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Aphrodite Typ Halbbekleidete Pudica Bild1

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Aphrodite Typ Halbbekleidete Pudica
Statuentorso, unterlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 18

Römische Kopie, um 150–160 n. Chr. nach hellenistischem Vorbild des 2. Jhs. v. Chr.

Weißer, mittelkristalliner Marmor mit schrägen gräulichen Streifen

H mit Plinthe 118 cm
H des Torsos 110 cm



Zugang: Erworben 1777 durch Landgraf Friedrich II. in Rom.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Verloren: Kopf mit Hals, r. Arm ab Achsel, l. Unterarm mit Ellenbogen, Gewandknoten vor dem Schoß, Ränder der Zickzackfalten unter dem Knoten und der Steilfalten am Standbein. Vor 1777 Oberfläche geputzt, Schnitte und Abarbeitungen für Ergänzungen und Montage mit Kopf Sk 93 (Kat. 13.1, verschollen), Plinthe ringsum beschnitten, Schnittfläche vorn in dem Gewandbausch für die Muschelergänzung und das angrenzende Gewand zeigen keine Ansätze antiker Muschelform. Die frühere Ergänzung mit Muschel wird in Analogie zu damals bekannten Venus bzw. Nymphen mit Muscheln erfolgt sein. Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Restaurierung 1973/75: Marmor- und Gipsergänzungen sowie Eisendübel entfernt; gereinigt, Dübellöcher mit Gips geschlossen; mit Standdübel in Sockel eingesetzt.

Beschreibung: Aphrodite steht leicht vorgebeugt und zur Standbeinseite geneigt, die Beine dicht zusammen, den linken Spielbeinfuß etwas zurück und zur Seite gesetzt. Sie ist nackt bis auf das bodenlange Gewand, das bis auf die Oberschenkel herabgerutscht ist. Beide Oberarme sind gesenkt. Mit der rechten Hand fasste sie vor dem Schoß den Knoten im Gewandbausch, der von den Oberschenkeln unterhalb der Glutäen weiter herabzugleiten droht. Die Position des linken Unterarms ist aus dem leicht angespannten und etwas nach vorn und zur Seite geführten Oberarm anhand vollständigerer Wiederholungen zu erschließen; sie hielt ihn in der Regel etwa horizontal in einer schützenden Geste unterhalb der Brüste vor den Körper. Eine im Zickzack gefaltete Stoffbahn fällt vor den Beinen von dem Knoten bis auf die Plinthe herab. Vertikale Steilfalten hinter dem Standbein reichen vom Gewandbausch, der die Glutäen freilässt, bis auf den Boden. Das Gewand an Spielbein und Standbein außen beherrschen gleichartige, hochreliefierte Bogenkaskaden, die zur Mitte des Bausches vorn und hinten führen. Der Kopf war leicht geneigt und nach links gewendet. Die Figur ist auf den unübersehbaren Reiz des sich entblößenden weiblichen Körpers im Gegensatz zum dicht die Beine umschließenden Gewand hin angelegt. Die momentane Spannung des Entblößens verstärken motivisch der leicht vorgebeugte Körper und die enge labile Bein- und Fußstellung. Die Datierung der Kopie in frühantoninische Zeit stützt sich auf die gleichartige Gewandbehandlung an Porträtstatuen der Faustina Maior. Die Kasseler Statue gehört dem Typus ›Halbbekleidete Aphrodite Pudica‹ an, der frühhellenistischen Aphroditefiguren verpflichtet ist.

Das Motiv des gebauschten, auf die Schenkel herabgeglittenen Gewandes kommt erstmals bei der halbbekleideten Aphrodite Anadyomene vor. Von der Aphrodite Capitolina/Venus Pudica sind der Kopftypus mit großer Haarschleife und die wie schützend vor den Körper gehaltenen Hände abgeleitet. Der Figurentypus Halbbekleidete Aphrodite Pudica ist in gut 50 Wiederholungen und Varianten überliefert, die sich im Wesentlichen auf zwei Versionen verteilen. Die Gruppen I (ca. 30 Repliken, linkes Standbein, linke Hand fasst Knoten) und II (ca. 13 stärker variierende Repliken, rechtes Standbein, rechte Hand fasst Knoten) verbindet trotz unterschiedlicher Ponderation motivisch die Kopfwendung nach links und der am linken Oberschenkel höher sitzende Gewandbausch (Delivorrias 1984, Schröder 2004). Da in beiden Gruppen bereits späthellenistisch datierte Wiederholungen vertreten sind und seit jener Periode um 100 v. Chr. wechselseitige Beeinflussungen vorzuliegen scheinen, wird eine gemeinsame Entstehung des Figurentypus nach stilistischen Kriterien um 175–150 v. Chr. vorgeschlagen (Schröder 2004). Für die variierenden Wiederholungen und Nachbildungen, denen es zumeist auch an Fundort, Kontext und motivischer Vollständigkeit mangelt, bleiben weitere kopienkritische Fragen (exakte Repliken, Genese des Motivs in spiegelbildlichen Wiederholungen, Konzeptfiguren?) zukünftigen Studien vorbehalten.
Das Stand- und Gewandmotiv sowie der Kopftypus dienen in Verbindung mit variierenden Armhaltungen und Attributen neu kombinierten Figurentypen im Späthellenismus und in der römischen Kaiserzeit sowohl für Aphrodite als auch für Nymphen (statt Gewandknoten eine Muschel haltend) und für die Figurenkörper römischer Porträtstatuen.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 30 Taf. 22; LIMC II (1984) 78 Nr. 688 Taf. 69 s. v. Aphrodite (A. Delivorrias). – Im Museum Fridericianum 1777–1912: Tiedemann 1779a, 9 ff. Venus mit Muschel. – Im Musée Napoléon 1807–1815: Savoy 2003b, 36 f. Nr. 49 a Torso. b Kopf Sk 93 verschollen (Kat. 13.1), Najade mit Muschel, Abb. Zustand seit 1974; Martinez 2004, 147 Nr. 0248 Torso Abb. Zustand seit 1974.


Literatur: Zum Figurentypus Aphrodite/Venus Pudica wie Kat. 29 (r. Standbein, r. Hand fasst den Knoten des Gewandbausches vor dem Schoß): LIMC II (1984) 76 f. Nr. 688 ff. s. v. Aphrodite (A. Delivorrias); Schröder, 2004 Kat. 128 Gruppe II mit 13 Repliken; Antiqua, Woodland Hills (CA) Auktionskatalog 10.12.2001, Nr. A 15 Kleinbronze Variante, l. Hand fasst Knoten; Safany Gallery New York, Kat. 2002 Titelbild, Marmortorso mit Delphin, Hand fehlt. – Entgegengesetzt ponderierter Typus (l. Standbein, l. Hand fasst Knoten): LIMC II (1984) 82 Nr. 736 ff. s. v. Aphrodite (A. Delivorrias); Schröder, 2004 Kat. 128 Torso Prado 86-E, Gruppe I mit 30 Repliken; Marmorkopf Kassel Sk 93 (Kat. 13.1). Bieber 1915, Nr. 29 Taf. 27 Verlust seit 2. Weltkrieg ; Sotheby’s, Auktionskatalog 7.11.1977, Nr. 188 Taf. 41 Marmortorso. – Zu den Aphrodite-Typen Anadyomene und Pudica Rhodos: W. Neumer-Pfau, Studien zur Ikonographie und gesellschaftlichen Funktion hellenistischer Aphrodite-Statuen (1982) 157 ff. – Zum Figurentypus Nymphe/Venus? mit Muschel: M. Bieber, Ancient Copies (1977) 64 f. Abb. 228–238; E. Schraudolph, Römische Götterweihungen mit Reliefschmuck aus Italien. Altäre, Basen und Reliefs (1993) Anm. zu Kat.-Nr. N 6; LIMC VIII (1997) 891 Nr. 13 b s. v. Nymphai (M. Halm – Tisserant – G. Siebert); Reflections of the Past. Fortuna Fine Arts, New York, Auktionskatalog 2002, Nr. 34 Marmortorso, l. Standbein.

(PG)

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