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Vier Votivstatuetten aus Lissos, Mädchen Bild1

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Vier Votivstatuetten aus Lissos, Mädchen
Statuettentorso. Votiv
Inv.-Nr. ALg 213

Hochhellenistisch, Anfang 2. Jh. v. Chr.

Weißer, mittelkristalliner Marmor, bräunlich patiniert

H 58,5 cm


Fundort: Lissos auf Kreta, dem Asklepios-Heiligtum zugeschrieben

Zugang: Leihgabe der Sammlung Peter und Irene Ludwig, Aachen, seit 1977 (Erworben im Kunsthandel Arete, Zürich 1977)


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Zu Kat. 1.31: Unergänzt auf ovaler, dünner Plinthe. Verloren sind die antiken Anstückungen: der r. Arm ab Oberarmmitte (Dübelloch), die r. Fußspitze (Dübelloch), das Gewandende mit Plinthenrand hinten; weggebrochen sind der Kopf mit Hals, der mittlere Teil des l. Arms, der Kopf mit Hals des Vogels. Bestoßungen: Finger der l. Hand, einige Falten und Ränder des Gewandes; kleine Kratzer und Abschürfungen. Oberfläche rundum geglättet, besonders das Inkarnat. Plinthenunterseite mit Zahneisen bearbeitet. Restaurierung 1977: gereinigt, partiell entsintert, mit Standdübel gesockelt.

Beschreibung: Zu Kat 1.31 bis 1.34: Die statuarischen und motivischen Übereinstimmungen der vier Mädchentorsen aus dem Schweizer Kunsthandel 1977 sprechen eindeutig für eine gemeinsame Herkunft. Die stilistischen und typologischen Entsprechungen mit den in Chania aufbewahrten Statuetten aus dem Asklepios-Heiligtum in Lissos an der Südküste Westkretas gestatten die Zuweisung an diese Kultstätte (Vorster 1983, zuletzt Gercke 1990, 248). Allen nahezu formatgleichen Figuren der Vierergruppe ist zu eigen, dass die Front und zumeist eine Seite mit dem angehobenen Arm sorgfältiger als die übrigen Seiten – vielleicht erklärlich aus ihrer Aufstellung im Heiligtum – ausgearbeitet sind. Ein weiteres gemeinsames Charakteristikum liegt darin, dass die Mädchen als kleine Erwachsene im Feiertagsgewand dargestellt sind, sich in der Haltung wie Erwachsene prätentiös, grazil oder ruhig konzentriert geben und zugleich mit ihren Attributen (Lieblingstier, Spielzeug u. ä.) und in ihren Körperformen – soweit erkennbar – in kindlichem Alter vorgestellt werden. Hiermit drängt sich die Frage nach dem Realitätsbezug der Dargestellten, nach den Auftraggebern und der Votivfunktion in diesem Asklepios-Heiligtum auf. Die Statuetten sind aufgrund ihrer figürlichen Konzeption, der bildhauerischen Ausführung und des verwendeten Marmors trotz ikonographischer und stilistischer Unterschiede einer lokalen Werkstatt zuzuschreiben.

Die vorgeschlagene Datierung dieser vier Torsen in die hoch- bis späthellenistische Zeit (Papaoikonomou 1982, Vorster 1983) wäre zusätzlich im Kontext der reichen archäologischen Befunde, der Baureste und der historischen Überlieferung dieses in hellenistischer und römischer Zeit blühenden Heiligtums zu überprüfen. Ferner könnten Anpassungsversuche mittels Abformungen von den Halsbruchflächen der Torsen und Köpfe aus Lissos zur Wiedergewinnung vollständiger Votive führen.

Die Mädchenstatuetten werden wie zahlreiche ähnliche Votive zur Fürbitte und zum Dank anlässlich von Geburt, Krankheit und Genesung in das Asklepieion gestiftet worden sein. Denkbar sind auch Weihungen anlässlich öffentlicher wie privater Kultfeiern oder für helfende Dienste bzw. die Ausbildung der Kinder im Heilkult. Weiteren Forschungen bleibt vorbehalten, diese Werke peripherer Kunstlandschaften, die Kenntnis griechischer Kultpraxis und die Funktion dieser Kinderbilder zu präzisieren.

Zu Kat. 1.31:
Das frontal stehende Mädchen im ärmellosen, gegürteten Chiton mit Überschlag fasst mit der linken Hand einen größeren Vogel von oben über die Flügel und drückt ihn in Taillenhöhe an sich. Der angehobene und zur Seite führende rechte Arm wird frei vor dem Körper und vermutlich in angewinkelter Haltung mit der Hand so zu ergänzen sein, dass das Mädchen ihrem Lieblingstier etwas (Spielzeug, Futter o. ä.) von oben entgegen hielt. Der kräftige und breite Körperbau wird durch die gestelzt wirkende Beinstellung und die breite Bahn tiefer Steilfalten seitlich des Standbeins, die gleichförmig abknickend auf der Plinthe aufliegen, betont. Das das stämmige, gestreckte rechte Bein ist bis zum Plinthenrand vorgesetzt. Das linke Standbein bleibt hinter den tiefen Steilfalten des bodenlangen Chitons verborgen; lediglich die Fußspitze mit hoher Sandale wird unter seitlich abknickenden Falten sichtbar.

Der Chiton ist auf der Vorderseite der Figur faltenreich und differenziert gearbeitet. Das dünne Tuch lässt Körperformen durchscheinen und bildet unterschiedliche Gewanddraperien aus. Ein breiter Keder säumt den Ausschnitt auf Brust und Nacken. Rechteckige Doppelschließen auf den Schultern und die hochsitzende Gürtung halten den Chiton, die rechte Achsel bleibt frei. Über der Gürtung geben feine kurvige Ritzungen den dünnen und dicht anliegenden Chitonstoff wieder. Der Stoff im Überschlag unter dem Gürtel ist kräftiger reliefiert und bildet einige bauschige Faltenstege aus, die am Saum zur Figurenmitte hin sich kräuselnd wie vom Wind erfasst bewegen. Ein vertikaler, die Figurenmitte akzentuierender Faltensteg durchzieht das Gewand; er beginnt mit einer Knickfalte am oberen Saum, verstärkt sich in sanfter Biegung bis zum Überschlagsaum und wird als steiler, minimal schräg verlaufender Faltenbausch zwischen den Beinen bis auf die Plinthe geführt. Hier vermittelt er zwischen der verhüllten Standbeinseite und der bewegten Seite mit gestrecktem Spielbein, das von dem Chiton in feinen kurvigen Falten modellierend hauteng bedeckt ist. Auf den Nebenseiten beginnt die für die Rückseite charakteristische summarische Ausführung; die abgestufte Gewandbehandlung bleibt bei dieser Statuette noch durchgängig, aber in vereinfachender Modellierung erkennbar.

Dieses Mädchen zeichnet sich innerhalb der Vierergruppe durch seine prätentiöse Beinstellung, seine statuarische Breite beanspruchende Haltung und durch seine nach Differenzierung und Sorgfalt strebende Gewand- und Körperdarstellung aus. Diese Ansprüche sind kompositorisch und bildhauerisch nur in beschränktem Maße eingelöst, wie es für Votive in der Regel und besonders in nur regional bedeutenden Heiligtümern zu erwarten ist.

Die Gewandtracht und das Motiv mit dem Vogel sind typologisch seit klassischer Zeit für Votivbilder zahlreich überliefert. Der intendierte Gegensatz von Körper- und Gewandformen und die kompositorische Ausführung dieser Statuette sind hochhellenistischen Stiltendenzen verpflichtet, so dass eine Datierung in das ausgehende 3. Jh. oder den Anfang des 2. Jhs. v. Chr. angezeigt erscheint (Papaoikonomou 1982, Vorster 1983).

Publiziert:
P. Gercke, AA 1983, 530 Nr. 72 Abb. 108; Y. Papaoikonomou, BCH 106, 1982, 419 ff.; C. Vorster, Griechische Kinderstatuen (1983) 338 Nr. 20 Taf. 14, 2 Anfang 2. Jh. v. Chr.; Slg. Ludwig 1990, Nr. 240 (P. Gercke).


Literatur: Zum FO Asklepios-Heiligtum Lissos: G. Daux, BCH 83, 1959, 751 ff.; Y. Papaoikonomou, BCH 106, 1982, 419 ff. attischer Einfluss auf Votive, 3. Jh. v. Chr.; A. Hermary, BCH 107, 1983, 293 ff.; H. und M. van Effenterre, BCH 109, 1985, 155 ff.; Lauffer 1989, 397 s. v. Lissos, Hafenstadt von Hyrtakina (R. Scheer). – Zu den Statuetten: s. auch Kat. 1.32 bis 1.34.

(PG)

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