunst entwickelten Körperdarstellung in Rundplastik und Relief steht außer Frage. Der muskulöse Körper in seiner kraftvollen sich reckenden Bewegung mit geweitetem Brustkorb und steil empor gestreckten Oberarmen kann mangels Rückenschwänzchen nicht von einem Satyrn/Silen oder Minotauros stammen. Kaum mehr als eine allgemeine zeittypische Vorliebe für gestreckte, sich dehnende männliche Figuren verbindet unser Fragment mit Skulpturen wie dem Hängenden Marsyas (Comstock – Vermeule 1976, Maderna-Lauter 1999). In der Körpermodellierung mit der aufgesetzten Brustmuskulatur, dem markanten Gegensatz von Brustkorb und Bauchmuskulatur, der scharfen Taillenzäsur und den pointierten Einzelformen der Becken-Leisten-Partie stehen die stark bewegten Satyrn der späthellenistischen kleinformatigen Kampfgruppen (Vorster 1999) unserem Torso nahe und sprechen für seine Entstehung in der Tradition der unklassizistischen hellenistischen Stilrichtung gegen Ende des 2. Jhs. und zu Beginn des 1. Jhs. v. Chr. Die motivisch vollständige Bestimmung und inhaltliche Deutung – Bärtiger (?) im Kampf gegen einen viel größeren Gegner? – steht noch aus. Die größere und eigentümlich geformte Hand nur als Folge einer nachlässigeren Ausführung der ganzen Rückseite anzunehmen (Bieber 1915), befriedigt angesichts der bildhauerischen Qualität der Statuette nicht. Die gliederlos modellierten Finger, die sichtlich lastende Hand mit dem vielleicht zum Hals greifenden Daumen könnten von einem größeren Fabelwesen stammen. Kampfdarstellungen, die auf hochhellenistische Vorbilder anspielen oder von ihnen angeregt sind, haben in der späthellenistischen Plastik einen hervorragenden Rang eingenommen und motivisch wie aitiologisch eine außerordentliche Wirkung entfaltet (Vorster 1999). Weitere Aufschlüsse sind erst durch eine Vervollständigung des Gruppenfragmentes oder aufzufindende ikonographische Entsprechungen zu gewinnen.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 44 Taf. 28; Torso. Das Unvollendete als künstlerische Form. AK Recklinghausen (1964) Nr. 25.


Literatur: Zum Typus Hängender Marsyas: Comstock – Vermeule 1976, Nr. 170. 171 größere Statuetten; C. Maderna-Lauter in: Hellenistische Gruppen 1999, 115 ff. Taf. 27–33 Kopienkritik, Datierung des roten Marsyas um 160 v. Chr. – Zu den späthellenistischen Satyr-Kampfgruppen: C. Vorster in: Hellenistische Gruppen 1999, 267 ff. bes. 273 f. ›Haarreißergruppen‹ mit Giganten. 283 ff. Art und Verbreitung dionysischer Kampfgruppen Taf. 71–78. – Zu Heinrich Gerhardt: Thieme – Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart 13 (1920) 451 f. s. v. Gerhardt (F. Noack).

(PG)

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