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Hadrian Bild1

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Hadrian
Einsatzkopf, überlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 35

Kopie 17. oder frühes 18. Jh. nach antikem Vorbild.

Weißer, feinkörniger Marmor mit dunklen Adern und Sprenkeln.

H 42 cm
H Kinn bis Haaransatz 19,8 cm



Zugang: Erworben 1750 durch Rat Arckenholtz für Landgraf Wil-helm VIII. auf der Auktion in Den Haag, Slg. Wassenaer-Obdam.


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Nahezu intakt; Nasenspitze und l. Ohr bestoßen, kleine oberflächliche Verletzungen. Restaurierung 1985: gereinigt, Standdübel montiert.

Beschreibung: Der überlebensgroße Einsatzkopf mit knappem rechteckigem Büstenausschnitt sitzt auf einem kurzen kräftigen Hals und wendet sich stark nach rechts. Das Gesicht bildet ein breites Oval mit einer hohen Stirn, die trapezförmig von Locken gesäumt ist sowie etwas hängenden, leicht hohlen Wangen. Eine sanft eingetiefte Querfurche teilt die Stirn, die sich zu den flach geschwungenen, kantigen Augenbrauen vorwölbt. Sie sind mit einer dünnen Haarschraffur versehen und ziehen sich über der Nasenwurzel zusammen, so dass sich dort zwei ausgeprägte Vertikalfalten bilden. Feine kantige Lider rahmen die mandelförmigen Augen. Besonders am rechten Auge überlappt das knappe Orbital im äußeren Winkel das Oberlid. Die Pupillen sind durch eine doppelte Bohrung angegeben, die Iris durch eine feine Rille. Der Blick scheint sich leicht nach oben zu richten. Unter den Augen zeichnen sich Hautfalten ab.

Auf dem Rücken der großen kräftigen Nase mit ihrem vertieften Ansatz deutet sich ein Höcker an, die Nasenspitze zeigt leicht abwärts. Weich eingesenkte Nasolabialfalten leiten zu dem geraden Mund mit vollen Lippen über, den ein Schnurrbart umrahmt. Ein gestutzter Vollbart bedeckt Kinn und Wangen. Seine kurzen dicken Locken sind auf der rechten Kopfseite stärker nach unten gestrichen, auf der linken eher nach hinten. In der Kinnmitte findet sich eine symmetrische Teilung. Das Gesicht hat ein sanft bewegtes Inkarnat mit einer unebenen weichen Modellierung der Oberfläche.

Von einem Haarwirbel am Hinterkopf gehen radial angeordnete, großzügig geschwungene Locken aus. Regelmäßig angeordnete Meißelspuren begleiten z. T. deren Kontur. Die Locken sind in kantige Strähnen unterteilt. Insgesamt ist das Haar am Hinterkopf eher schematisch angelegt und sehr flach ausgearbeitet. Die Stirn- und Schläfenlocken dagegen, die sich nach oben hin aufrollen, sind plastischer wiedergegeben. Bohrkanäle und Bohrlöcher lockern die voluminöse Masse auf, wobei einzelne Bohrstege stehengeblieben sind. Dennoch wirken die großzügig geschwungenen Strähnen erstarrt. Über der rechten Schläfe bildet sich eine zweite Reihe eingerollter Lockenbuckel, über der linken Schläfe dagegen ein kompliziertes Geschlinge aus Locken, die beinahe ›barock‹ ineinanderquellen. Die matt schimmernde Oberfläche des Stückes ist aufgeraut, nur im Gesichtsbereich ist sie etwas geglättet. Am Büstenrand, im Bart, unter den Ohren und am Hinterkopf finden sich feine Löcher.

Der Kopf lässt sich ikonographisch eindeutig als Porträt des Kaisers Hadrian (reg. 117–138 n. Chr.) identifizieren. Die bildhauerische Ausführung, die Oberflächenbehandlung, die Form des Büstenausschnitts und der Erhaltungszustand zeigen jedoch klar, dass es sich um eine neuzeitliche Arbeit nach einem antiken Vorbild handelt (Bieber 1915, Wegner 1956, Müller-Kaspar 1988, Boosen 1985/91).

Kopfwendung, Frisur und physiognomische Merkmale lassen den Schluß zu, dass bei der Herstellung des Kasseler Stückes ein antikes Bildnis des Hadrian vom Typus ›Panzerbüste Imperatori 32‹ (Wegner 1956) Pate gestanden hat. Dieser Porträttypus des Kaisers war in der Antike am weitesten verbreitet und wurde wohl im Jahre 128 n. Chr. geschaffen anlässlich der Annahme des Pater Patriae-Titels durch Hadrian (Wegner 1956, 60 f.; Fittschen – Zanker 1985). Das namengebende Exemplar in den Kapitolinischen Museen Rom zeigt jedoch keine gebohrten Pupillen. Daraus ergibt sich die Vermutung, dass dem neuzeitlichen Bildhauer eher die eng verwandte antike Replik des Typus in den Uffizien Florenz als Vorlage gedient hat (Boosen 1985/91, Mansuelli 1961). Sie zählt wie die kapitolinische Porträtbüste zu den am längsten bekannten antiken Exemplaren des Typus (Fittschen – Zanker 1985). Zudem weist sie eine länglichere Gesichtsform auf als das kapitolinische Stück, eine dünnere Augenbrauenschraffur und eine Teilung des Bartes am Kinn. Die genannten Merkmale begegnen uns auch bei der Kasseler Nachbildung.

Der Bildhauer bemühte sich offensichtlich um eine ikonographisch genaue Wiedergabe seines Vorbildes sowie um eine handwerklich hochwertige Ausführung. Er berücksichtigt selbst Details wie das vom Orbital überlappte rechte Oberlid. Bei den antiken Repliken des Typus ziehen sich jedoch die Augenbrauen stärker zusammen. Der konzentrierte, nach vorn gerichtete Blick scheint einen bestimmten Punkt zu fixieren. Die neuzeitliche Nachbildung lenkt jedoch ihren Blick eher aufwärts ins Unbestimmte. Den Ausdruck von Konzentration und Willensstärke, der die antiken Exemplare auszeichnet, gibt die Arbeit nicht wieder.

Generell sind ihre Gesichtszüge einschließlich der Altersmerkmale gegenüber den antiken Repliken deutlich abgemildert und geglättet, was sich insbesondere in der Wiedergabe der Nase, der Stirnfurchen und der übrigen Inskriptionen zeigt. Das Haar ist bei den antiken Vertretern des Typus wesentlich plastischer ausgeführt, die Strähneneinteilung ist feiner und präziser artikuliert.

Zudem ist auffällig, dass die Panzerbüste der Vorlage nicht mitkopiert wurde. Die Herrichtung des knappen Halsausschnitts zeigt jedoch, dass auch der neuzeitliche Kopf zum Einsetzen in eine Büste oder Statue bestimmt war (Boosen 1985/91). Die trotz der festgestellten Abweichungen bemerkenswerte Vorbildtreue und die sehr gute Qualität der Marmorarbeit lassen eine Entstehung des Kopfes in Italien im 17. oder frühen 18. Jh. denkbar erscheinen (Boosen 1985/91). Die matt schimmernde Oberflächenbearbeitung ist ebenfalls im 18. Jh. geläufig.

In den aristokratischen Sammlungen dieser Zeit galten getreue Nachbildungen berühmter Antiken, möglichst im Maßstab 1:1, als notwendige Ergänzungen des Bestandes an Originalen. Sie befriedigten auch den Wunsch nach Porträts bestimmter exemplarischer Persönlichkeiten der Antike, die im Kunsthandel nicht immer oder nicht in der gewünschten Qualität erhältlich waren. Kaiser Hadrian erfreute sich dabei offenbar besonderer Beliebtheit, galt er doch als ein Muster des ›guten‹ Herrschers (Rößler 2000). Als Vorlagen dienten häufig die kanonischen, weithin bekannten Werke in Rom und Florenz (Fittschen – Zanker 1985, Kockel 2000, Boschung 2000).

In diesen Kontext gehört wohl auch der Kopf aus der Sammlung Wassenaer-Obdam. Daher kann man ihn nicht als ›Fälschung‹ bezeichnen (Bieber 1915; Wegner 1956; Müller-Kaspar 1988, 128). Da der Kronprinz und spätere Landgraf Friedrich II. 1750 auch sein Interesse an Antikennachbildungen geäußert hatte (Schweikhart 1979), kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass der Kopf damals bewußt als solche erworben wurde.

Publiziert:
Wassenaer Auktion 1750, Nr. 303; Bieber 1915, Nr. 53 Abb. 4.


Literatur: Boosen 1985/91, Nr. 44. – Zum Typus des antiken Vorbilds: M. Wegner, Hadrian (1956) 20 ff., 99; Helbig, 4. Auflage II (1966) Nr. 1298 (H. von Heintze); Mansuelli 1961, Nr. 92; V. Poulsen, Les Portaits Romains II (1974) Nr. 41; Fittschen – Zanker 1985, Nr. 52 Taf. 58. 59; 55 f. Anm. 15e; Johansen 1995a, Nr. 40; Kersauson 1996, Nr. 50. – Zu neuzeitlichen Nachbildungen: Wegner a. O. 47 ff.; AK Kassel 1979, 119 ff. (G. Schweikhart); G. Heres, WissZBerl 2/3, 1982, 209 f.; Müller-Kaspar 1988, 62 f. 75. 128; Boschung – Hesberg 2000, 11 ff. (D. Boschung) 31 ff. (V. Kockel) 134 ff. (D. Rößler); K. Fittschen, Die Bildnisgalerie in Herrenhausen bei Hannover. Zur Rezeptions- und Sammlungsgeschichte antiker Porträts (Göttingen 2006).

(NZE)

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