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Weiblicher Kopf mit Diadem Bild1

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Weiblicher Kopf mit Diadem
Von einer Statue (?), unterlebensgroß.
Inv.-Nr. ALg 137

Peloponnesisch, um 500 v. Chr.

Weißer tuffartiger Kalkstein (Poros), braun patiniert.

H insgesamt 25,2 cm
Kinn bis Stirnhaaransatz 13 cm
Kinn bis Halsbruch (ca. Schulteransatz) 7,5 cm
Haarreif H ca. 2,5 cm.


Fundort: Palaia Epidauros (?)

Zugang: Leihgabe aus Privatbesitz seit 1973.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt, Hals am Schulteransatz gebrochen.
Oberfläche sehr stark korrodiert, porig ausgewaschen, bestoßen, mit tiefen Kerben und vielen kleinen Löchern; eine senkrechte Furche (Wasserlaufrinne?) durchzieht das Gesicht vom Oberkopf zwischen Nase und l. Auge bis zum Kinn; größere Löcher (Dm ca. 9 mm) im r. Schläfenhaar und Nackenhaar. 28 konische Bohrlöcher (Dm 5–7 mm, Tiefe 20–25 mm) von Ohr zu Ohr am unteren Rand des Haarreifes. Hellbraune Patina, kleine Sinterflecken. Restaurierung 1973/75: Oberfläche gereinigt, gedübelt, Standdübel montiert.


Beschreibung: Der Kopf mit Hals könnte von einer etwa 2/3 lebensgroßen Figur stammen. Das rundlich ovale Gesicht mit lächelnd geschlossenem Mund, mandelförmigen und von kräftigen Lidern umrandeten Augen sowie die Frisur mit breitem Haarreif sind trotz schlechter Erhaltung noch zu erkennen. Vom Mittelscheitel ist das volle, dicksträhnige Stirnhaar in wenigen Wellen zur Seite gekämmt. Es bedeckt die Schläfen und staut sich vor den Ohren auf den Wangen zu einem kleinen Bausch. Der breite flache Reif umschließt die kleine Kalotte. Von einem leicht aus der Mitte nach rechts verschobenen Wirbel gehen konzentrisch und in drei Wellen gelegt gekräuselte, sich verbreiternde Haarsträhnen aus. Am Hinterkopf unterhalb des Reifes bilden sie ein von Ohr zu Ohr reichendes flächiges Nackenhaar, das in getreppter Form die linke Halsflanke stärker bedeckt und sich bis über den Halsbruch fortsetzt. Die dichte Reihe der Bohrlöcher am unteren Rand des Reifes hat vermutlich gestiftete Applikationen zur Schmückung der Vorder- und Seitenansichten aufgenommen. Daher wird der diademartige Reif wohl von den Applikationen im Wesentlichen verdeckt gewesen sein. Die größeren, unregelmäßigen Löcher im rechten Schläfenhaar und im Nackenhaar sind vielleicht mit weiteren Anstückungen oder Reparaturen zu erklären. In der blockhaften Struktur des Kopfes sind Asymmetrien abzulesen. Anscheinend war der Kopf nach links gedreht, wie auch das schräg anliegende Nackenhaar und die entblößte rechte Halsflanke andeuten. Die schnitzartigen Werkspuren sind materialtypisch für den in jener Zeit häufiger verwendeten weichen Kalkstein.

Das Gesicht mit den etwas vorquellenden mandelförmigen Augen, dem archaisch lächelnden Mund und die Haartracht mit dem diademartigen Reif sind vor allem von spätarchaischen weiblichen Figuren bekannt, die in aller Regel nach vorn fallende Schulterlocken neben dem getreppten Nackenhaar zeigen. An unserem Kopf könnten die größeren horizontalen Bohrlöcher bzw. Bohrgänge im Nackenhaar zur Montage von angestückten Schulterlocken gedient haben. Die kleinen Löcher am Diademrand mögen schmückende Applikationen aufgenommen haben. In applizierter und reliefierter Form sind bei vielen weiblichen Figuren allgemein dekorative Ornamente (z. B. Blüten für Koren) angebracht, gelegentlich auch figurenspezifische Attribute (z. B. Schlangen für Athena). Da der Kopf eine deutliche Seitenwendung und Asymmetrien aufzuweisen scheint, ist zu erwägen, ob er mit einem Körper in Seitenansicht (Sphinx? Nike-Akroter?) oder mit einer teils rundplastisch ausgearbeiteten bewegten Giebelfigur verbunden war. Der fragmentarische Zustand gestattet keine nähere Festlegung des Figurentypus.

Die Datierung in die spätarchaische Stilstufe des späten 6. Jhs. v. Chr. ist in Analogie zu vergleichbaren Koren- und Sphingenköpfen gegeben. Für eine präzisere zeitliche und regionale Bestimmung innerhalb der peloponnesischen Porosplastik oder benachbarter Regionen fehlen vergleichbare Skulpturen. Wegen der angeblichen Herkunft aus Palaia Epidauros gebührt diesem bescheidenen Kalksteinfragment Aufmerksamkeit, da aus der archaischen Hafenstadt bisher nur Marmorskulpturen bekannt sind (Lamprinoudakis 1980).

Publiziert:
Unpubliziert.


Literatur: Zu den Koren: Athen Akropolis 643 (Applikationstechnik): Boardman 1981, Abb. 154; Athen Akropolis 660 (Gesicht, Frisur): G. M. A. Richter, Korai (1968) Nr. 114; Athen Akropolis 688 (Stirnhaare): Boardman a. O. Abb. 161; Berlin 1851 (Haare): Richter a. O. Nr. 165; Athena des Gigantomachie-Giebels, Athen Akropolis 631 (Applikationstechnik): Boardman a. O. Abb. 199, 1. – Zur archaischen Plastik von Palaia Epidauros: V. Lamprinoudakis in: Stele. FS N. Kontoleon (1980) 473 ff. Taf. 214–223; A. Archontidou-Argyri in: Stele. FS N. Kontoleon (1980) 358 ff. Taf. 159–163. – Zu spätarchaisch-peloponnesischer Porosplastik: Comstock – Vermeule 1976, Nr. 14 Abb. Kore (Poros) aus Sikyon?; B. S. Ridgway, The Archaic Style in Greek Sculpture (1977) 38 ff. mit Ziff. 7. 42 (Lit.). 331 Index s. v. limestone; J. Floren, Die geometrische und archaische Plastik, HdArch (1987) 189 f. (Korinth). 206 f. (Epidauros); Cl. Rolley, La Sculpture Grecque. Des origines au milieu du Ve siècle (1994) 59. – Zu Palaia Epidauros: C. B. Kritzas, AAA 5, 1972, 186 ff.; N. D. Papachatzis, Παυσανιου Ελλαδος Περιηγησις II (1976) II 27, 6–29, 2; Lauffer 1989, 219 f. s. v. Epidauros (D. Hennig).

(PG)



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