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Ausruhender Satyr Bild1

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Ausruhender Satyr
Statuettenkopf
Inv.-Nr. Sk 28

Römische Wiederholung, um 150–170 n. Chr. nach griechischem Vorbild um 340–330 v. Chr. von Praxiteles.

Weißgrauer, feinkristalliner Marmor

H insgesamt 17 cm
H Kinn bis Scheitel 15,5 cm
Kinn bis Haaransatz 10,5 cm



Zugang: Alter Bestand


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Hals gebrochen. Rundum verwittert und bestoßen, insbesondere der füllige Haarkranz, Nase, Kinn. Vermutlich im 18. Jh. Oberfläche geputzt. Abarbeitungen: auf dem Oberkopf Loch für Anstückung (?), zwischen Kalotte und voluminöser Lockenfrisur für Band oder Kranz (?), oben am Stirnrand und Haar, unten am Nackenhaar. Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Im 2. Weltkrieg brandgeschädigt. Restaurierung 1985: gereinigt.

Beschreibung: Der leicht nach rechts gewendete und nach links geneigte Kopf ist eine verkleinerte Wiederholung des Ausruhenden Satyrs. Der zum Lächeln tendierende Gesichtsausdruck, die Spitzohren und die Haartracht mit markanten Locken dieses Figurentypus finden sich trotz starker Bestoßungen und formatbedingter Vereinfachung an unserem Miniaturkopf wieder. Im Zentrum des flach anliegenden Kalottenhaares befindet sich ein Wirbel (›Spinne‹) mit Sichellocken, umgeben von bis zu zwei weiteren Reihen gegenläufiger Sichellocken, deren Spitzen an einer ringsum den Kopf führenden flachen Eintiefung für einen zu ergänzenden oder zu applizierenden Kranz enden. Daran schließt ein voluminöser Lockenkranz an, der hinten in zwei Reihen noch den Nacken bedeckt und seitlich wie vorn sich zunehmend in mehrschichtige bewegte Haarbüschel auflöst. Die hohen Spitzohren fügen sich in den Lockenkranz ein. Von den satyrtypischen bewegten Haarbüscheln sind nur zwei Locken am rechten Schläfenansatz, die Locke vor dem rechten Ohr sowie die zwei Locken am linken Schläfenansatz und vor dem Ohr erhalten. Die aus der Stirn emporsprießenden, teils liegenden teils emporstehenden Haarbüschel sind entweder bis auf ihre Kernmasse abgestoßen oder abgearbeitet. Demzufolge erscheint die Stirn weniger differenziert, schlichter gerundet und zeigt eine vereinfachende bogenförmige Begrenzung zum Haaransatz. Den satyresken Ausdruck hat dieses Gesicht weitgehend eingebüßt. Es wirkt kindlich, fast puttenhaft durch seine mandelförmigen Augen mit geritzter Iris und bootförmig gebohrter Pupille, seine fülligen Wangen und den breiten Mund. Derartige Tendenzen zu Verweichlichung bis Unterdrückung der ursprünglich animalischen Indizien in seiner Physiognomie – niedrige unregelmäßige Stirn, struppige Stirnhaare, wild bewegte zottelige Haarbüschel, schwere Oberlider, schelmisch-mutwilliger Ausdruck – sind bereits bei einigen römischen Kopien wie insbesondere bei den neuzeitlich restaurierten oder hinzugefügten Köpfen zu beobachten. Soweit der fragmentarische und überarbeitete Zustand eine Beurteilung gestattet, sind die voluminösen, Meißel- statt Bohrarbeit zeigenden Locken des Haarkranzes mit der Haarwiedergabe auf Hinterköpfen des Lucius Verus vergleichbar (s. hier Kat. 4.15). In diese mittelantoninische Zeit weist auch die gravierte Augendarstellung.

Unter den miniaturhaften Wiedergaben – im Größenbereich von ca. 60 cm bis 125 cm – nach dem lebensgroßen Vorbild des Ausruhenden Satyrs sind bisher vier gesicherte antike Kopfwiederholungen bekannt (Bartman 1992, 87 ff. Anm. 126; Athen Hotel King George, Verbleib? und Kat. 2. 7. 19). Bei weiteren sechs Köpfen (Bartman 1992, Nr. 8. 9. 10. 17. 18 und Kunsthandel Luzern 1977) ist fraglich, ob sie beträchtlich restauratorisch überarbeitet oder modern sind. Für unseren Kopf von einer etwa 120 cm großen Statuette findet sich keine physiognomische Parallele unter den Miniaturwiederholungen, die ihrerseits eine große Variationsbreite aufweisen. Die allgemein gefälligeren bis verniedlichenden Gesichtszüge treten vor allem bei verkleinerten römischen Wiederholungen nach jugendlichen griechischen Idealfiguren auf. Diese kleinen, aber wirkungsvollen Abweichungen scheinen kaiserzeitlichen Bildhauern wie Auftraggebern – in Kenntnis kindlicher bis jugendlicher Satyrfiguren der hellenistischen und zeitgenössischen Plastik – geeignet, den motivisch bereicherten Satyr-Pais sowohl in seinem Lebensalter prägnanter darzustellen als auch idealtypisch in das Genremotiv der Satyrfamilie einzubinden.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 34 Taf. 28.


Literatur: Zum Typus ohne diese Statuettenreplik: P. Gercke, Satyrn des Praxiteles. (Diss. Hamburg 1968); Vierneisel-Schlörb 1979, Nr. 32 Abb. 165–179; AK Basel 1992, 128 ff. Kap. 28 Abb. 355 (E. Berger); Bartman 1992, 51–101 grundlegend für Miniaturkopien, 87 ff. Replikenliste; Vorster 1993, Nr. 20–22 Abb. 100–109; Giuliano 1995, 204–215 Nr. 54-56 Abb. Köpfe (E. Ghisellini); Schröder, 2004 Kat. 117 Abb.; AK Paris 2007, 236-248 Abb. 143-152, 258-259 Replikenliste, 171–177 Kat. 60-63 Abb. Repliken (J.-L. Martinez). – Kopfreplik einer Statuette: Kunsthandel Luzern Freddie Küng 1977, H 18 cm, Kinn bis Stirn 13,5 cm. – Zu Praxiteles: A. Ajootian in: Palagia – Politt 1996, 116; Vollkommer 2004, 308 f. s. v. Praxiteles (II) (W. Geominy).

(PG)

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