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Aschenurne Cornelia Epitychia Bild1

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Aschenurne Cornelia Epitychia

Inv.-Nr. Sk 54

Flavisch, 70–100 n. Chr.

Weißer, kleinkörniger Marmor mit dunklen Adern.

Kasten: H 24,5 cm
B 33 cm
T 28 cm
Deckel: H 8,5 cm
B 34 cm
T 28,5 cm



Zugang: Alter Bestand, wahrscheinlich im 18. Jh. erworben.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Ergänzungen vor 1777: Basis mit Blattkyma und Füßchen, Deckel, am Kasten: zentrale Blüte der Girlande, seitlich überstehende Partie von Kopf und Körper des r. Adlers. Flickungen am unteren und r. Rand der Tabula, an l. unterer Ecke des Kastens und an dessen oberer Leiste. Ammonsköpfe sowie obere und untere Leiste bestoßen. Riss auf VS durch Tabula und Lünette. Zahlreiche kleinere Verletzungen der Oberfläche. Kleines rezentes Bohrloch in Tabula. Brandspuren im Bereich der Vögel und der Girlande. Oben auf der r. NS drei, auf der l. NS vier kleine Löcher mit Resten von Bleiverguss. Restaurierung 1985 und 2001: gereinigt.

Beschreibung: Der querrechteckige, dickwandige Kasten ist innen vollständig ausgehöhlt. Seine Oberkante ist mit einem Falz für einen Deckel ausgestattet. Die unverzierte Rückseite des Kastens ist mit dem Zahneisen bearbeitet. An Front und Nebenseiten verläuft oben und unten eine gerillte Leiste. An die obere schließt auf der Vorderseite eine Tabula mit profilierter Rahmung an. Sie trägt die Inschrift CORNELIAE · Q · L | EPITYCHIAE | Q · CORNELIVS · Q · LIB | NARCISSVS · CONIVGI | SVAE · FECIT. Sie besagt, dass Quintus Cornelius Narcissus, Freigelassener des Quintus, die Urne für seine Ehefrau Cornelia Epitychia, Freigelassene des Quintus, anfertigen ließ.

Auf den vorderen Ecken des Kastens sitzen oben Ammonsköpfe, an deren Widderhörnern auf der Front eine Fruchtgirlande mit Tänien befestigt ist. Die Lünette zeigt einen schwebenden, nackten jungen Mann, der sich ihrem Umriss anpasst. Er hält ein Manteltuch, dass sich bogenförmig über seinem Kopf bläht und dessen Enden zu den Seiten wegwehen. Unten an den vorderen Kastenecken sitzen Adler mit ausgebreiteten Schwingen, die in Richtung der Tabula aufblicken. In den Zwickeln unter der Girlande sind zwei nach außen gewandte Vögel zu sehen, die an den Früchten picken.

Das Bildfeld der Vorderseite ist dicht gefüllt. Die Girlande hat kaum plastische Substanz. Sie ist durch Bohrungen stark aufgelöst, so dass der Reliefgrund durchscheint. Ein Netz aus Bohrstegen verbindet die Früchte, die miteinander zu verschmelzen scheinen und sich annähernd auf einer Reliefebene mit den Vögeln befinden.

Die Nebenseiten nimmt jeweils ein großer Rundschild mit Schildbuckel ein. Hinter ihm schauen oben und unten die Spitzen von zwei diagonal angeordneten Speeren oder Lanzen hervor.

Das Giebelfeld des flach geneigten neuzeitlichen Dachdeckels mit Eckakroteren zeigt zwei Vögel, die an einer Frucht picken. Laufende Reihen einzelner Bohrungen prägen den Reliefstil. Der First teilt die schräge Dachfläche in zwei Felder mit je zwei rosettenförmigen Blüten inmitten kreisartig geschwungener Ranken.

Der Kasten gehört zu einer Aschenurne stadtrömischer Produktion. Die dichte Füllung des Bildfeldes auf der Vorderseite mit vielfältigen Motiven und der Reliefstil der Girlande sprechen dafür, dass der Kasten in flavischer Zeit entstanden ist (Sinn 1987, 34. 141). Die Rahmung durch gerillte Leisten ist ebenso charakteristisch für das Dekorschema flavischer Marmorurnen wie die Kombination von Ammonsköpfen als Girlandenträger mit Adlern an den unteren Ecken. Die Urnenproduktion erreicht in der flavischen Epoche sowohl zahlenmäßig als auch in der Bandbreite der Dekormotive ihren Höhepunkt (Sinn 1987, 31 ff.).

Der Kasseler Kasten stammt wahrscheinlich aus derselben Werkstatt wie eine Urne in New Yorker Privatbesitz, die mit ihm sowohl im Dekorschema als auch in dem Lünettenmotiv übereinstimmt (Newbold 1925; Sinn 1987, 22. 141). Dessen Bedeutung ist bislang nicht geklärt. M. Bieber (1915) sieht in dem schwebenden jungen Mann einen Genius. Es ist auch denkbar, dass es sich bei dem Motiv um eine römische Version des griechischen geflügelten Eidolon handelt, das die Seele des Verstorbenen repräsentiert (Sinn 1987, 61). Ammonsköpfe und Adler sind der offiziellen Bildsprache entnommen. Die erstgenannten sind ein Symbol der Stärke und des Schutzes. Sie stehen in enger Beziehung zum Iupiterkult. Das gleiche gilt für die Adler, die in der staatlichen Propaganda zugleich als Zeichen von Herrschaft und Macht erscheinen. In der privaten Sepulkralkunst sollen beide dem Grab Würde verleihen und den Verstorbenen göttlichen Schutz sichern (Sinn 1987, 59. 70).

Die Girlande ist ein ursprünglich sakrales Motiv, das in der offiziellen Bildpropaganda der frühen Kaiserzeit eine wichtige Rolle als Symbol der Pietas und der Fülle spielt. In der Grabkunst verweist es sowohl auf sepulkrale Riten als auch auf die Frömmigkeit der Verstorbenen und deren Rangerhöhung (Zanker 1990, Herdejürgen 1996).

Ein Schild vor gekreuzten Speeren ist seit claudischer Zeit als Dekor für die Nebenseiten von Marmorurnen belegt. Die Waffen können als allgemeine Chiffre für das eher männlich aufgefasste Ideal der Virtus (Tüchtigkeit) verstanden werden. Nur in Ausnahmefällen dienen Urnen mit Waffendekor der Bestattung von Frauen (Sinn 1987, 71 f.). Zu diesen Ausnahmen zählt auch das Kasseler Exemplar, in dem laut Inschrift eine Frau beigesetzt war. Ihr Ehemann Narcissus hat offensichtlich eine vorgefertigte Urne aus dem Angebot einer Bildhauerwerkstatt ausgewählt und nur noch die Inschrift hinzufügen lassen. Ihr zufolge waren Cornelia Epitychia und ihr Mann Freigelassene, die zu den Mittelschichten der kaiserzeitlichen Gesellschaft zählten. Deren Angehörige wurden besonders von der Mitte des 1. Jhs. n. Chr. an häufig in verzierten Marmorurnen bestattet (Sinn 1987, 84 ff.). Das erhöhte Repräsentationsbedürfnis derartiger sozialer Aufsteiger spiegelt sich in der reichen dekorativen Ausgestaltung ihrer Urnen wider (Sinn 1987, 85 f.). Die Urne der Cornelia Epitychia war möglicherweise in einer Gesindegrabkammer ihrer Patronatsfamilie aufgestellt. Auch ein Columbarium eines Begräbnisvereins käme als Aufstellungsort in Frage (Sinn 1987, 85 f.).

In der flach geneigten Dachform und den Vögeln im Giebelfeld orientiert sich der neuzeitliche Deckel an antiken Parallelen. Dies entspricht der Restaurierungspraxis des 18. Jhs., deren Ziel eine möglichst korrekte Vervollständigung antiker Fragmente war (Sinn 1987, 3. 33 f.; Müller-Kaspar 1988). Der starke Einsatz des Bohrers entspringt eventuell dem Streben nach stilistischer Angleichung an den antiken Bestand. Im 18. Jh. war es üblich, den Urnen eine Basis hinzuzufügen, obwohl in der Antike nur Grabaltäre, nicht aber Urnen mit einer solchen ausgestattet waren (Sinn 1987, 3. 12). Die zentrale Blüte der Girlande entpuppte sich erst nach der jüngsten Restaurierung und Reinigung des Stückes als ergänzt.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 82; F. Sinn, Stadtrömische Marmorurnen (1987) 141 Nr. 196 Taf. 39 e. – Im Musée Napoléon 1807–1815: Savoy 2003b, 30 f. Nr. 39 Abb. Zustand seit 1974; Martinez 2004, 525 Nr. 1058 Abb. Zustand seit 1974. – Zur Inschrift: CIL VI 3, 16382.


Literatur: F. Sinn, Stadtrömische Marmorurnen (1987) 3. 12. 22. 31 ff. 59. 61. 70 ff. 84 ff. – Zum Dekor: P. Zanker, Augustus und die Macht der Bilder, 2. Auflage (1990) 122 f. 276 f.; H. Herdejürgen, ASR 6, 2 (1996) 25 f.; W. R. Newbold, AJA 29, 1925, 366 ff. Abb. 6. 7. – Zu den neuzeitlichen Ergänzungen: Müller-Kaspar 1988, 97 ff. 110 ff.

(NZE)

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