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Ephebe Typ Dresden Bild1

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Ephebe Typ Dresden
Statuentorso, unterlebensgroß.
Inv.-Nr. Sk 12

Römische verkleinerte Kopie, 130–150 n. Chr. nach griechischem Vorbild um 430–420 v. Chr.

Weißer, feinkristalliner Marmor, l. Unterschenkel rostbraun verfärbt.

H 89 cm
Distanz Halsgrube bis Penisansatz 34,5 cm
Halsgrube bis Nabel 24,5 cm
Distanz Brustwarzen 16 cm



Zugang: Erworben 1777 durch Landgraf Friedrich II. in Rom.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Oberfläche mit kleinen Kratzern, Kerben, Abplatzungen; Rücken porös aufgeraut. Verloren: Kopf mit Hals, r. Arm ab Bizeps, l. Unterarm, Spitze des Penis, r. Bein ab der Oberschenkelmitte, l. Fuß mit Gelenk, Plinthe mit Stütze hinten am Standbein. Puntello an l. Hüfte abgearbeitet; Ansatz der Statuenstütze am r. Oberschenkel unter dem Glutäus. Vor 1777 Oberfläche geputzt, Schnitte und Abarbeitungen für Ergänzungen und Montage mit Kopf Kat. 2.9, innen am l. Oberarm Eintiefung für moderne Klammer zur Unterarmergänzung; l. Unterschenkel verfärbt durch eingeschlossene oder eingedrungene Minerale. Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Vorläufige Sicherungsmaßnahmen 1953. Restaurierung 1973/75: Brüche und Anstückungen gelöst; restliche Gips- und Marmorergänzungen, Eisendübel, Bleireste entfernt; gereinigt, zusammengesetzt, Fugen und Dübellöcher mit Gips geschlossen; mit Standdübel gesockelt.

Beschreibung: Der nackte Knabe steht aufrecht in verhaltenem engen Schrittstand. Er hält die beiden gesenkten Oberarme körpernah; die Unterarme scheint er neben den Oberschenkeln geringfügig vorgestreckt zu haben. Den Kopf hatte er dem etwas steileren linken Halsansatz zufolge etwas nach links gewendet. Das linke Spielbein setzt er ein wenig zur Seite, wobei er den Oberschenkel minimal vorstreckt und den Unterschenkel zurücknimmt. Entsprechend der Beinstellung ist der Körper gegensätzlich und ausbalanciert ponderiert. Auf der Standbeinseite mit angehobenem gewölbten Becken ist der Oberkörper gestaucht und die rechte Schulter gesenkt. Auf der Spielbeinseite mit enlastetem Becken ist der Oberkörper über der Taille gestreckt und die angespannte linke Schulter erhoben. Der Körper mit Pubes ohne Schamhaar und kleinem Geschlecht gibt einen Epheben wieder, der seiner Muskulatur nach das gymnisch-sportliche Training bereits aufgenommen hat. Vorn bestimmen knappe feste Formen in segmentartigen Gliederungen den bogig bewegten Rumpf, hinten formen komplementäre kräftige Muskelpartien und ein S-kurvig bewegtes Rückgrat eine weichere, durchgängig fließendere Körpergestalt.

Haltung, Bewegung und Ponderation sowie die gegensätzliche Ausformung der Vorder- und Rückseite des Rumpfes weisen unseren Torso als Wiederholung des Figurentypus Dresdener Knabe aus. Im Format ist er auf ca. 1,10 m Höhe gegenüber dem 1,51 m großen Vorbild Dresden Hm 88 reduziert (Berger 1992). Wie bei dem anscheinend ebenso verkleinerten Torso Brunswick (Linfert 1990, Nr. 119 Abb.) ist der differenzierte Bewegungsablauf der Körperglieder vereinfacht und der Rumpf steiler aufgerichtet. Die im Vergleich mit der großformatigen Replikenserie abgeschwächten Akzentuierungen und die Verkleinerung erwecken den Anschein weiterer Verjüngung. Das Vorbild ist insgesamt in mindestens elf römischen Wiederholungen (1 Statue, 7 Körperrepliken, 2 verkleinerte Versionen, 1 Kopf) überliefert (Zanker 1974, Berger 1992, Vorster 1993). Aufgrund spiegelbildlicher Zitate in der römischen Kaiserzeit könnte für das Vorbild ein Schabeisen (Strigilis) in der rechten Hand zu ergänzen sein, und damit wäre es als Idealfigur eines Palästriten zu deuten. Das Standmotiv und die Haltung des Kopfes übernimmt eine Pan/Paniskos-Statue der ›Polykletschule‹ (Linfert 1990). Statuarische Nachbildungen bzw. Umbildungen der Kaiserzeit verwenden den Typus für Eros (?) mit Schwertband und Flügeln sowie weitere mythologische Adaptionen.

Seit langem bemüht sich die Forschung darum, die Beziehung des Statuentypus Ephebe Dresden zu dem motivisch, typologisch und stilistisch verwandten Figurentypus Ephebe Westmacott zu klären (s. Kat. 1.12). Beide Figuren treten in der Kaiserzeit als Pendantfiguren auf und werden in der eklektischen Gruppe von San Ildefonso partiell zitiert. Der Ephebe Dresden wird wegen seiner etwas athletischeren Körperbildung und der dem Doryphoros verpflichteten Beinstellung und Ponderation mit gesenkten Oberarmen für die ältere der beiden Knabenstatuen gehalten. Der Ephebe Westmacott in seinem grazileren und seitenverkehrten Aufbau mit einem erhobenen Arm gilt eher als ein selbständigeres, stilistisch etwas jüngeres Werk. Über die Zusammengehörigkeit oder die Abhängigkeit der beiden Figurentypen wie über die Datierungs- und Meisterfrage wird kontrovers diskutiert (s. Kat. 1.12). Die motivisch unvollständigen Repliken und die geringe Kenntnis von Befunden und historischen Kontexten der römischen Wiederholungen gestatten derzeit nicht, ohne grundlegend neue Bestandserfassung den Anteil zeittypischer Elemente an den Kopien so exakt zu bestimmen, dass ihre ikonographischen und stilistischen Gemeinsamkeiten bezüglich des vermuteten Vorbildes hinreichend zu erschließen sind.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 9 Taf. 16; P. Kranz, RM 85, 1978, 244 ff. Taf. 108; AK Basel 1992, 168 ff. Kap. 34-Z Abb. 456 (E. Berger); A. Linfert in: P. C. Bol (Hrsg.), Forschungen zu Polyklet (1993) 141 ff. Replikenliste. – Im Museum Fridericianum 1777–1912: Tiedemann 1779b, 8 f. Apollo? – Im Musée Napoléon 1807–1815: Savoy 2003b, 35 f. Nr. 48 a Torso. b Kopf, Apoll mit Bogen, Abb. Zustand seit 1974; Martinez 2004, 33-34 Nr. 0022 Abb.


Literatur: Zum Typus Knabe Dresden: Arnold 1969, 64 ff. 257 ff. Replikenliste; T. Lorenz, Polyklet (1972) 40 ff.; Zanker 1974, 24 f. Nr. F Taf. 27, 1. 4. 6; 29, 5–6. Nr. 22 Eros mit Schwertband; AK Frankfurt 1990, 244 f. Abb. 100; 104 a. b. 595-599 Kat. 117–122 (A. Linfert); AK Basel 1992, 168 ff. Kap. 34 Abb. 206. 208–209. 213–215. 219. 221. 456–457. 461–471. 473–484 (E. Berger); G. Hafner, Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 23, 1992, 7 ff.; Vorster, Vatikan II 1 (1993) Nr. 14 Kopfreplik, Nr. 15 Abb. 78–81 Torso Variante. – Zu Umbildungen: Zanker 1974, 19 ff. 24 ff. 28 ff.; AK Frankfurt 1990, 601-602 Kat. 126 Abb. (A. Linfert) Pan/Paniskos, ›Polykletschule‹; AK Frankfurt 1990, 350 f. (C. Maderna-Lauter); Schröder, 2004 Kat. 179 Abb. Dionysos. – Zum Typus Ephebe Westmacott s. Kat. 1.12.

(PG)

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