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Athena ›Lemnia‹ Typ Dresden-Kassel Bild1

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Athena ›Lemnia‹ Typ Dresden-Kassel
Statuentorso, etwas überlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 2

Römische Kopie, um 160–170 n. Chr. nach griechischem Vorbild um 440 v. Chr.

Weißer, feinkristalliner Marmor, besonders transluzent

H des Torsos (l. Oberarm bis OK Plinthe) 174 cm



Zugang: Erworben 1777 von T. Jenkins bzw. General Johann Ludwig Graf von Wallmoden-Gimborn durch Landgraf Friedrich II. in Rom. (s. Zur Geschichte der Skulpturensammlung Abb. 2.)


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Oberfläche ringsum und besonders in der unteren Hälfte stark bestoßen, Traufspuren auf Brustgewand und Ägisfalten. Unterhalb des Peplosüberschlages quer durchgebrochen, r. Schulterblatt mit Ägis und Gewand bis zur Nackenmitte und Eintiefung des r. Oberarmes abgebrochen; horizontale Risse und Sprünge im Gewand über den Füßen. Verloren: Kopf mit Hals und Büstenansatz, l. Arm bis auf das Schultergelenk, r. Arm mit Schultergelenk, drei große und viele kleine Fehlstellen entlang des mittigen Bruches, größere Plinthenteile mit Fußspitzen, Attribute. Vom Gewand fehlen vor allem freiplastische und hochreliefierte Teile: Ägisrand mit Schlangen, Ränder des Peplosüberschlages seitlich und unten, Stege der Steilfalten, Ränder der Zickzacksäume. Vor 1777 Oberfläche geputzt, Schnitte und Abarbeitungen für Ergänzungen und Montage mit Kopf Kat. 1.14. Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Im 2. Weltkrieg beschädigt. Restaurierung 1965: Oberfläche chemisch gereinigt, eiserne Armdübel entfernt, einige Marmorergänzungen mit Messingdübeln gestiftet, mit Steinkitt ausgebessert. Restaurierung 1974/75: Sämtliche Brüche und Anstückungen gelöst; Marmorergänzungen, Dübel und Klammern entfernt; gereinigt, zusammengesetzt; Dübellöcher und klaffende Brüche mit Gips geschlossen; mit Standdübel gesockelt.

Beschreibung: Der etwas überlebensgroße Torso ist zu einem Standbild der Helm und Lanze haltenden Athena zu ergänzen. Drei maßgleiche Körperrepliken (darunter eine Statue), vier Einzelköpfe und fünf Gemmenbilder (Büsten) sind bisher bekannt. Die Bezeichnung Typus Lemnia hat A. Furtwängler 1891 eingeführt, als er plastische, bildliche und schriftliche Überlieferungen zusammenführte und diese bedeutende hochklassische Götterfigur rekonstruierte.

Athena steht aufrecht und ruhig, das linke Spielbein nur wenig zur Seite und den Fuß etwas zurückgesetzt. Chiastisch ponderiert hat sie die rechte Schulter mit anliegendem Oberarm gesenkt und die linke Schulter der Spielbeinseite mit horizontal zur Seite gestrecktem Oberarm angehoben. Mit der angewinkelt vorgestreckten rechten Hand hält sie dem Betrachter einen korinthischen Helm entgegen. Die linke erhobene Hand umfasst eine Lanze, die sie vor ihrem Spielbeinfuß aufgestellt hat. Barhäuptig wendet sich die Göttin entschieden der Standbeinseite zu und blickt in Richtung auf den Helm. Das jugendliche Anlitz mit kräftigem Mund, energischem Kinn und eher kleinen Augen wird von dem fülligen, fein gewellten und von einer breiten Binde gehaltenen Lockenhaar gerahmt.

Die Göttin trägt den Peplos mit langem Überschlag und eine Schrägägis. Bis auf den kleinen spitzen Büstenausschnitt, den schmalen geraden Nackenausschnitt und die typisch entblößte linke Achselpartie ist Athenas Körper vollkommen bekleidet. Hochplastische und dicht gereihte Vertikalfalten des Peplos umschließen säulenhaft die Standbeinseite. Der Saum des Überschlages endet weitgehend freiplastisch unterschnitten und im eigenen Faltenduktus. Einige bogige Zugfalten verdeutlichen die Bewegung des Spielbeines mit dem vorgestreckten Knie und zurückgesetzten Fuß. Der untere Gewandsaum stößt am Boden auf und bildet verstärkt über den Fußristen kleine Stau- und Knickfalten; nur die Fußspitzen werden sichtbar. Athena trägt Sandalen, auch die des Spielbeinfußes liegt anscheinend flach mit ganzer Sohle auf. Auf der rechten Seite zeigt ein schmaler Spalt zwischen den beiden Zickzackfalten der Gewandränder die Stoßfuge des seitlich offenen Peplos an.

Die schuppige Ägis mit kurzen Schlangen ist an ihren beiden Zipfeln auf der rechten Schulter geknotet, schräg über Brust und Rücken gelegt und erreicht an der linken Taille und Hüfte ihre größte Breite. Der obere glatte Rand liegt eng am Körper an und staut den Peplos im Bereich der linken Brust und Achsel. Der untere partiell sich wellende Rand zeigt die Fellunterseite mit rissig ledriger Struktur. Er ist vorn und hinten in je sechs flache Bögen geschnitten. Die Zacken zwischen ihnen laufen in stark bewegte kurze Schlangen mit teils freiplastischen Köpfen aus. In der Taille sind Peplos und Ägis mit einem Schlangengürtel straff zusammengehalten. Wie die Ägis auf der Schulter ist der Gürtel mit einem Heraklesknoten geschlossen. Den Charakter eines gepanzerten Körperschutzes veranschaulichen die dicke, sperrig sich wellende Ägis mit wulstigen Falten und ihre dicken, dachziegelartig sich überlappenden Schuppen. Einen weiteren wirksamen Schutz gewährt der Göttin das in ihrer Herzgegend auf der Ägis befestigte Haupt der Medusa Gorgo. Das Gorgoneion gewinnt sein furchterregendes animalisches Aussehen durch wulstige Lippen, die bleckende Zunge auf der Unterlippe, breite Nasenflügel und schwere Oberlider unter wulstigen Brauen und vor allem durch sein scheitelloses wirres Haar, dessen Lockenbüschel nach oben und zu den Seiten züngeln.

Der chiastischen Körperponderation entsprechen Bildelemente, welche die raumgreifende Komposition ausbalancieren: schließend auf der entlasteten Spielbeinseite durch den erhobenen linken Arm und die schräg zum Fuß der Figur zurückführende steil aufgestellte Lanze – öffnend auf der Standbeinseite durch die Kopfwendung mit Blickrichtung auf den dargebotenen Helm.

In der Kopienkritik der etwa maß- und motivgleichen Statuenkopien hat der Kasseler Torso lange Zeit eine abwertende Einschätzung erfahren. Beim detailgenauen Vergleich anhand neuer Gipsabgüsse konnte 1991 das pauschale Urteil erstmals geprüft und revidiert werden (Weber 1991). Die beiden Dresdner Repliken erweisen sich als bildhauerisch vereinfachte Ausführungen in der Wiedergabe der Gewänder (Stege, Täler, Bögen der Falten), der flach bis schematisch gravierten Ägisschuppen und des Gorgoneion. Beide geben den Peplos nicht bodenlang sondern etwas kürzer und begradigt wieder, dabei Faltenmotive abrupt negierend und Zipfel abschneidend; beim verstärkt vereinfachenden Torso Hm 50 steht der Peplossaum hinten noch in Bosse, bei der Statue Hm 49 ist er keilförmig abgearbeitet und der Spielbeinfuß vorn abweichend tiefergelegt. Die höhere Bewertung der einfacher bis schematischer gearbeiteten Dresdner Repliken war mitbestimmt von der Vorstellung, das Original sei auf eine Weihung lemnischer Kleruchen um 450 v. Chr. zurückzuführen und gehöre stilgeschichtlich in vorparthenonische Zeit. Der Kasseler Torso jedoch übertrifft die reduzierenden Dresdner Kopien in plastischer Modellierung und stärkerer Differenzierung gerade in den ihnen gemeinsamen Motivelementen. Die qualitativ aufwendigere Ausführung kann sowohl einem antoninischen Kopistenatelier als auch einer detailgetreueren Wiedergabe des toreutischen Originals zugeschrieben werden; für eine ehemals angenommene vollständige Umarbeitung und gekünstelte Hinzufügungen jedenfalls fehlen der Kasseler Replik kopistenspezifische Indizien. Trotz des beklagenswerten Zustandes ist der Torso bei der stilkritischen Rekonstruktion dieses Figurentypus stärker zu berücksichtigen.

Die neu erschlossene, aus antiken Quellen dokumentierte Helmhaltung und somit die Charakterisierung als Athena Ergane erscheinen überzeugend (Steinhart 2000). Damit wird der früher vermutete Anlass einer um 450 v. Chr. zu datierenden Kleruchenweihung und demzufolge die erwogene Anlehnung an ältere Stiltendenzen hinfällig. Zugleich gewinnt die Identifizierung dieses Figurentypus als helmhaltende Athena Ergane mit der von Pausanias beschriebenen, von Lemniern gestifteten Athena des Pheidias im Bereich der Propyläen auf der Akropolis gewichtige neue Argumente: Formgeschichtlich und konzeptionell steht der Figurentypus unter Berücksichtigung des Kasseler Torsos durchaus im Einklang mit den bildhauerischen und motivischen Neuerungen parthenonischer Kunst, in Tracht und Gewandstil mit Figuren des Ostgiebels und des Westfrieses. Motivgeschichtlich und mythologisch ist dieses Weihgeschenk sowohl für Athen als auch für Lemnos besonders bezeichnend. Barhäuptig einen damals nur noch der Repräsentation dienenden korinthischen Helm offerierend wird Athena Ergane als altbewährte Beschützerin der Arbeit und des Handwerks vorgestellt. Zugleich scheint ihre göttliche Partnerschaft und besondere Beziehung zum genialen Künstler und Waffenschmied Hephaistos auf, der auf der vulkanischen Insel Lemnos beheimatet an der Athener Agora mit ihr seine bedeutendste Kultstätte hat. Den Vorschlägen, andere Figurentypen mit der Lemnia zu identifizieren – Athena Typ Medici (Harrison 1996) oder Athena Typ Fier/Berlin/Richmond (Meyer 1997) – mangelt es an motivischen und mythisch-aitiologischen Indizien für eine lemnische Weihung. Die neue ikonographische Interpretation des Figurentypus Dresden-Kassel als Ergane bestärkt die Gleichsetzung mit der pheidiasischen ›Lemnia‹.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 2 Taf. 9; AK Kassel 1991, Nr. 34 Torso (Gipsabguß), Nr. 47 Zustand 1777 bis 1912 (Gipsabguß). – Im Museum Fridericianum 1777–1912: Tiedemann 1779a, 4 ff. Minerva ohne Cognomen; Völkel 1818, 156 f. Nr. 1 Pallas, Kopf nicht zugehörig. – Im Musée Napoléon 1807–15: Savoy 2003b, 16 Nr. 15 a Torso. b Kopf, Abb. Zustand seit 1974, Minerva dite Pallas de Velletri; Martinez 2004, 121-122 Nr. 0193 Abb.; s.o. Zur Geschichte der Skulpturensammlung Abb. 6 und 7c.


Literatur: Zu dem Figurentypus Dresden-Kassel und den Identifizierungen: RE XII 2 (1925) 1897 ff. s. v. Lemnia (H. Lamer); BrBr 793/94 Repliken Dresden (W. Müller, 1943); Lippold 1950, 145 Taf. 51, 3; A. Linfert, AM 97, 1982, 59 ff. Taf. 21; K. J. Hartswick, AJA 87, 1983, 335 ff. Taf. 42–46; LIMC II (1984) 976 Nr. 197. 1030 s. v. Athena (P. Demargne); LIMC II (1984) 1084 Nr. 141. Nr. 141a s. v. Athena/Minerva (F. Canciani); H. Protzmann, Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 16, 1984 (1987) 7 ff.; E. B. Harrison, Lemnia and Lemnos. Sidelights on a Pheidian Athena, in: M. Schmidt (Hrsg.), Kanon. FS E. Berger, AntK Beih. 15 (1988) 101 ff.; AK Kassel 1991, 56 ff. (M. Weber); E. B. Harrison in: Palagia – Pollitt 1996, 52 ff. Pheidiasische A. Lemnia = A. Medici; H. Meyer in: G. Erath – M. Lehner – G. Schwarz (Hrsg.), Komos. FS Th. Lorenz (1997) 111 ff. Abb. 62–66 A. Lemnia = A.Typus Fier/Berlin/Richmond; M. Steinhart, AA 2000, 377 ff. A. Lemnia Ergane Helm überreichend wie Gemmenbilder; M. Weber, Thetis 9, 2002, 58 f. A. Lemnia Ergane in Figurenkonstellation mit Strategenporträt des Perikles 440/439?; AK Berlin 2002, 656 Nr. 525 Abb. Einsatzkopfreplik Baia 292860 aus Pozzuoli (C. Valeri); P. C. Bol, Klassische Plastik II (2004) 31 Abb. 41; G. Neumann, AM 119, 2004, 221 ff. Taf. 47–54 stilistischer Kopfvergleich mit Parthenonfries Ost V 28; Goette – Hammerstaedt 2004, 78 f. Athena Ergane, Schriftquellen. – Zur Reduktion des Kriegerischen: A. Linfert, AM 97, 1982, 72 ff. bes. Schrägägis. – Zum Gorgoneion: J. Floren, Studien zur Typologie des Gorgoneion (1977) 139 ff. bes. 142. – Zum Typus auf Gemmen: AK Kassel 1991, Nr. 39–43 Gipsabdrücke (P. Gercke). – Zu Nachbildungen in Kassel (Helmposition veraltet): AK Kassel 1991, 40 ff. Nr. 49 N 139. Nr. 51 ALg 322 WMF 1915 Kupfergalvano, Leihgabe 1991 (P. Gercke), weitere Replik Kopenhagen, Botanischer Garten; J. St. Østergaard (Hrsg.), ClassiColor. AK Kopenhagen (2004) 87 ff. Abb. 2 N 139. Abb. 4 u. 6 N 142 (P. Gercke); H. R. Goette – Th. M. Weber, Marathon (2004) 55 Abb. 71 N 142 falsche Bildlegende. – Zur antiken Wirkungsgeschichte: Helbig IV 4(1972) Nr. 3218 (H. von Steuben); Villa Albani 1990, Nr. 178 Taf. 46–49 (R. Bol) Karyatide. – Zu General Johann Ludwig Graf von Wallmoden-Gimborn: Slg. Wallmoden 1979, 12 f. (U. Müller). – Zu Pheidias/A. Lemnia: zuletzt Vollkommer 2004, 218 f. Nr. 7. s. v. Pheidias (I) (V. M. Strocka).

(PG)

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