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Porträt eines Mannes Bild1

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Porträt eines Mannes
Einsatzkopf, überlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 94

Tetrarchisch, um 290 n. Chr.

Weißer, mittelkristalliner Marmor mit dunklen Adern.

H 38 cm
H Kinn bis Scheitel 25,5 cm



Zugang: Erworben 1913 im Kunsthandel Rom. (Ex Slg. Hartwig)


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Vorn am Brustansatz abgesplittert. Nasenspitze abgebrochen. Im 2. Weltkrieg durch Brand stark geschädigt, Oberfläche an l. Stirnhälfte und Schläfe über das l. Auge hinweg bis zur Wange abgeplatzt, zunächst großflächig schwarz verfärbt. Ohrmuschelränder bestoßen. Kleine Verletzungen an Frisur, Bart und rechter Augenbraue. Restaurierung 1973/75: gereinigt, Standdübel montiert. 2001 gereinigt, mit Standdübel gesockelt.

Beschreibung: Der überlebensgroße Kopf ist zum Einsetzen in eine Statue hergerichtet und wendet sich nach links. Er sitzt auf einem kräftigen Hals, der aus einem knappen Brustansatz herauswächst. Der Kopf hat eine gestreckte stereometrische Form mit kantig umbiegenden, geraden Seitenflächen. Das längliche, stumpf rechteckige Gesicht läuft von der Höhe des Unterkiefers an schräg auf das Kinn zu. Die hohe Stirn mit dem stark zurückweichenden Haaransatz und den Geheimratsecken weist zwei kurze, flüchtig eingeritzte Querfurchen auf. Die schmalen, kordelartig geritzten Augenbrauen sind beinahe dreieckig hochgezogen. Über der Nasenwurzel ziehen sie sich zusammen, so dass dort zwei tiefe vertikale Falten entstehen. Unter den ausgekehlten glatten Orbitalen liegen die übergroßen, asymmetrisch angelegten Augen, die das Gesicht dominieren. Sie quellen etwas vor und wirken in den weiten Öffnungen wie aufgelegt.

Rillen begrenzen die dicken schweren Lider, die für eine starke Konturierung der Augen sorgen. Während das obere Lid bogenförmig geschwungen ist, verläuft das untere fast gerade. Die gebohrten Tränenkanäle weisen leicht nach unten. Eine jeweils vom inneren Augenwinkel ausgehende Falte begrenzt die stark ausgebildeten Tränensäcke. Die doppelte Pupillenbohrung mit Zwischengrat sitzt innerhalb der kleinformatigen Iris knapp unter dem Oberlid. Der schielende starre Blick richtet sich nach oben ins Unbestimmte. Die deutlich vorspringende, schiefe Nase war anscheinend gebogen. Die Nasolabialfalten sind flüchtig und oberflächlich eingetragen. Der Mund ist gegenüber der Nase nach rechts versetzt. Feine Rillen umgrenzen seine schmalen Lippen, die wie aufgelegt und an die Lippenspalte angefügt wirken. Punktbohrungen geben die Mundwinkel an. Eine oberflächliche dreieckige Rille in der Kinngrube grenzt die Kinnkuppe ab. Die Wangen sind etwas eingefallen, ihre spitzen Knochen treten deutlich hervor. Das ganze Gesicht mit seinem harten knappen Inkarnat ist von starken Asymmetrien duchzogen und wirkt etwas gezerrt. Die Oberfläche der Hautpartien ist poliert.

Oberlippen, Wangen und Kinn bedeckt ein kurzer Bart, der mit der Gesichtsoberfläche verschmilzt und mit kurzen flüchtigen Meißelschlägen eingeritzt ist, die in unterschiedliche Richtungen laufen. Das kurzgeschorene kappenartige Haar mit Koteletten ist in der gleichen Weise angegeben. Zum flach abfallenden Hinterkopf hin wird die Ausarbeitung summarischer, die Wirbelgegend ist völlig glatt. Das Haar schmiegt sich wie eine sehr dünne, rahmende Schale an die Kopfoberfläche an und setzt sich nur über Stirn und Schläfen geringfügig plastisch ab. Die Rückseite der länglichen plumpen Ohren ist in Bosse belassen. Zwei Bohrgänge geben die Ohrmuschel jeweils nur andeutungsweise an.

Das private Porträt eines uns unbekannten reiferen Mannes lässt sich einer Gruppe von Bildnissen anschließen, die in frühtetrarchische Zeit datiert werden (Sydow 1969, Bergmann 1977). Der Kasseler Kopf stimmt mit ihnen in seiner blockartigen, stereometrischen Grundform überein, der die einzelnen Gesichtselemente wie eine äußere Schicht aufgelegt sind. Ein charakteristisches Merkmal der tetrarchischen Porträtkunst sind die übergroßen, kräftig konturierten Augen mit ihren dicken Lidern und Tränensäcken. Sie nehmen in den abstrakten erstarrten Gesichtern eine beherrschende Stellung ein und werden zum alleinigen Ausdrucksträger.

Typisch für die Bildnisse der genannten Gruppe sind außerdem die starken Asymmetrien im Gesicht sowie die Wiedergabe der kurzen Haar- und Barttracht durch flüchtige unregelmäßige Meißelschläge. Haar und Bart büßen ihren plastischen Eigenwert deutlich ein und verschmelzen stärker mit der Kopfoberfläche. Darin unterscheiden sie sich klar von den Porträts aus der nachgallienischen Phase der 70er und 80er Jahre des 3. Jhs. n. Chr. (Bergmann 1977), die häufig ähnlich gestreckte Proportionen aufweisen wie der Kasseler Kopf (Stutzinger 1983, Nr. 17. 19). Ein Verlust an Plastizität und Stofflichkeit kennzeichnet auch den eher unorganischen Aufbau seines Gesichtes. Darüber hinaus sind auch die grobe Ausarbeitung des Hinterkopfes und der Ohren bei tetrarchischen Porträts belegt (Bergmann 1977).

Das Bildnis muß folglich in frühtetrarchischer Zeit in den Jahren um 290 n. Chr. entstanden sein. In seinen realistisch-expressiven Merkmalen kombiniert es Bildformeln zu einer typisierten Darstellung älterer Männer (Stutzinger 1983, Nr. 25). Es veranschaulicht klar die Tendenzen der tetrarchischen Porträtkunst zu Abstraktion, Zurückdrängung des Individuellen und einer Spiritualisierung, die sich in der Hervorhebung der Augen als alleinigem Ausdrucksträger und dem aufwärts ins Unbestimmte gerichteten Blick äußert. Die Augenpartie des Kasseler Kopfes zeigt in ihrer Gestaltung enge Parallelen zu einem Porträt in Kopenhagen (Bergmann 1977, Johansen 1995b), ist jedoch nicht so stark verzerrt wie der Kopenhagener Kopf und eine Reihe weiterer Porträts der Zeit. Sein Inkarnat ist deutlich glatter und fester (Stutzinger 1983). Darin sah man einen konservativ-klassizistischen Zug, in dem noch die Porträtkunst gallienischer Zeit nachwirkte (Sydow 1969). Geglättete harmonisierte Züge zeigt aber auch ein tetrarchisches Porträt im Thermenmuseum Rom, das in seiner Kopfform und Haargestaltung eng mit dem Kopenhagener Bildnis verwandt ist und ebenfalls hochgezogene kordelartige Brauen und ein volleres Inkarnat aufweist (Bergmann 1977; Cesarano 1988, R 313). Folglich ist das Kasseler Männerporträt eher ein Beleg dafür, dass in tetrarchischer Zeit unterschiedliche Strömungen nebeneinander herlaufen konnten (Bergmann 1977, Stutzinger 1983, Sydow 1969).

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 57 Abb. 6 Taf. 31; Th. Kraus, Das Römische Weltreich, Propyläen Kunstgeschichte 2 (1967) 262 Nr. 326 b; AK Frankfurt 1983, Nr. 26 (D. Stutzinger).


Literatur: Zum tetrarchischen Männerporträt: H. P. L’Orange, Art Forms and Civic Life in the Late Roman Empire (1965) 105 ff.; W. v. Sydow, Zur Kunstgeschichte des spätantiken Porträts im 4. Jahrhundert n. Chr. (1969) 5 ff.; Bergmann 1977, 138 ff. Taf. 40, 2. – Zur stilistischen Einordnung: H. Jucker, AntK 2, 1959, 57 ff. Taf. 31. 32, 1. 2; AK Frankfurt 1983, Nr. 17. 19. 25 (D. Stutzinger); Giuliano 1988, 409 ff. R 312–313 Abb. (A. L. Cesarano); Johansen 1995b, Nr. 71.

(NZE)

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