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Satyr Bild1

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Satyr
Kopf, unterlebensgroß
Inv.-Nr. (Sk 148)

Spättiberisch-claudisch, 30–50 n. Chr.

Weißer, feinkristalliner Marmor mit gelblicher, alabasterartiger Oberfläche.

H 32,5 cm
H Kinn bis Stephane: 22 cm
H Kinn bis Scheitel: 21 cm


Fundort: Angeblich Rhodos (?)

Zugang: Leihgabe seit 1992. Erworben 2000 im Kunsthandel R. Eberwein, Göttingen. Angeblich in den 30er Jahren des 19. Jhs. von Privatsammler auf Rhodos erworben. (Rückerstattet 2006 an das Museum in Licenza (Mittelitalien))


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Am Halseinsatz unregelmäßig gebrochen. Entlang der r. Seite Teile des Gesichtes mit Ohr und Großteil der Haarschlaufe sowie Teil des Halses schräg abgeschlagen. Oberer Teil der Stephane, oberes Stück der Stirnschlaufe, Nase und großer Teil des Kinns abgebrochen. Augen, linke Wange, Mundpartie und restliche Frisur bestoßen. Riss durch die l. Gesichtshälfte. Im Haar hinter dem l. Ohr Bruchfläche, darin Bohrloch. Löcher r. im Bereich der Stephane. Oberfläche des Gesichtes r. verwittert, l. intakt. Wurzelfaser- und Sinterspuren. Restaurierung 1992: Metallstreifen für moderne Anbringung auf der RS entfernt, Montagelöcher verschlossen. Standübel montiert.

Beschreibung: Der leicht unterlebensgroße Kopf wandte sich geringfügig nach rechts. Unterhalb der Kante am Halsansatz sind Reste eines Einsatzes erhalten. Das längliche Gesicht mit der niedrigen glatten Stirn ist im unteren Bereich schwer und massig. Eine Falte markiert den etwas schwammigen Übergang zum Hals. Die geschweiften mandelförmigen Augen liegen unter gratigen geschwungenen Brauenbögen sehr flach in weiten Höhlen. Die breiten Orbitale quellen nur wenig über den Lidern vor, von denen sie eine leichte Rille trennt. Die flachen schmalen Oberlider bilden mit den Unterlidern, die eng an den Augäpfeln anliegen, jeweils einen durchgehenden Rahmen für die schwach gewölbten Augenflächen, die zu den Seiten deutlich umbiegen. Die Tränenkanäle sind plastisch angegeben. Die Mundwinkel sind stark in das Gesicht eingetieft und abrupt zu einem Lächeln nach oben gezogen. Der Mund öffnet sich leicht, so dass eine Zahnreihe zum Vorschein kommt. Das Gesicht hat ein weiches Inkarnat.

Das Haar ist auf dem Oberkopf in welligen Strähnen von hinten nach vorne gekämmt. Von dort läuft es in engen Wellen zu den Seiten. Vor den Ohren und über der Stirnmitte ist das Haar jeweils zu einer Schlaufe mit Überschlag aufgenommen. Auf der rechten Kopfseite ist noch ein Stück ihres oberen Ansatzes erhalten. Haltehilfen für die Schlaufen sind nicht angegeben. Auf der Mittelachse der Stirnschlaufe ist eine Kette aus kleinen ovalen Gliedern sichtbar. Möglicherweise handelt es sich um ein Schmuckband. Die weiche Haarmasse gliedert sich in eng geriffelte, wellige Strähnen. Die linke Haarschlaufe setzt sich durch eine Kette von Bohrlöchern von ihrem Überschlag ab. Hinter dem linken Ohr ist ein abgebrochener Haarrest erhalten, auf der rechten Rückseite des Kopfes ein Stück der Halsoberfläche. Davor zeichnet sich eine erhabene Kante ab, die in einem langgestreckten Bogen nach vorne verläuft.

Auf dem Oberkopf sitzt eine Stephane, deren unterer Teil mit Blattrosetten verziert ist. Darüber befinden sich Rankenbögen, die sich zu kleinen Voluten einrollen, auf denen Palmetten als Zierelemente saßen. Sie waren à jour gearbeitet und sind nur noch teilweise vorhanden. Dahinter befinden sich Stützstege, die ursprünglich nicht sichtbar waren. Die Rückseite des Kopfes ist als senkrechte glatte Fläche gearbeitet und bis auf einen schmalen Rand mit dem Spitzeisen aufgeraut. Die abgebrochene Haarpartie hinter dem linken Ohr steht als schmaler Steg über. Rechts neben ihr befindet sich eine kleine aufgeraute Vertiefung.

Der Kopf gehört einem archaistischen Typus an, der in einer Reihe von Exemplaren überliefert ist. Er tritt in zwei Varianten auf, nach deren aussagekräftigsten Vertretern er als Typus Brüssel-Konservatorenpalast bezeichnet wird (Herdejürgen 1972, Rumscheid 1992). Es gibt Hinweise darauf, dass bei diesem entsprechend der Variante Brüssel ursprünglich je ein Haarstrang hinter den Ohren auf die Schultern herabfiel. Der Haarrest hinter dem linken Ohr stammt möglicherweise vom Ansatz eines derartigen Lockenstrangs. Am Hals sind zwar keine weiteren Ansatzspuren zu sehen, es wäre jedoch eine freiplastische Ausarbeitung bis zur Schulter denkbar (Rumscheid 1992). Das Bohrloch und die Vertiefung auf der Rückseite deuten entweder auf eine separate Anfertigung des Haarstrangs hin oder sie sind auf eine spätere Reparatur zurückzuführen. Die erhabene Kante auf der rechten Seite des Kopfes ist wohl zu Recht als Rest eines analogen Lockenstrangs gedeutet worden (Rumscheid 1992).

Der Kopf lehnt sich im Aufbau seiner Frisur und in seiner Augenform an Motive der spätarchaischen Kunst des ausgehenden 6. – frühen 5. Jhs. v. Chr. an. Entgegen anderslautender Auffassungen (Herdejürgen 1972, Bol 1983) ist eine Stirnschlaufe bei diesen offenbar durchaus möglich (Rumscheid 1992). Auch das Lächeln mit den stark eingetieften Mundwinkeln und die einfache Stilisierung des Ohres erinnern an archaische Motive. Der Bildhauer des Kopfes bemüht sich um eine besonders sorgfältige Umsetzung der archaischen Formeln (Rumscheid 1992). Im Gegensatz zu zahlreichen Beispielen der Gruppe ist der Mund archaischer Statuen aber nicht geöffnet (Herdejürgen 1972). Das schwere massige Untergesicht verweist auf Formen des Strengen Stils im frühen 5. Jh. v. Chr.

Angesichts der mannigfachen Unterschiede zwischen den einzelnen Exemplaren der beiden Varianten (Herdejürgen 1972) sollte man die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sie nicht auf einen konkreten Typus (Herdejürgen 1972, Rumscheid 1992) zurückzuführen sind, sondern vielmehr einem allgemeinen bildhauerischen Konzept folgen (Landwehr 1998). Es verbindet in eklektischer Weise unterschiedliche Stilelemente. Über die Deutung der Köpfe herrscht bislang Uneinigkeit. Als Umsetzungen eines allgemeinen Konzeptes könnten sie versatzstückhaft für unterschiedliche Darstellungen eingesetzt werden (Rumscheid 1992).

Die sichtbare Zahnreihe in Verbindung mit einem fröhlichen Lachen geht auf hellenistische Darstellungen von Satyrn und Nymphen zurück, die zum Gefolge des Dionysos gehören. Sie ist Ausdruck der dionysischen Hilaritas (Herdejürgen 1972, Rumscheid 1992, Smith 1991). Daher stellt der Kopf wohl nicht Apollon (Rumscheid 1992) dar, sondern eher ein Wesen aus dem dionysischen Kreis. Obwohl die Frisur nicht eindeutig männlich oder weiblich ist (Rumscheid 1992, anders Herdejürgen 1972, Bol 1983), handelt es sich aufgrund der Gesamterscheinung höchstwahrscheinlich um einen Satyrn.

Die Dreischlaufenfrisur ist innerhalb der archaistischen Kunst im mittleren 1. Jh. v. Chr. belegt, der Typus bzw. das Konzept ist also wohl noch in späthellenistischer Zeit entstanden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass seine Wurzeln sogar weiter in die hellenistische Periode zurückreichen (Herdejürgen 1972, Rumscheid 1992). Auch das gerade bei dem Kopf besonders ausgeprägte Lächeln mit sichtbarer Zahnreihe nährt diese Vermutung. In der Gestaltung seiner Augenpartie findet der Satyrkopf Parallelen unter den Herrscher- und Privatporträts spättiberisch-claudischer Zeit, daher muß er etwa zwischen 25 und 50 n. Chr. entstanden sein (Rumscheid 1992, Fuchs 1992, Johansen 1994).

Die technische Zurichtung seiner Rückseite und seines Halses spricht dafür, dass er ursprünglich in eine Doppelherme eingesetzt war (Fuchs 1992). Er könnte mit einer Mänade, einem Silen oder Dionysos kombiniert gewesen sein. Unbärtige Satyrhermen treten bereits im ausgehenden Hellenismus auf, Doppelhermen in archaistischer Stilisierung sind seit der zweiten Hälfte des 1. Jhs. v. Chr. geläufig (Wrede 1986). Die entsprechenden Stilmittel unterstreichen bei Hermen deren statuarischen Bildwerkcharakter im Gegensatz zu agierenden Figuren (Hackländer 1996).

Publiziert:
F. Rumscheid, AA 1992, 83 ff. Abb. 1–6.


Literatur: Zum Typus: H. Herdejürgen, JdI 87, 1972, 299 ff.; Bol 1983, Nr. 5. – Zu Konzeptfiguren: Landwehr 1998. – Zu hellenistischen Vorbildern: R. R. R. Smith, Hellenistic Sculpture (1991) 127 ff. – Zu archaistischen Elementen: N. Hackländer, Der archaistische Dionysos (1996) 70 ff. 161 ff. – Zu Hermen: H. Wrede, Die antike Herme (1986) 29 f.; Fuchs 1992, Nr. 3. – Zur Datierung: Fittschen – Zanker 1983, Nr. 3 Taf. 3; D. Boschung, Die Bildnisse des Caligula (1989) 109 f. Nr. 11; Fuchs 1992, Nr. 6; Johansen 1994, Nr. 38. 40. 74.

(NZE)

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