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Apollon Typ Lykeios Bild1

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Apollon Typ Lykeios
Statuentorso, etwas überlebensgroß
Inv.-Nr. Sk 5

Römische Kopie oder Variante, um 80–90 n. Chr. nach griechischem Vorbild um 340–330 v. Chr.

Weißgrauer, feinkristalliner Marmor mit vertikalen Sedimentstreifen, Rostflecken.

H des Torsos 115,5 cm
Distanz Brustwarzen 23 cm
l. Brustwarze bis Penisansatz 44,5 cm
r. Brustwarze bis Penisansatz 41 cm
Halsgrube bis Penisansatz 49 cm



Zugang: Erworben 1777 durch Landgraf Friedrich II. in Rom


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Erhaltungszustand/Restaurierung: Unergänzt. Oberfläche verwaschen und bestoßen; größere Abplatzungen an Hals, Armstümpfen, Bauch, Rücken bes. l. Schulterblatt und l. Glutäus; 5 x 6 cm großer Puntelloansatz an l. Hüfte; zwei Eintiefungen hinten am r. Oberschenkel; horizontale Schnittkerben auf dem Unterbauch vermutlich vom Abformen im 19. Jh. Verloren: Kopf, Arme bis auf Ansätze, beide Unterschenkel ab Knie, Penisspitze, Plinthe, Statuenstütze. Vor 1777 Oberfläche geputzt, Schnitte und Abarbeitungen für Ergänzungen und Montage mit Kopf Kat. 2.3, Puntello abgearbeitet, Eintiefungen hinten am Standbein vermutlich für eine zweite Stütze beim Ergänzen des Unterschenkels vorgenommen (vgl. Ölausgießer Dresden Hm 67). Restaurierung 1912/13: (Bieber 1915). Restaurierung 1963/64: mit 2 Messingstanddübeln auf Diabasplatte gesockelt. Restaurierung 1973/74: Brüche und Anstückungen gelöst; alte Bleivergüsse, Messingdübel und Diabasplatte entfernt; gereinigt, zusammengesetzt, Fugen, Klammer- und Dübellöcher mit Gips geschlossen, mit Standdübel gesockelt.

Beschreibung: Die gegensätzlichen Bewegungen von Rumpf und Beinen sowie die motivischen Kontraste von angespannter, aktiver und entlasteter, gestützter Körperseite vereinheitlicht ein durch die Figurenmitte führender abgestuft S-förmiger Schwung, der auf der nachlässiger ausgeführten Rückseite linear vereinfacht wiederkehrt. Die ziemlich eng geführten Oberschenkel weisen beide die Tendenz einer Schrägstellung zur Spielbeinseite hin auf und folgen darin typischen Beinstellungen spätklassischer Statuen (Agias Delphi, Hermes Olympia, Schaber Wien u. a.) mit nahezu auf gleicher Höhe ganzsohlig auftretenden Füßen. Das rechte Standbein und der etwas auswärts und nach vorn gerichtete Oberschenkel des Spielbeins bewirken einen kräftigen Schrägstand des Beckens mit Absenkung auf der entlasteten linken Körperseite. Der Unterkörper mit hochgezogenen unathletischen Leistenlinien, weicher Modellierung des Unterbauches und unbehaartem Schamhügel erscheint schmalhüftig und betont jugendlich. Über der hochsitzenden Taille ist der muskulöse Oberkörper auf der Spielbeinseite gestreckt und auf der Standbeinseite mit dem erhobenen rechten Arm etwas gestaucht. Der rechte Oberarmstumpf ist dicht neben dem Halsansatz steil erhoben und etwas nach vorn gerichtet. Der anliegende linkeOberarmansatz ist gesenkt und zurückgenommen; die Schulterkugel angehoben. Nach dem Halsansatz zu schließen folgte der leicht vorgestreckte Kopf der Oberkörperbewegung zur rechten Seite und wendete sich nach links. Der neuzeitlich abgearbeitete große Puntello an der linken Hüfte könnte zu einer nebenstehenden Statuenstütze geführt oder aber lediglich den frei gehaltenen Arm mit vorgestrecktem Unterarm im Bereich des Ellenbogens gesichert haben (vgl. den Bogen haltenden Arm des Apollon Kassel Kat. 1.4). Die Fehlstellen am Glutäus und Oberschenkel des Standbeins sind noch nicht schlüssig zu erklären: vielleicht neuzeitliche Entfernung von Marmorfehlern oder von vormals eingelassenen Stützen? Bei der Montage des Standdübels haben wir auf eine figurentypisch steiler erwünschte Standbeinposition verzichtet, um den Torso annähernd in Balance und drehbar zu halten und um weitere Standhilfen zu vermeiden, die bei stärkerer Rückenlage und Neigung zur Spielbeinseite unumgänglich gewesen wären.

Der schlanke Torso gehört zu einem jugendlich männlichen Standbild in markanter Haltung und Bewegung. Analog zu damals bekannten und verwandten Apollonfiguren wurde der Torso im 18. Jh. ikonographisch annähernd zutreffend mit dem antiken Kopf Kat. 2.3 und modernen Ergänzungen zu einem Apollon mit Leier vervollständigt, der durch zu steile Aufrichtung sich auf der linken Seite nicht aufstützte, sondern in ergänztem Schrittstand lässig eine kleine Leier auf einem Baumstamm mit Gewand abgesetzt hielt (s. hier Abb.). Mit dem Erwerb 1777 hat Landgraf Friedrich II. seinem Anliegen, lebensgroße Statuen und ihre handlichen, kleinformatigen Reproduktionen zu sammeln, erneut frönen können, indem er nämlich den 1750 und 1777 erstandenen Kleinbronzen diese bildlich sehr nahestehende, etwas überlebensgroße Marmorstatue, vervollständigt in Anlehnung an den Florentiner Apollino, hinzufügte (Schweikhart 1979). Im Musée Napoléon 1807–1815 erfolgte die Identifizierung dieses Figurentypus eines ausruhenden Apollon mit der von Lukian (Anarchasis 7) erwähnten Statue in dem Apollon Lykeios gewidmeten Athener Gymnasion. Die Bestandsdokumentationen und Kopienrezensionen haben seither diese vorgeschlagene Identifizierung im Wesentlichen bekräftigt und zu einer Typenklärung beigetragen (Nagele 1984, Johnston Milleker 1986, Schröder 1986, Vorster 1993, Herzog 1996). Das Original wird von den meisten Forschern in die zweite Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. datiert (anders Nagele 1984, Landwehr 1998). Die Zuschreibung an Praxiteles und die Entscheidung über das Material, Marmor oder Bronze, kommen über das Stadium plausibler Annahmen nicht hinaus (zuletzt Herzog 1996). Vollständige Klarheit für das zu rekonstruierende Vorbild besteht auch noch nicht über das Motiv des Stützens oder Anlehnens, über die Größe (H ca. 2,20 m oder 1,90 m) und einige wichtige Details der Körpermodellierung. Die meisten Kopien überliefern neben dem Spielbein eine Armstütze in Form unterschiedlich ausgestalteter Baumstämme; einzig einen Dreifuß hat die Statuettenreplik Dresden Hm 127 (zuletzt Protzmann 2000). Die mit dem Lukianzitat in Verbindung gebrachten Münzbilder, die Interpretation der Figur mit dem Motiv des Anlehnens an eine Stele (Dreifuß-Anathem?) in dem Lykeion sowie der Befund an der Torsoreplik Piazza Armerina führen zu einer modifizierten Rekonstruktion des Originales mit historisch einleuchtender Datierung und aitiologischer Deutung (Schröder 1986, Herzog 1996). Danach stand der ausruhende Apollon mit dem Rücken an eine hohe Säule gelehnt, die hinter dem Spielbein aufragte und von einem Dreifuß bekrönt wurde. In dem linken angewinkelt vorgestreckten Arm hielt er etwa parallel zur Körperflanke einen Bogen. Wie nach großer Anstrengung ausruhend hatte er den rechten Arm mit dem Handgelenk auf dem Kopf zurückgelegt. Jugendlichkeit wird hervorgehoben durch die Stirnzopffrisur, durch das Fehlen der Schambehaarung und durch die noch weichliche Formung des Unterkörpers bei einsetzender Muskelbildung des Oberkörpers infolge gymnasialer Trainingsübungen. Als Kultstatue im Gymnasion verkörpert Apollon Lykeios das Ideal der ca. 16 bis 18 Jahre alten Jünglinge vor ihrem Eintritt in die paramilitärische Ephebie für 18- bis 20-Jährige mit Kurzhaarfrisur, um anschließend in die Männergesellschaft aufgenommen zu werden. Vielleicht ist die Statue anlässlich der Errichtung eines neuen Gymnasions aufgestellt worden, das Lykourgos (s. Kat. 3.2) im Lykeion nach 336/335 v. Chr. errichten ließ.

Der Kasseler Torso kann für die Rekonstruktionsfrage – seitlich aufgestützt oder rückseitig angelehnt – keine eindeutigen Indizien beisteuern. Weder die Abplatzungen bzw. Ausbrüche am linken Schulterblatt und linken Glutäus noch die Fehlstellen hinten am Standbein sind zweifelsfrei mit einer Anlehnung an eine rückwärtige Stütze in Verbindung zu bringen. Ebenso bleibt der Puntello an der linken Hüfte mehrdeutig: Verbindungssteg zur Stütze oder zum Arm. In der errechneten Gesamthöhe von ca. 1,90 m geht das Kasseler Exemplar mit der Torsoreplik Lateran überein (Vorster 1993). Die des öfteren genannten Abweichungen (Proportionierung, S-förmiger Schwung, Haltung) sind unserem Torso nicht in dem Maße zu eigen, dass er als Variante aus der Replikenreihe entfernt und stilistisch in die Nähe des anders ponderierten und rhythmisierten Florentiner Apollino gerückt werden könnte (so Schröder 1986).

Eine genaue Kopienrezension steht noch aus (Vorster 1993), um den Figurentypus Apollon Lykeios und sein außerordentlich vielfältiges Fortwirken in hellenistischer und römischer Zeit weiter zu erforschen.

Publiziert:
Bieber 1915, Nr. 20 Taf. 22; G. E. Rizzo, Prassitele (1932) 80 Taf. 121; M. Nagele, ÖJh 55, 1984, 77 ff. 85 Replikenliste Nr. 14 Kopie; LIMC II (1984) 194 Nr. 39l s. v. Apollon (O. Palagia); LIMC II (1984) 379 f. Nr. 54 s. v. Apollon/Apollo (E. Simon); S. F. Schröder, AM 101, 1986, 167 ff. 184 Replikenliste Nr. 15 Variante; Vorster 1993, Nr. 23 Anm. 23 Variante; AK Paris 2007, 334 Abb. 232 (J.-L. Martinez). – Im Museum Fridericianum 1777–1912: Tiedemann 1779b, 5 f. Ausruhender Apollon mit Leier; Völkel 1818, 169 ff. Nr. 3 Apollon Lykeios. – Im Musée Napoléon 1807–1815: Savoy 2003b,8 f. Nr. 2 a Torso. b Kopf, Apollon Lycien, Abb. Zustand seit 1974; Martinez 2004, 31 Nr. 0016 Abb; s.o. Zur Geschichte der Antikensammlung Abb. 7 e.


Literatur: Zum Typus Apollon Lykeios: Lippold 1950, 238; E. Johnston Milleker, The Statue of Apollo Lykeios in Athens (1986) Replikenliste, Kopienrezension; Giuliano 1986, 343 f. Nr. X, 50 Abb. (D. Candilio) Statuenreplik; C. Häuber, KölnJb 21, 1988, 37 f.; S. F. Schröder, Römische Bacchusbilder in der Tradition des Apollon Lykeios (1989); Fuchs 1992, Nr. 32 Abb. 211–215 verkleinerte Wiederholung Gl 226, Vorbild ohne Säule; Andreae 1995, Taf. 607–613 Nr. 295. 297. 648. 120. 242; Villa Albani 1994, Nr. 418 Taf. 34 Kopfreplik (C. Maderna-Lauter); Landwehr 1998, 164 Anm. 132 bezweifelt den Typus Apollon Lykeios; AK Dresden 2000, Nr. 4 Statuette Hm 127 (H. Protzmann); Breuer 2001, Nr. 56 Statuettentorso, Variante, antik?; Schröder, 2004 Kat. 183 Abb. Bacchusstatuette; AK Paris 2007, 308 Abb. 221–222. 237–238, Kat. 86 (J.-L. Martinez). – Zu den Münzbildern: H. Herzog, Untersuchungen zur Darstellung von Statuen auf Athener Silbermünzen des Neuen Stils (1996) 107 ff. Tetradrachmen 70/69 v. Chr. Beizeichen, römische Bronzemünzen; AK Paris 2007, 308 Kat. 8 (M. Amandry – J.-L. Martinez). – Zu Praxiteles/A. Lykeios: A. Ajootian in: Palagia – Pollitt 1996, 126 f. Zuschreibung hypothetisch; Vollkommer 2004, 315 f. s. v. Praxiteles (II) (W. Geominy) nach 336/335 v. Chr. – Zum Heiligtum des A. Lykeios: J. Travlos, Bildlexikon zur Topographie des antiken Athen (1971) 345 Abb. 379 Nr. 202; W. Hoepfner (Hrsg.), Antike Bibliotheken (2002) 62 Abb. 80; Goette – Hammerstaedt 2004, 214 Anm. 14. – Zum Apollon Kyrene: LIMC II (1984) 222 s. v. Apollon (O. Palagia); LIMC II (1984) 383 Nr. 61 s. v. Apollon/Apollo (E. Simon). – Zum Apollino: Mansuelli 1958, Nr. 46 Abb.; LIMC II (1984) 380 Nr. 55 s. v. Apollon/Apollo (E. Simon); Kleinbronzen Kassel: AK Kassel 1979 Nr. 524 und 538 Abb. (G. Schweikhart). – Zur zweiten ergänzten Statuenstütze des Ölausgießers Dresden Hm 67: J. Bauer – W. Geominy (Hrsg.), Gips nicht mehr. AK Bonn (2000), Nr. 54 Abb. 203 (W. Geominy). – Zur Ephebie: Aristoteles, Ath. Pol. 42; Goette – Hammerstaedt 2004, 179 Anm. 17.

(PG)

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