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Gewandfigur Typ ›Kore‹ Wien Bild1

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Gewandfigur Typ ›Kore‹ Wien
Statuettentorso
Inv.-Nr. Sk 96

Griechische oder römische, verkleinerte Wiederholung nach dem griechischen Vorbild um 300 v. Chr.

Weißgrauer, feinkristalliner Marmor mit schrägen grauen Streifen.

H 46,5 cm
max. B 17,5 cm



Zugang: Alter Bestand. »Von R. Hallo [tätig 1923–1933] nach Erscheinen des Bieberschen Kataloges im Magazin gefunden« (Inventareintrag)


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Oberfläche rundum und Plinthe vorn stark bestoßen, teils brandverfärbt. Standfläche schwach gekehlt mit Randspiegel. Horizontaler Riss in Höhe der Oberschenkel hinten; diagonaler Riss im Bereich l. Ellenbogen und Hüfte. Verloren: abgebrochener Kopf mit Hals, r. Schulter und Arm, l. Hand, Plinthe vorn mit Fußspitzen und Chitonsaum. Im 2. Weltkrieg brandgeschädigt, r. Schulter mit Oberarm verloren, Risse und Sprünge. Reinigung 1953. Restaurierung 1973/75: Gipsergänzungen entfernt; gereinigt, gefestigt, Brüche geklebt, Standdübel montiert.

Beschreibung: Eine junge Frau in Chiton und Mantel steht frontal in enger Schrittstellung. Der verlorene Kopf war vermutlich zur schwach angehobenen linken Schulter gewendet. Den freiplastischen rechten Unterarm hatte sie wahrscheinlich seitlich nach vorn gehalten, wie eine schräge Verbindungsfläche an der Taille ungefähr ab Ellenbogenhöhe anzeigt. Der am Körper anliegende linke Arm und die Hand hielten die Mantelsäume fest. Der Körper ist nahezu ganz in einen eng anliegenden Mantel gehüllt. Der zu einem Faltenbausch gestaute obere Mantelsaum ist schräg von der linken Schulter zur rechten Achsel um den Oberkörper gelegt. Ein Ende des Bausches ist über die linke Schulter nach vorn unter den Diagonalbausch geführt und fällt seitlich neben dem Standbein weit herab. Den über die Schulter nach hinten geschlagenen Mantelsaum hat sie um den Arm gewickelt und gefasst. Der schräge Mantelsaum unten hängt auf der offenen Standbeinseite etwas höher und gibt den bodenlangen Chiton mit Steilfalten frei. Im Übrigen sind von dem auf der rechten Schulter geknüpften kurzärmeligen Untergewand nur noch der obere Saum und ein faltig gespanntes Stück bis zum diagonal zwischen den Brüsten liegenden Bausch des Mantels zu sehen. Die von der Taille ausgehenden und körpernahen großzügigen Bogen- und Zugfalten unterstreichen die schmalen Hüften und schlanken Proportionen der Beine. Die hochsitzende Taille über dem sanft vorgewölbten Bauch markieren kurze Querfalten und der Rand des Bausches unter der rechten Achsel. Der Oberkörper mit dem kräftigen Diagonalbausch erscheint relativ kurz im Verhältnis zu Unterkörper und Beinen. Der Kopftypus und das Attribut der rechten Hand sind verloren. Das Handlungs- und Figurenmotiv bleiben ungeklärt.

Das Stand- und Gewandmotiv ist dem Figurentypus ›Kore‹ Wien und der ›Urania‹ Vatikan verpflichtet (Möbius, Neutsch 1952, Kabus-Jahn 1963, Günter 1997). Diese in römischen Kopien überlieferten Frauenfiguren stehen typologisch in enger Verwandtschaft zueinander. Wegen ihrer geringfügigen Abweichungen voneinander und ihres zumeist fragmentarischen Erhaltungszustandes (fehlende Attribute und Köpfe, Porträtfiguren) bieten die bisher nicht sicher zu benennenden Figuren keine Gewähr zur motivischen Vervollständigung unseres Torsos. Der Figurentypus ist seit seinem Auftreten in spätklassischer Zeit sehr beliebt und in griechischer Zeit vor allem für göttliche und heroisierte Frauengestalten vielfältig und variabel verwendet worden: Muse mit der Doppelflöte (Auloi) der Mantineia-Reliefplatte Athen NM 216 (Ajootian 1996), Kore/Persephone auf den eleusinischen Weihreliefs Paris und Eleusis (Neutsch 1992 Taf. 23, 1; 25, 3) und statuarische Wiederholungen (Güntner 1997).

Der feste Stand und die wenig ausbiegende Standbeinhüfte sowie die frische und kräftige Modellierung der Vorderseite haben zu der erwägenswerten Einschätzung geführt, die Statuette als griechische Wiederholung des spätklassischen Grundtypus bald nach 300 v. Chr. entstanden einzustufen (Möbius, Kabus-Jahn 1963). Für eine hochhellenistische Datierung und für eine kaiserzeitliche Entstehung scheinen stilistische und bildhauerische Indizien zu fehlen, soweit der reduzierte Erhaltungszustand darüber Aussagen zulässt. Die typologische Nähe zu den spätklassischen bis frühhellenistischen Werken und die Verbreitung stilistisch verwandter Gewandfiguren in Statuettenform und auf Reliefs in Griechenland zu jener Zeit widersprechen jedenfalls nicht diesem Datierungsvorschlag.

Publiziert:
EA 4243 (H. Möbius); B. Neutsch, Studien zur Vortanagräisch-Attischen Koroplastik, JdI Ergh. 17 (1952) 45 Nr. 2 Taf. 25, 1; R. Kabus-Jahn, Studien zu Frauenfiguren des vierten Jahrhunderts v. Chr. (1963) 7 Anm. 25.


Literatur: Zum Figurentypus ›Kore‹ Wien: B. Neutsch, Studien zur Vortanagräisch-Attischen Koroplastik, JdI Ergh. 17 (1952) Taf. 22–23; R. Kabus-Jahn, Studien zu Frauenfiguren des vierten Jahrhunderts v. Chr. (1963) 7 Anm. 25; Helbig I, 4. Auflage (1963) Nr. 138 (H. v. Steuben); Fuchs 1979, Abb. 238 Replik Wien; LIMC VIII (1997) 958 Nr. 10 Taf. 641 s. v. Persephone (G. Güntner) Replik Wien. – Zum Figurentypus ›Urania‹ Vatikan 293: Lippold 1936, Nr. 504 Taf. 8; Neutsch a. O. Taf. 24–25; Kabus-Jahn a. O.; Helbig I, 4. Auflage (1963) Nr. 64 Variante der praxitelischen Kore/Persephone (H. v. Steuben); LIMC VIII (1997) 958 Nr. 13 s. v. Persephone (G. Güntner) Benennungen ungesichert. – Zum Figurentypus Kore / ›Urania‹ Florenz Uffizien Inv. 1914-20: AK Paris 2007, 302 Abb. 207 (J.-L. Martinez). – Zu den Mantineia-Reliefs: I. Linfert-Reich, Musen- und Dichterinnenfiguren des vierten und frühen dritten Jhs. v. Chr. (1971); A. Ajootian in: Palagia – Pollitt 1996, 122 ff. Abb. 68; AK Paris 2007, 91-93 Abb. 65-67. 81-82 Kat. 16 Abb. (A. Pasquier). – Zu Praxiteles: Vollkommer 2004, 305 ff. s. v. Praxiteles (II) (W. Geominy).

(PG)

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